Stand: 09.12.2019 19:19 Uhr

"Er hat sich im Fall von Jugoslawien verrannt"

Es ist soweit: Die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk und der österreichische Autor Peter Handke nehmen in Stockholm den Literaturnobelpreis entgegen - rund zwei Monate nach Bekanntgabe. Die Vergabe des Preises an Peter Handke wird bereits seit Oktober kontrovers diskutiert: Kritisiert wird Handke für seine pro-serbische Haltung während der Balkankriege und seine Grabrede bei der Beerdigung des wegen Kriegsverbrechen und Völkermords angeklagten ehemaligen serbischen Staatschefs Slobodan Milošević. Für die Preisverleihung wurden Proteste und Boykotts angekündigt - und auch die Debatte geht weiter. Die kroatisch-deutsche Autorin und Kolumnistin Jagoda Marinić hat sich früh als scharfe Kritikerin von Handke geoutet - der Literaturkritiker Volker Weidermann dagegen hat Handke kurz nach Bekanntgabe der Literaturpreise eher in Schutz genommen. Ein Gespräch mit beiden kurz vor der Preisverleihung.

Es ist immer wieder die Frage: Kann, darf, soll das Werk unabhängig von der Haltung des Erschaffers betrachtet werden. Wie sehen Sie das, Frau Marinić?

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Die deutsch-kroatische Schriftstellerin Jagoda Marinić und der Literaturkritiker Volker Weidermann.

Jagoda Marinić: Ich sehe das in diesem Fall anders und zwar unterscheiden wir ja: Beurteile ich das Werk oder rede ich darüber, ob ein Autor und sein Werk preiswürdig sind? Der Nobelpreis ist ein Preis, der wird nur an einen lebenden Autor verliehen, der Autor muss ihn selbst abholen, also es gibt in diesem Sinne nicht die Trennung, dass man das Werk an sich betrachtet. Zudem steht in der Satzung, es ist ein Preis an das Werk in idealster Hinsicht und der Nobelpreis an sich wird ja mit der Idee an einem Dienst an der Menschheit verliehen. Das heißt, man kann literaturkritisch sagen, man bewertet Texte und kann über ihre Qualität sprechen und nicht über den Autor sprechen. Natürlich hat der Text eine eigene Logik oder Interpretationskraft, aber im Kontext der Bepreisung rede ich natürlich über gesellschaftliche Werte und Normen und da kommt der Verfasser des Textes mit ins Spiel, zumal es hier bei den Vorwürfen gegen Handke um ziemlich große Fragen geht.

Bewerten Sie das auch so, Volker Weidermann?

Volker Weidermann: Nein. Ich bin überhaupt gegen Trennung von Autor und Werk. Für mich gehört das eine mit dem anderen zusammen und bei einem Werk, das auch noch so eminent politisch ist, zumindest in den Auswirkungen, wie das von Peter Handke, noch am allerwenigsten. Außerdem zeichnet sich sein Werk, schon vom ersten Buch an dadurch aus, dass er sein Autoren-Ich zur Welt erklärt und als die große Gegenmacht zur Welt der Wirklichkeit. Bei keinem Autor wäre es so absurd, Person und Werk voneinander zu trennen, wie bei ihm.

Nun sagen viele Kritiker, dass er auf diesen einen Teil seines Werks auch reduziert wird. Darf man das, soll man das, wenn eben ein Gesamtwerk ausgezeichnet wird, ihn auf eine politische Position reduzieren?

Weidermann: Erstens darf man sowieso natürlich alles. Es ist aber tatsächlich in den letzten zwei Monaten ein bisschen absurd geworden, denn Peter Handke hat über Hundert Bücher in seinem Leben geschrieben und in drei oder vier spielt das frühere Jugoslawien eine wesentliche Rolle. Die Art und Weise wie das Gesamtwerk und die Person Peter Handkes jetzt auf das Wort "Serbien" zusammengeschnurrt ist und es in diesen zwei Monaten um überhaupt nichts anderes mehr geht, ist natürlich doch irgendwie ein Witz. Aber nicht zuletzt ist der Autor selbst daran Schuld, denn natürlich wird immer wieder nachgefragt und zurecht nachgefragt, muss auch nachgefragt werden: Ist das eine Verharmlosung? Wie steht er zum Völkermord in Srebrenica?

Frau Marinić, dieses Wort "Witz" muss Sie provozieren, oder?

Marinić: Ja, natürlich. Ich finde, dass man das marginalisieren könnte. Eine Stelle, die ich beispielsweise ganz gerne zitiere, ist in diesem Essay "Gerechtigkeit für Serbien" in der "Süddeutschen Zeitung" damals erschienen; da negiert er, neben sehr vielen anderen Dingen, die ja angeblich alle Medienkritik sind, aber etwas was er dezidiert und, nicht zu bestreiten, negiert, ist, dass angeblich Dubrovnik nie bombardiert worden sei, und wenn, dann sind die Bomben außerhalb der Altstadt gefallen, und dass das eben auch nur eine Mär wäre, um die serbischen Aggressoren damals schlecht zu machen. Nun weiß man aber, wusste es damals auch schon, dass Bomben in die Altstadt gefallen sind. Es gab in der "Tagesschau", in allen Nachrichten Bilder von der brennenden Altstadt, von den Dächern die zusammenstürzten. Es starben über hundert Zivilisten, es war ein Menschenrechtsverbrechen nach der Genfer Konvention und Peter Handke schreibt in diesem essayistischen Text: Ich glaube, da fielen gar keine Bomben. Das sind so die Mythen der quasi kroatischen Bevölkerung, um dann die serbischen Aggressionen im schlechten Licht dastehen zu lassen. Und das ist auch der Dreh, zu dem ich zurück möchte. Sie haben gesagt, Handke wird kritisiert für seine Parteinahme für Serbien, ohne dass er die Narrative, die damals um diesen Krieg gesponnen wurden, nicht akzeptiert hat. Und es stimmt eigentlich nicht; die Kritik bezieht sich darauf, dass alles, was er medienkritisch durchleuchtet hat, eigentlich immer nur die Narrative infrage gestellt hat, die die Erlebnisse der Opfer bezweifeln. Das heißt, er hat, egal ob es muslimische Minderheiten waren, kroatische Minderheiten. Er sagte, Gerechtigkeit für Serbien würde bedeuten, alle anderen Opfer zu verneinen, zu verharmlosen, infrage zu stellen, ob sie überhaupt Opfer dieser Aggressoren waren.

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Handke selbst sagt aber: "Kein Wort von dem, was ich über Jugoslawien geschrieben habe, ist denunzierbar; kein einziges. Das ist Literatur", so sagt er es im Interview mit Ulrich Greiner. Herr Weidermann, lesen Sie aus seinem Werk denn eine politische Kritik heraus, wenn wir jetzt noch mal nur auf das Werk zurückgehen?

Weidermann: All das ist wirklich grauenvoll und wie er sich selbst verteidigt ist grauenvoll. Und wenn ich vorhin von einem 'Witz' sprach, dann war es natürlich nur sozusagen dieses Perpetuieren des immer wieder Gleichen. Ich will mich überhaupt nicht lustig machen - im Gegenteil, ich habe in der Tat sofort einen Text geschrieben, weil ich mich damals freute, dass er den Preis gewonnen hat und dachte für mich selbst nach dem ersten Schreiben, na ja, Jugoslawien, das ist auch so lange her, er hat so viele andere Texte geschrieben. Ich möchte ganz kurz von meiner eigenen Erfahrung sprechen, die einsetzte, als Saša Stanišić den Buchpreis bekam und diesen schönen Satz sagte, er verdankt sein Leben dem Überleben einer Wirklichkeit, die sich dieser Mann nicht angeeignet hat. In diesem Moment habe auch ich noch einmal ganz neu angefangen nachzudenken und die Texte noch mal neu zu lesen, und habe auch mich hinterfragt aus meinem Berliner Lesesessel heraus: Mache ich es mir da nicht ein bisschen zu leicht? Und natürlich macht es sich auch Peter Handke zu leicht. Aber erstmal, literarisch gesprochen, fand ich diesen Ansatz, und der zeichnet Peter Handke seitdem er auf der öffentlichen Bühne aufgetreten ist, aus, den fand ich poetisch erst mal interessant: Ich gegen die Welt, er am Anfang gegen die Gruppe 47, er am Anfang gegen das gesamte Theaterpublikum in der "Publikumsbeschimpfung". Die ganze sogenannte westliche Welt war sich einig in dem Narrativ und er ist hingefahren und sagt, ich habe ein anderes. Das ist sozusagen sein Machtanspruch, dieser irrsinnige überdimensionierte Ich-Machtanspruch, mit dem er immer angetreten ist. Er hat sich im Fall von Jugoslawien verrannt. Er hat immer wieder Verbrechen relativiert und natürlich ist diese Literatur in der Auswirkung und Wirkung immer politisch gewesen. Man muss ihn dafür kritisieren. Was ich gut finde an dem Nobelpreis, der jetzt für ihn vergeben worden ist, ich hätte ihn womöglich nicht vergeben, aber ich habe ihm gratuliert, aber das Gute daran ist, dass noch einmal diese gigantische Weltöffentlichkeit für das, was in Jugoslawien passiert ist, aufmerksam wird. Es sind jetzt so viele Fakten neu aufgeschrieben worden, auch für mich, der damals beteiligt war, interessiert war und dachte, ich weiß schon alles und ich wußte nicht alles, und wie das jetzt noch mal alles wieder aufgezäumt worden ist. Ich glaube, das Narrativ von Peter Handke gegen die Faktenwirklichkeit, wie wir es jetzt zumindest in der deutschen und der amerikanischen Presse gelesen haben, ist so übermächtig, dass es jetzt nicht sein kann, dass dieses Handke-Narrativ im Ernst weiterhin von jemandem hier in Deutschland stark nachvollzogen wird, sondern das Gegennarrativ der Fakten war nochmal so stark, dass es unabweisbar geworden ist. Das ist ein Widerspruch, ein Einspruch gegen das Werk von Peter Handke.

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Marinić: Ich finde es erstens groß, dass Sie sagten, ich bin da noch mal in mich gegangen, nachdem ein Mensch, dem das Erleben in dieser Region einfach näher und vertiefter ist, darüber gesprochen hat und man kann über eine Position noch mal neu nachdenken. Das ist etwas, was so manche in der Debatte in Deutschland oder Österreich leider überhaupt nicht leisten können: einzugestehen, dass es verschiedene Distanzen gibt zu diesem Problem und dadurch auch verschiedene Tiefen. Die Frage war, was darf Literatur? Das ist eine wichtige Frage. Was Handke beispielsweise tut, wenn er an manchen Stellen sagt, es gibt eine Szene, dort hätten vielleicht muslimische Opfer ihre eigene Ermordung inszeniert. Er bedient sich rechter Narrative und sagt dann, wenn jemand das als solche erkennt, Moment, das ist Literatur. Er verwendet die Fiktion, die Literatur, um sich erlauben zu dürfen, diese Fakten infrage stellen zu dürfen. Sie sagen, es hat was Gutes gebracht - ja und nein. Wir haben Emir Kusturica, der hält jetzt schon Vorträge in Ex-Jugoslawien darüber, was die eigentliche Wahrheit war. Das heißt, man verwendet und missbraucht jetzt durchaus diesen Nobelpreis, um zu sagen, seht ihr, das war eben alles falsch, uns wurde Unrecht getan. Alle Beteiligten dieses Krieges haben ganz große Schwierigkeiten diese Geschichte zu schreiben und aufzuarbeiten. Es stand meines Erachtens diesem Nobelpreiskomitee nicht zu, über die Mittel der Literatur in diesen Diskurs einzugreifen, zumal Handke diese wirklich kritischen Werke hatte. Ich glaube, wenn man nicht die geistige, emotionale und moralische Größe hat, sich nach all der Zeit hinzustellen und zu sagen, den Fehler erkenne ich. Natürlich, es entspricht nicht seiner Poetik: "Ich gegen die Welt", das war das, was alle am Anfang an Handke faszinierend fanden, aber "ich gegen die Welt" kann nicht heißen, ich gegen Menschen, die wesentlich mehr zu verarbeiten haben als Handke, der verneint, was sie erlebt haben.

Was wird nach der Preisverleihung in Stockholm von dieser Debatte um Handke bleiben?

Weidermann: Er wird sich nicht ändern. In ihm wird überhaupt nichts bleiben. Im Gegenteil, offenbar ist er so ein Charakter: Je größer der Widerspruch wird, desto begeisterter ist er von seiner Gegenhaltung, von seinem einsamen Ich. Auf der anderen Seite bleibt natürlich unsere Aufgabe, auch als Journalisten, Fakten zu sammeln, an den Fakten festzuhalten und das ist natürlich auf der anderen Seite auch das unglaublich Fatale an diesem Literaturnobelpreisträger in dieser Zeit, dass wir alle genau um diese Grundlagen unserer Gesellschaft kämpfen, die nämlich Fakten sind, Zeugenschaft sind, Journalismus sind, Objektivität ist und da arbeitet natürlich ein politisch-poetischer Autor wie Peter Handke auf geradezu Trump-hafte Weise dagegen. Das ist einfach nur gefährlich und dumm. Aber ich plädiere doch für den kundigen Leser, der ich zum Beispiel bin, und der schon weiß, dass dieses gigantische Über-Ich und diese Machtdemonstration des Ichs auch bei Peter Handke in vielen, vielen Büchern, zu phantastischen Büchern geführt hat, die für mich als Leser in einem anderen Hallraum stehen, aber leider an ihrer Kraft und an ihrer Poesie trotz alledem, und mit aller schlechtestem Gewissen gesagt, nicht verloren hat.

Das Interview führte Andrea Schwyzer

Jagoda Marinic und Volker Weidermann © Imago/Jürgen Heinrich/Maurizio Gambarini

Im Gespräch: Jagoda Marinić und Volker Weidermann

NDR Kultur - Journal -

Der Literaturkritiker Volker Weidermann und die deutsch-kroatische Schriftstellerin Jagoda Marinić zur Debatte um die Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 09.12.2019 | 19:00 Uhr