Stand: 21.08.2020 08:26 Uhr

Corona: "British Exceptionalism" - Der richtige Weg?

von Thomas Spickhofen

Das Corona-Virus hat das Vereinigte Königreich in einer ohnehin kritischen Zeit erreicht: Nach dem Brexit richtete sich alle Konzentration der Regierung auf die Zukunft nach dem EU-Austritt - und so verstrich wertvolle Zeit, bis sie die Covid19-Gefahr ernst nahm. Dann stellte sie fest: Wir haben zu wenig Ärzte, Pfleger, Masken, Kittel, Tests - dem staatlichen Gesundheitssystem drohte der Kollaps. Diesen Kollaps vermieden zu haben, sehen manche im Land nun schon wieder als Beweis für die britische Einzigartigkeit: In der Krise sind wir am besten, ob in der Forschung oder einfach nur in der Improvisation.

London Korrespondent Thomas Spickhofen steht mit Kopfhörern vor einem Computer © NDR Foto: Thomas Spickhofen
Thomas Spickhofen ist ARD-Korrespondent in London.

Boris Johnson war sich wieder einmal ganz sicher: Wir werden ein Track-and-Trace-System, ein System der Nachverfolgung von Corona-Fällen haben, das hat die Welt noch nicht gesehen. Das wird Weltspitze sein, mit einer Corona-Warn-App aus eigener Entwicklung, mit zehntausenden Mitarbeitern, die rund um die Uhr am Telefon sitzen und die Spuren dieses verdammten Virus nachverfolgen. Besser geht es kaum, das ist einzigartig, das ist exzeptionell. Das ist "British Exceptionalism".

Das war im Mai, als gerade auf der Isle of Wight, vor der Südküste Englands, der Feldversuch mit der eigenen britischen Corona-App anlief. Die App sollte das Herzstück des neuen Systems sein und den Weg aus dem Lockdown weisen. Spätestens Ende Mai sollte die App im ganzen Land verbreitet werden. Als Mitte Juni immer noch keine App in Sicht war, hieß es zunächst: Sie ist gar nicht so wichtig, eher das Sahnehäubchen auf dem System. Und dann wurde schließlich klar: Es klappt vorerst gar nicht mit dieser App. Kann noch ein paar Monate dauern.

Die Flagge "Union Jack" weht im Wind. © NDR Foto: Claudia Timmann

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Der politische Flurschaden und der Vertrauensverlust waren enorm. Viele fragten sich: Was soll man davon halten, wenn einem - wieder einmal - etwas weltbestes versprochen wird, aber dann nicht einmal die App funktioniert? Ist es wirklich gut, immerzu seinen eigenen Weg zu suchen, es besser als alle anderen machen zu wollen? Stimmt es wirklich, dass - wie Boris Johnson einmal im Unterhaus sagte - die Welt staunend darauf schaut, wie die Regierung die heimische Wirtschaft unterstützt? Ist es wirklich so, dass Großbritannien weltführend bei der Suche nach einem Impfstoff ist? Oder sind das alles nur Beispiele für eine fragwürdige britische Überzeugung, dass nur der ganz eigene Weg der einzig richtige ist - ein weiteres Beispiel also für den "British Exceptionalism", die Überzeugung von einer gewissen, historisch begründeten britischen Einzigartigkeit?

Nur Brexit im Sinn

Die Corona-Krise hat die britische Politik zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt erwischt. Als Ende Januar die ersten Fälle in Großbritannien auftauchen, da vollzieht das Land gerade den Austritt aus der Europäischen Union. Johnsons konservative Regierung zieht den Brexit durch, wie sie es angekündigt hat; sie hat sich mit einem überwältigenden Wahlsieg einen Monat zuvor das Mandat dafür geholt, ihr einziges Thema im Wahlkampf lautete: "Let’s get Brexit done", frei übersetzt: Lasst uns endlich den Brexit vom Tisch kriegen. Alles Regierungshandeln ist voll auf dieses Projekt fixiert, alle politischen Prozesse, alle Entscheidungen, die Auswahl des Kabinetts - alles wird nur dieser einen Prämisse unterstellt: Was bringt uns das für den Brexit, was bringt uns das für unsere Zukunft als ein Land, das nicht mehr auf Europa, sondern auf die ganze Welt blickt, was bringt uns das für "Global Britain"?

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Reisende mit Rollkoffern stehen in einer Schlange an einem Flughafen. (Sybolbild) © Colourbox Foto: Pavlo Vakhrushev

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Das neue Kabinett von Boris Johnson ist eine Vollversammlung bekennender Brexit-Hardliner. Jetzt sitzen die, die einst mit der krawalligen Leave-Bewegung den Austritt herbeigeführt haben, in der Regierung. Und Dominic Cummings, der strategische Kopf für Johnsons Brexit-Kampagne 2016 und seines erfolgreichen Wahlkampfs 2019, sitzt jetzt als Chefberater in 10 Downing Street.

Das gesamte "Team Johnson" hat nur "Let’s get Brexit done" im Sinn, und so entgeht diesem Team, dass sich die Corona-Gefahr im Land ausbreitet. Anfang Februar warnen Mediziner bereits davor, der Premierminister hält eine große Rede zur Zukunft außerhalb der EU. Anfang März, als die ersten europäischen Länder bereits radikale Maßnahmen verhängen, schüttelt Johnson noch jovial die Hände von Patienten und sagt anschließend: Ich glaube, da waren auch Corona-Patienten darunter. Und als ganz Europa allmählich in den Lockdown geht, erklärt die britische Regierung: Wir fahren erst so spät wie möglich runter, denn wenn wir zu früh damit kommen, werden die Leute nur überdrüssig und halten sich bald nicht mehr daran.

Das ist der Grundsound der britischen Corona-Politik: Wir machen es anders als alle anderen. Natürlich besser. Es ist die Reinform des "British Exceptionalism".

Der drohende Kollaps

So ist wertvolle Zeit verstrichen, bis ein eigentlich unwilliger Boris Johnson am 23. März doch eingestehen muss: Alles dicht machen, sofort. Wenig später stellt die Regierung fest: Wir haben von allem zu wenig: zu wenig Ärzte, zu wenig Pfleger, zu wenig Masken, zu wenig Kittel, zu wenig Intensiv-Betten, zu wenig Beatmungsgeräte.

Dem seit langem notleidendenden staatlichen Gesundheitssystem droht der Kollaps. Hastig werden Messehallen zu Not-Krankenhäusern umgebaut, medizinisches Personal aus dem Ruhestand geholt, Freiwillige um Mithilfe gebeten, um Senioren zu besuchen oder Tausende, die sich in der Selbst-Isolation befinden, mit Lebensmitteln zu versorgen. Ein Staubsaugerhersteller und Formel-1-Teams werden aufgefordert, mit ihrem Ingenieurs-Knowhow die dringend benötigten Beatmungsgeräte zu entwickeln.

Am Ende kann die Regierung den Kollaps des Gesundheitssystems vermeiden. Möglicherweise spielt auch die Erkrankung ihres Premierministers dabei eine Rolle: Als Boris Johnson Anfang April zunächst ins Krankenhaus eingeliefert und dann kurz darauf auf die Intensiv-Station verlegt wird, da ist auch dem letzten klar: Es ist ernst.

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NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 23.08.2020 | 19:00 Uhr

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