Sendedatum: 28.07.2017 15:20 Uhr  | Archiv

Zwischen Scharia und Kapitalismus

Für Muslime gibt es keinen Lebensbereich, der nicht beeinflusst wird von ihrer Religion. Auch auf die Wirtschaft wirkt sich die Scharia, das islamische Recht, aus. Keine reinen Spekulationsgeschäfte, keine Zinsen, dafür solidarische Hilfe für Bedürftige - so steht es im Koran geschrieben. Das hört sich gut an. Welche Bedeutung aber hat die Wirtschaftsethik im Islam tatsächlich? Oder anders gefragt: Hört beim Geld der Glauben auf?

Stimmen zur Wirtschaftsethik im Islam

Von Hüseyin Topel

Die islamische Welt ist geprägt von Widersprüchen. Auf der einen Seite tobt ein grausamer Krieg in Teilen von Syrien und des Irak, unter dessen Folgen die Zivilbevölkerung leidet. Auf der anderen Seite leben Muslime in den Golfstaaten im puren Luxus. Und auch die Türkei, gegenwärtig von einer islamisch-konservativen Partei regiert, nimmt zwar mehrere Millionen syrische Flüchtlinge auf, enteignet aber gleichzeitig aus politischen Gründen türkische Bürger, Unternehmen, Medienhäuser und Banken.

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Die Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen in Katar stehen immer wieder in der Kritik.

Wenn man über diese Länder schreibt und spricht, nennt man sie oft ganz selbstverständlich islamische Länder. Zaid el-Mogaddedi vom Institut für Islamic Banking and Finance in Hamburg hat damit so seine Probleme: "Ich verzichte in diesem Kontext auf den Begriff "islamische Länder". Aus meiner Perspektive gibt es weltweit kein einziges islamisches Land, das diese Bezeichnung verdienen würde."

Denn die Bedeutung der Wirtschaftsethik in der islamischen Lehre werde oft zu wenig berücksichtigt. Ali Gümüsay, Wirtschaftswissenschaftler und Postdoktorand an der Wirtschaftsuniversität Wien und der Universität Hamburg, hebt vor allem die folgenden Werte hervor: "Dass man ökologisch, sozial und auch humanistisch agieren soll. Da gibt es ganz gezielte Koranverse und auch Aussprüche des Propheten, also die beiden Primärquellen im Islam, die eine Ethik vorschreiben."

Ethisch handeln, um Gott näher zu kommen

Einer Überlieferung nach soll Mohammed zu seinen Freunden gesagt haben: "Der Lohn des Arbeiters ist zu entrichten, bevor sein Schweiß auf der Stirn getrocknet ist." Die Praxis in vielen islamisch geprägten Ländern ergibt allerdings ein ganz anderes Bild, weiß Zaid el-Mogaddedi: "Davon sind die Zeitarbeitsfirmen in diesen Ländern, auch in Saudi-Arabien oder in Katar, bisweilen sehr weit entfernt.

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Dabei könnte gerade verantwortungsbewusstes wirtschaftliches Handeln einen Muslim spirituell weiterentwickeln. Denn die islamische Wirtschaftsethik habe, so Gümüsay, auch eine metaphysische Komponente: "Also eine Komponente, die darauf zielt, dass man versucht, Gott näher zu kommen, dass man Gott liebt, dass man in all seinem Tun versucht, Gott näher zu kommen." Der Islam schreibe eine ethische Grundhaltung vor, die mit den einfachsten Dingen beginne: "'Man soll nicht lügen.' Das kann man als Geschäftsmann, Geschäftsfrau auf sich beziehen", so Gümüsay. "Ein anderes Beispiel wäre: 'Man soll nicht mit falschem Maß messen.'"

Gewinne ja - Zinsen nein

Dem islamischen Wirtschaftsverständnis kommt laut Gümüsay die soziale Marktwirtschaft am ehesten nahe. Der Koran ermutigt die Gläubigen, Gewinne zu machen. Allerdings ist es verboten, Zinsen zu verlangen oder zu zahlen. Muslime müssen auch die Zakat bezahlen, also mindestens 2,5 Prozent ihres Verdienstes an Bedürftige. Die Zakat gehört zu den fünf Säulen des Islam. Das Besondere: "Wenn man einem Armen dieses Geld gibt, ist nicht der Arme derjenige, der 'danke' sagen soll, sondern der Reiche. Denn dann wird das gesamte Einkommen, das man verdient hat, gereinigt", erklärt Gümüsay.

Nachfrage wächst nur langsam

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Das Zinsverbot ist einer der Unterschiede zwischen dem konventionellen Finanzwesen und dem Markt für islamkonforme Geldgeschäfte.

Obwohl Länder wie Saudi-Arabien und auch zunehmend die Türkei sich als islamische Länder präsentieren, haben Investitionen nach den Prinzipien des Islam kaum eine Chance in einer kapitalistischen Gesellschaft. Zwar gilt das islamische Recht, die Scharia, in Saudi-Arabien, aber lediglich 25 Prozent der Vermögenswerte werden dort nach islamischen Prinzipien investiert. In der laizistischen Republik Türkei, wo die Nachfrage nach Methoden des 'islamic banking' wächst, liegt diese Rate bei knapp zehn Prozent. Die islamisch geprägten Länder sind kapitalistischer, als sie sich selbst eingestehen.

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Zwischen Scharia und Kapitalismus

Keine reinen Spekulationsgeschäfte, keine Zinsen, Hilfe für Bedürftige - dafür hat sich schon der Prophet Mohammed eingesetzt. Aber welche Bedeutung hat die Wirtschaftsethik im Islam tatsächlich? Audio (03:33 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 28.07.2017 | 15:20 Uhr