Sendedatum: 23.09.2016 15:20 Uhr

Zehn Jahre Deutsche Islamkonferenz

von Marfa Heimbach

Am 27. September findet in Berlin der Festakt zum zehnjährigen Bestehen der Deutschen Islamkonferenz (DIK) statt. Zehn Jahre mit Erfolgen und Streitereien, Türenknallen, Austritten und Wiedereintritten, konzentrierten Arbeitsgruppen und vielen grundlegenden Studien und Handreichungen. Einiges wurde erreicht, manches aber auch nicht. Eine Bilanz.

Stimmen zur Deutschen Islamkonferenz

"Der Islam ist Teil Deutschlands und Teil Europas. Er ist Teil unserer Gegenwart und Teil unserer Zukunft", sagte der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble am 27. September 2006 zur Eröffnung der ersten Deutschen Islamkonferenz, kurz DIK. Der geplante Dialog mit den Muslimen sollte viele Fragen des religiösen Lebens aufgreifen, die auch 50 Jahre nach der Arbeitsmigration noch immer ungelöst sind. Die Erwartungen waren hoch, erinnert sich Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime: "Die Muslime hatten die naive Hoffnung, dass mit dem Beiwohnen an der Islamkonferenz die Frage der Anerkennung als Religionsgemeinschaft quasi in der Tasche ist."

Der Begriff "Anerkennung" sei aber oft missverstanden worden, meint Michael Kiefer vom Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück und Mitglied mehrerer DIK-Arbeitsgruppen: "Wenn DITIB oder Milli Görüş sagt: 'Wir sind eine Religionsgemeinschaft', dann sind sie es. Viele meinen, der Staat befände darüber, wer eine Religionsgemeinschaft sei. Das ist nicht so. Es bedarf aber der Anerkennung als Partner."

Von Erfolgen und Streitigkeiten

Die größten Erfolge der Islamkonferenz: Gemeinsam wurden Lösungen gefunden, um Islamunterricht an Schulen einzuführen. Und es entstanden bisher fünf Zentren für Islamische Theologie an deutschen Universitäten. Lehrer, Theologen und Imame können also heute in Deutschland ausgebildet werden.

Buchtipps zum Thema

  • Busch, Reinhard; Goltz, Gabriel: Die Deutsche Islamkonferenz, in: H. Meyer-K. Schubert (Hg.), Politik und Islam, Wiesbaden 2011
  • Kiefer, Michael; Ceylan, Rauf: Muslimische Wohlfahrtspflege in Deutschland. Eine historische und systematische Einführung, Wiesbaden 2016

Viel Streit allerdings gab es in der ersten Konferenzphase um die Teilnahme von sogenannten Islamkritikern wie etwa Necla Kelek. Doch auch Streit fördere den Dialog, war damals die Bilanz von Wolfgang Schäuble. Seine Worte "Der Islam ist Teil Deutschlands" mögen seine Nachfolger so klar nicht aussprechen. Schon Thomas de Maizière wurde nebulös: "Wenn man sagt, ein Teil, dann heißt das aber auch, es ist nicht das Ganze." Und 2011 setzte Hans-Peter Friedrich als neuer Bundesinnenminister noch eins drauf: "Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt."

"Na ja! So wie die Echternacher Springprozession, drei Schritte vor und zwei zurück, kommt sie mir manchmal vor", kommentiert Thomas Lemmen vom Erzbistum Köln die Deutsche Islamkonferenz. Und der Islamwissenschaftler Michael Kiefer bringt es auf den Punkt: "Die Debatten, die da stattfinden, sind Scheindebatten. Denn die Menschen sind da, sie werden nicht mehr weggehen. Insofern wird der Islam künftig zu Deutschland gehören, ob man will oder nicht."

Große Krise und aktuelle Reform

Hans-Peter Friedrich legte in seiner Amtszeit den Fokus auf Sicherheitspolitik. Seine Idee eines Sicherheitspaktes mit muslimischen Verbänden provozierte 2011/12 die größte Krise in zehn Jahren Islamkonferenz. "Die Sicherheitsmaßnahme fördert unseres Erachtens eine zweifelhafte und eine sehr bedenkliche Kultur des Denunziantentums unter den Muslimen", kritisierte die aus Bosnien stammende Islamwissenschaftlerin Armina Omerika und verließ die Konferenz.

Die Sendung zum Nachhören
03:47

Zehn Jahre Deutsche Islamkonferenz

23.09.2016 15:20 Uhr

Vor zehn Jahren fand die erste Deutsche Islamkonferenz statt. Es wurde viel gestritten, es gab viel Kritik - es konnten aber auch einige Erfolge erzielt werden. Eine Bilanz von Marfa Heimbach. Audio (03:47 min)

Für Michael Kiefer liegt die grundsätzliche Problematik darin, dass die DIK beim Innenministerium verankert ist: "Das wäre ungefähr genauso, als würde man auch den russisch-orthodoxen Zweig der Religionsausübung im Innenministerium ansiedeln, weil wir ein Problem mit der Russenmafia haben."

Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat die Islamkonferenz reformiert: Wohlfahrtspflege und, ab Herbst 2016, Seelsorge stehen auf dem Programm. Zehn Jahre Deutsche Islamkonferenz - auch für Thomas Lemmen vom Erzbistum Köln ein wichtiges Signal: "In dem der Staat sich überhaupt auf einen solchen Prozess einlässt und die Muslime als Gesprächspartner wahrnimmt, nimmt er sie ernst und spricht damit eine Anerkennung aus, die viele lange erwartet haben."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 23.09.2016 | 15:20 Uhr