Stand: 17.04.2020 11:33 Uhr

Wie Corona den Fastenmonat Ramadan prägt

von Brigitte Lehnhoff

Für gläubige Muslime gelten fünf Regeln: Sie müssen ihren Glauben öffentlich bekennen, täglich beten, soziale Spenden geben, einmal im Leben eine Wallfahrt nach Mekka unternehmen - und sie müssen fasten. Den Muslimen ergeht es nicht anders als zuvor schon den Christen zu Ostern und den Juden zu Pessach: Die religiösen Feiertage stehen ganz im Zeichen der Corona-Pandemie.

Emine Oguz, Geschäftsführerin Türkisch-Islamische Union (Ditib) Landesverband Niedersachsen und Bremen, mit gelbem Schal. © dpa-Bildfunk
Emine Oguz ist Geschäftsführerin des Ditib-Landesverbandes Niedersachsen-Bremen.

Das Fasten selbst wird durch die Pandemie natürlich nicht beeinträchtigt, betont Emine Oguz, Geschäftsführerin des Ditib-Landesverbandes Niedersachsen-Bremen. Jeder gesunde Muslim vollziehe diese religiöse Pflicht für sich allein, Kranke seien schon immer davon befreit: "Corona bringt da also eigentlich nichts Neues. Im Fastenmonat kommt es aber viel darauf an, Freunde, Familie und Nachbarn zu besuchen, die einzuladen und zusammen das Fastenbrechen zu begehen. Das wird jetzt natürlich fehlen, und das wird auch den Ramadan ein bisschen beschatten."

Nurdan Kudu © Nurdan Kudu
"Wir müssen uns von verschiedenen sozialen Veranstaltungen verabschieden", stellt Nurdan Kudu fest.

Viele muslimische Gemeinden pflegen gerade während des Ramadan interreligöse Kontakte. Auch die sind komplett gestrichen, bedauert Nurdan Kudu von der hannoversche Jama' at-un Nur Gemeinde. Diese gehört zum Islamverband "Muslime in Niedersachsen" und hat Kontakt zu befreundeten jungen Katholiken im Bistum Hildesheim: "Letztes Jahr haben wir ein Ramadan-Experiment gemacht und haben zusammen mit ihnen gegessen. Wir wollten das dieses Jahr auch machen, aber solche Veranstaltungen finden dann nicht mehr statt. Wir müssen uns von verschiedenen sozialen Veranstaltungen verabschieden. Das geht einem schon sehr nahe, aber es ist für die Gesundheit, wir müssen das machen."

Einfallsreiche Ideen zum Ramadan

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Eine alte Frau hält einen Stock, eine hinter ihr stehende Pflegerin berührt ihre Hand. © phantermedia Foto: alexraths

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Seit in der Corona-Krise die Kontaktsperre gilt, nutzen auch Moscheegemeinden verstärkt das Internet, um mit Gläubigen in Verbindung zu bleiben. Sie bieten auch Einkaufs- und andere Hilfsdienste an. Für den Ramadan gibt es weitere Ideen. "Als Gemeinde haben wir darüber geredet, ob wir nicht älteren Menschen, die jetzt allein zuhause sind, Essenspakete ausliefern", so Oguz. "Damit sie auch ein bisschen den sozialen Kontakt haben, aber auch eine gewisse Vorfreude."

Auch Gemeinden, die dem Dachverband Schura Niedersachsen angehören, planen Aktionen zum Iftar, dem täglichen Fastenbrechen, das viele Muslime in der Moschee feiern. "Deshalb ist zum Beispiel 'Iftar-to-go' geplant. Das Iftar-Essen wird dort vorbereitet, und die Menschen, die sich normalerweise dort treffen, um gemeinsam zu essen, kommen nur, um das Essen abzuholen", berichtet Recep Bilgen, Vorsitzender der Schura Niedersachsen.

Existenzbedrohende Situation

Recep Bilgen © Recep Bilgen
Recep Bilgen ist Vorsitzender der Schura Niedersachsen.

Dass die Moscheen als Versammlungsorte geschlossen sind, ist schon jetzt für einige Gemeinden existenzbedrohend, gleich welchem Dachverband sie angehören. Denn nach dem Freitagsgebet spenden Muslime das Geld, mit dem die Gemeinden sich hauptsächlich finanzieren. "Wir als Schura Niedersachsen haben für unsere Mitgliedsgemeinden Musterschreiben vorbereitet, dass man beantragen kann, die Nebenkosten beziehungsweise die Mietzahlungen für die einzelnen Objekte auszusetzen", sagt Bilgen.

Täglicher Gebetsruf spendet Trost

Und Schura wie Ditib haben ihren Gemeinden nahegelegt, Spendenaktionen über das Internet zu starten. Das Internet und soziale Netzwerke spielen zurzeit auch bei der geistlichen Begleitung eine große Rolle. So werden etwa Lesungen aus dem Koran live übertragen. Aber die Gläubigen brauchen mehr, gerade jetzt im Ramadan, meint Emine Oguz: "Wir hier in Hannover zum Beispiel, haben die Erlaubnis gekriegt, jeden Tag einen Gebetsruf auszurufen, was sonst in Deutschland verboten ist. Damit wollen wir die Menschen motivieren, durchzuhalten, weiter zuhause zu bleiben, bis diese Pandemie überstanden ist."

Auch Recep Bilgen empfiehlt den Schura-Gemeinden, sich den öffentlichen Gebetsruf genehmigen zu lassen: "Das Fastenbrechen beginnt ja mit dem Abendsgebetruf, und wenn man ihn im Ramadan in den Gemeinden oder Moscheen ausrufen könnte, dann ist das kein vollwertiger Ersatz, aber ein Gefühl für die Muslime, was ihnen ein bisschen Trost geben kann."

Türkische Süßigkeiten auf einem Blech. © NDR Foto: Nina Rodenberg

AUDIO: Ramadan im Zeichen von Corona (5 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 17.04.2020 | 15:20 Uhr

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