Stand: 24.07.2020 16:05 Uhr

Pro und Contra: Hagia Sophia wird wieder Moschee

von Jan Ehlert

Gegründet wurde sie als eine Kirche, dann eine Moschee, die vergangenen 86 Jahre war sie ein Museum. 1.500 Jahre ist die Hagia Sophia alt und hat eine bewegte Geschichte. Nun ist ein weiteres Kapitel hinzugekommen: Die Hagia Sophia ist wieder eine Moschee. Heute fand zum ersten Mal wieder das Freitagsgebet statt.

Menschen vor der Hagia Sophia in Istanbul © picture alliance / NurPhoto Foto: Erhan Demirtas
Zum ersten Mal seit über 80 Jahren wird die Hagia Sophia in Istanbul wieder als Moschee genutzt.

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuohlu sprach von einer absoluten Fehlentscheidung der türkischen Regierung. Die Hagia Sophia, die bis zum Jahr 1453 eine christliche Kirche war, sei ein Welterbe und ein Symbol friedlichen Zusammenlebens der Religionen.

Auch unsere Gastautorin Canan Topçu ist entsetzt über diesen Schritt: "Dieser Ort hat eine unglaublich tolle spirituelle Ausstrahlung gehabt, und zwar für alle Menschen - ob Christen, Muslime, selbst Leute, die sich als Agnostiker oder Atheisten bezeichnen, dieser Raum hat sie berührt. Für Menschen, die wissen, wie wichtig der Dialog zwischen Muslimen und Christen ist, ist das ein Schlag ins Gesicht."

Avni Altiner © picture-alliance/dpa Foto: Friso Gentsch
"Ich finde es gut, dass es wieder ein Gotteshaus geworden ist", sagt Avni Altiner.
"Ein Tag der Freude"

Ganz anders sieht es Avni Altiner, der Vorsitzende des liberalen Islamverbands Muslime in Niedersachsen. Er erinnert sich noch an seine Gedanken beim Besuch der Hagia Sophia: "Ich war als Jugendlicher einmal drin und fand es nicht gut, dass das als Museum benutzt wurde. Die eine Hälfte der Ausstellung war muslimisch, die andere christlich - das hat mich gestört, und ich bin rausgegangen."

Für ihn sei heute daher ein ganz besonderer Tag, sagt Altiner: "Absolut, das ist ein Tag der Freude. Als Moslem, aber auch als gläubiger Mensch. Denn diese Moschee, die ursprünglich eine Kirche war, wurde als Gotteshaus gebaut, aber seit 86 Jahren wurde das als Museum genutzt - das war nicht die ursprüngliche Idee. Deswegen finde ich es gut, dass es wieder ein Gotteshaus geworden ist."

"Vergewaltigung an einem Kulturdenkmal"

Dass diese Entscheidung den Konflikt zwischen den Religionen befördern könnte, wie es unter anderem die EU befürchtet, sieht Avni Altiner nicht: "Istanbul ist ein Ort, wo Muslime, Christen Juden und Agnostiker gemeinsam leben, auch schon vor der Republik."

Canan Topcu in der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner" © dpa/picture alliance
Journalistin Canan Topçu ist sich sicher: "Das wird Spuren hinterlassen."

Canan Topçu glaubt dagegen, dass die Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee gravierende Auswirkungen haben wird. Und zwar nicht nur religiöse: "Es ist eine Vergewaltigung an einem Kulturdenkmal, das wird Spuren hinterlassen. Es gibt Menschen, die sagen: 'Diktatoren kommen, Diktatoren gehen - die Hagia Sophia steht seit 1500 Jahren'. Aber auch, weil damit respektvoll umgegangen wurde, und diesen Respekt sehe ich nicht mehr. Ich kann nicht nachvollziehen, dass Menschen, die sich als religiös, spirituell bezeichnen, solch eine Schandtat begehen."

Menschen vor der Hagia Sophia in Istanbul © picture alliance / NurPhoto Foto: Erhan Demirtas

AUDIO: Pro und Contra: Hagia Sophia wird wieder Moschee (4 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 24.07.2020 | 15:20 Uhr

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