Stand: 28.08.2020 11:41 Uhr

FöTEV-Niedersachsen: Mitsprache, Teilhabe, Mehrsprachigkeit

von Karin Dzionara

Die Föderation türkischer Elternvereine in Niedersachsen (FöTEV) vertritt die Interessen von Familien mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem. Es geht um Mitsprache, Teilhabe und Mehrsprachigkeit. Dazu gehört aus Sicht von FöTEV auch die Förderung der Herkunftssprache als kulturelles Erbe.

Ein Schüler meldet sich während des Unterrichts. © picture alliance/dpa Foto: Frank Rumpenhorst
"Kinder die ihre Muttersprache gut erlernen, schaffen einen viel besseren Bildungserfolg", sagt Seyhan Öztürk.

Wie funktioniert das gegliederte Schulsystem? Wie unterscheidet sich das Gymnasium von einer Gesamtschule? Welche Bildungswege gibt es für unser Kind? Seyhan Öztürk, die Vorsitzende der FöTEV, möchte Eltern mit Migrationshintergrund im lauten und manchmal auch vielschichtigen Schulbetrieb eine Stimme geben: "Viele Eltern wissen gar nicht, dass man bei Lehrern nachfragen kann, dass man teilweise auch hospitieren kann. Wir sagen den Eltern dann: Ihr könnt mitgestalten und dafür sorgen, dass es euch und euren Kindern in der Schule besser geht."

Seyhan Öztürk ist Rechtsanwältin. Die Mutter von zwei Töchtern ist in Salzgitter geboren und hat in Göttingen studiert. Sie weiß, dass viele Mütter und Väter mit einem anderen kulturellen Hintergrund im hiesigen Bildungsbetrieb oft Berührungsängste haben: "Sie möchten mit der Schule im Gespräch sein, und manchmal wissen sie nicht, wie sie das angehen sollen. Die Interessen der Eltern sind wichtig. Laut unserer Satzung sind wir offen für alle, und wir leben das auch."

Aufklärungsarbeit auch bei religiösen Fragen

Die FöTEV wurde 2012 gegründet und steht grundsätzliche allen Migranten offen - egal aus welchem Land sie kommen oder welchem Glauben sie angehören. Der Dachverband mit Mitgliedsvereinen aus ganz Niedersachsen hat sein Büro in Linden-Süd in Hannover - in einem Stadtteil, in dem viele Familien mit einer Einwanderungsgeschichte leben: "Wir stellen immer mehr fest, dass Kinder und Jugendliche es heutzutage schwieriger haben als vor 20 oder 30 Jahren, weil ihre Herkunft, ihre Identität und ihre Sprache nicht anerkannt wird", beobachtet Öztürk.

Schüler melden sich im Unterricht ©  Robert Kneschke Foto: Fotolia

AUDIO: FöTEV-Niedersachsen: Mitsprache, Teilhabe, Mehrsprachigkeit (5 Min)

FöTEV ist Ansprechpartner bei bildungspolitischen Fragen - der Dachverband ist nicht religiös gebunden. Doch religiöse Traditionen spielen im Schulbetrieb häufig eine Rolle: "Im Kontext der Schule stellen wir immer wieder fest, dass vor allem Schüler mit Migrationshintergrund, die zudem zum Beispiel dem islamischen Glauben unterliegen, es noch schwieriger haben", so Öztürk.

Auch in diesen Fragen leistet FöTEV Aufklärungsarbeit - bei den Schülerinnen und Schülern, aber auch bei Eltern mit islamischen Wurzeln, die manchmal selbst Schwierigkeiten haben, wenn sich die eigenen Kinder wieder verstärkt dem Glauben zuwenden.

Förderung der Herkunftssprache

FöTEV möchte nach eigenen Angaben Brücken bauen - in den Familien und in den Schulen. Der Dachverband engagiert sich auch dafür, dass Kinder mit Migrationshintergrund weiterhin in ihrer Herkunftssprache unterrichtet werden: "Kinder die ihre Muttersprache gut erlernen, können auch viel besser Deutsch lernen und schaffen auch einen viel besseren Bildungserfolg", sagt Öztürk. Denn die Sprache, die in der eigenen Familie gesprochen werde, gehöre zur Identität in einer offenen, vielstimmigen Gesellschaft.

Modellprojekt "Wurzeln und Flügel"

Derzeit erarbeitet FöTEV an der Leonore-Goldschmidt-Schule im hannoverschen Stadtteil Mühlenberg das Modellprojekt "Wurzeln und Flügel". Yelda Balkuv leitet das Projekt zur gewaltfreien Kommunikation, das vom Niedersächsischen Sozialministerium gefördert wird. Sie verweist dabei auf die säkularen Werte, die im Zentrum stehen, und darauf, "dass wir etwas haben, dass uns alle miteinander verbindet, was grundsätzlich unabhängig davon ist, welches Geschlecht wir haben, welches Alter, welche Herkunft, welcher Tradition wir angehören, welcher Kultur, welcher Weltanschauung, welchen Hintergrund wir mitbringen."

Zunächst musste viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Doch nun hofft die Projektleiterin, dass das Modell auch landesweit Schule machen kann: "Wir sind eine Migrantenselbstorganisation. Es hilft immer, sich zuzuhören und miteinander zu sprechen über das, was einen bewegt - und das haben wir getan. So konnten wir die Vorurteile gut abbauen und in Verbindung kommen."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 28.08.2020 | 15:20 Uhr

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