Eine Hand hält ein weißes Smartphone auf dem ein Anruf von "Mutti" eingeht. © NDR Foto: Astrid Wulf

Tschüss Mama - das war's! Funkstille in der Familie

Stand: 01.10.2021 05:00 Uhr

Kontaktabbrüche innerhalb der Familie kommen häufiger vor als viele denken. Der Weg zurück führt nur über eine komplette Aufarbeitung. Wenn das nicht klappt, könne eine dauerhafte Funkstille die bessere Alternative sein.

von Astrid Wulf

Viele erwachsene Kinder finden die eigenen Eltern hin und wieder anstrengend, sinken nach Familienbesuchen erschöpft ins Auto und rollen mit den Augen. In der Regel sind familiäre Bande dennoch stabil, Liebe und Verbundenheit groß. Man gehört einfach zusammen, telefoniert, besucht sich wieder und wieder, teilt den Alltag miteinander. In manchen Familien hingegen ist die emotionale Distanz so groß, dass der Kontakt abbricht. Oft leiden alle Beteiligten darunter. Kontaktabbruch in der Familie wird oft totgeschwiegen. Svea Hamann, die eigentlich anders heißt, spricht jedoch darüber. Sie will mit ihrer Geschichte anderen Betroffenen Mut machen und zeigen, dass sie nicht allein sind. Die 34-Jährige hat den Kontakt zu ihrer Mutter vor einigen Jahren so gut wie abgebrochen. Gelegentlich rufe ihre Mutter sie an, richtige Gespräche kämen dabei nicht zustande. "Sie redet nur über sich, ich lege dann den Hörer daneben", sagt Hamann.

"Wenn meine Mutter mir entgegenkam, habe ich die Straßenseite gewechselt"

Svea Hamann fühlt sich von ihrer Mutter ausgenutzt und im Stich gelassen. So lange sie denken kann, sei ihre Mutter psychisch krank gewesen, lebte später vom Vater getrennt. So sei Svea Hamann bereits mit rund neun Jahren auf sich allein gestellt gewesen, habe früh ihre jüngere, behinderte Schwester mitversorgt. "Meine Mutter lag den ganzen Tag zuhause und hat geweint. Ich habe die Finanzen geregelt, gekocht, mich eigentlich um alles gekümmert." Mit 13 Jahren kam Svea Hamann in eine Pflegefamilie - und litt unter Schuldgefühlen: "Wenn mir meine Mutter entgegenkam, habe ich die Straßenseite gewechselt. Ich hatte große Angst vor ihren Vorwürfen, weil ich nicht mehr für sie da sein konnte."

Therapie hilft, Gefühle zu sortieren – und Wut zuzulassen

Lange fühlte sich Svea Hamann zerrissen. Zum einen wollte sie nichts mit ihrer Mutter zu tun haben, andererseits fühlte sie sich für sie verantwortlich. In einer Therapie lernte sie, die Wut zuzulassen, die sie ihrer Mutter gegenüber empfindet – auch die Gefühle, verlassen zu sein und nicht verstanden zu werden. Erst dann konnte sie eine klare Grenze ziehen: "Wenn ich keinen Kontakt mehr möchte, dann habe ich das Recht. Und wenn ich wütend sein will, dann habe ich das Recht. Ich muss ihr für nichts dankbar sein."

Therapeutin: Kontaktabbrüche keine Seltenheit

Dr. Sandra Konrad lächelt in die Kamera. © Kirsten Nijhof Foto: Kirsten Nijhof
Sandra Konrad ist Familientherapeutin. Sie sagt, Kontaktabbrüche haben oft eine lange Vorgeschichte.

Kaum jemand spreche darüber. Kontaktabbrüche in Familien passierten aber öfter, als viele denken, sagt Sandra Konrad, Familientherapeutin in Hamburg und Autorin des Buches "Das bleibt in der Familie - von Liebe, Loyalität und uralten Lasten". Sie begleitet zum einen betroffene Mütter und Väter. Für viele Eltern kommt ein Kontaktabbruch völlig überraschend. Sie vermissen ihre Kinder und fragen sich, was sie falsch gemacht haben. Zum anderen begleitet die Therapeutin auch Kinder, die den Kontakt abgebrochen haben - auch sie leiden häufig, sagt Sandra Konrad. "Nach einer ersten Erleichterung kommt oft wieder die Sehnsucht und die Hoffnung, dass es vielleicht doch klappen könnte. Und wenn es nicht klappt, ist der Kummer groß."

Häufige Gründe: Verletzungen, Übergriffigkeit, hohe Erwartungen

In vielen Fällen stecken alte, tiefe und wiederkehrende Verletzungen dahinter, wenn Kinder nichts mehr mit ihren Eltern zu tun haben möchten, sagt die Therapeutin. Sie fühlen sich schon in der Kindheit in ihren Bedürfnissen nicht beachtet und geliebt, empfinden ihre Eltern als verletzend und übergriffig oder haben das Gefühl, Erwartungen nicht erfüllen zu können. In den betroffenen Familien gehöre zudem große Sprachlosigkeit zum Alltag, Probleme werden eher unter den Teppich gekehrt als ausgesprochen. Als "sanften Kontaktabbruch" bezeichnet es Sandra Konrad, wenn man sich vielleicht Weihnachten und an Geburtstagen sieht oder miteinander telefoniert, dann aber nur oberflächlicher Smalltalk möglich ist. Auch da gebe es eine große Sprachlosigkeit, emotionale Distanz und Entfremdung – und bei vielen Beteiligten eine große Trauer darüber. 

Neuanfang ist möglich – am besten mit therapeutischer Hilfe

Ein Weg zurück in den Kontakt miteinander sei oft denkbar. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass alle betroffenen Familienmitglieder miteinander aufarbeiten, was früher schiefgelaufen ist – am besten mit therapeutischer Unterstützung. Oft ein schmerzhafter Prozess, gerade die Eltern müssen dann ihr Verhalten hinterfragen und Verantwortung übernehmen, sagt Sandra Konrad. "Da ist es wichtig, zu gucken, wo es Verletzungen gab. Wo hat mein Kind schon extrem reagiert? Wo habe ich nicht hingehört, nicht hingeschaut?" Dazu müssen sich die erwachsenen Kinder und ihre Eltern über ihre Bedürfnisse und Grenzen klar werden und lernen, sie auszudrücken.

Ersatz-Familie kann Trennungsschmerz lindern

Sind Eltern oder die Kinder überhaupt nicht offen dafür, kann sich die Beziehung auch nicht ändern. Und dann bleibt der Kontakt wahrscheinlich so schmerzhaft, dass eine dauerhafte Funkstille die gesündere Variante ist. In dem Fall tut es Eltern gut, nicht in der Trauer festzustecken, sondern loszulassen und sich darum zu kümmern, dass es ihnen gut geht. Auch die Kinder dürfen die Trennung betrauern. "Wir dürfen uns auch Eltern adoptieren", sagt Familientherapeutin Sandra Konrad. "Menschen, die wie väterliche oder mütterliche Mentoren sind, wo wir bekommen, was wir von unseren Eltern nie bekommen haben."

Svea Hamann: Meine Mutter ist mir egal

Auch in ihrer Pflegefamilie wurde Svea Hamann wieder mit psychischen Erkrankungen und einer Trennung konfrontiert. Mit 17 lebte sie dann allein, arbeitete als Tagesmutter und Haushaltshilfe. In dieser Zeit erlebte sie, dass Familie auch ein Ort der Geborgenheit und Leichtigkeit sein kann. "Ich habe Weihnachten mit denen gefeiert, habe mit denen gesungen. Da habe ich gelernt, dass Beziehungen auch funktionieren können. Das hat mich schon sehr aufgefangen. Wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn ich die Familien nicht gehabt hätte."  Mit dem Entschluss, den Kontakt zu ihrer Mutter auf ein Minimum zu reduzieren, geht es ihr gut. Für sie empfindet sie nur Gleichgültigkeit: "Ich weiß, das klingt hart."

Weitere Informationen
Ängstliches Kind umarmt seine Mutter © fotolia Foto: Tomsickova

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Der Tag in Schleswig-Holstein | 01.10.2021 | 15:20 Uhr

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