Stand: 21.03.2018 18:20 Uhr  | Archiv

Migranten schauen Politikern über die Schulter

von Nils Hansen, NDR Schleswig-Holstein
Teilnehmer des Mentoring-Projekts "Landgewinn" sitzen gemeinsam in einem Sitzungssaal. © AWO Schleswig-Holstein
Zunächst für vier Monate bilden Migranten und Kommunalpolitiker Zweier-Teams im Projekt "Landgewinn".

Wie können Flüchtlinge in Deutschland integriert werden? Eine einzige Antwort auf diese Frage gibt es nicht, aber Ansätze in verschiedenen Bereichen. So bekommen in Schleswig-Holstein aktuell 14 Geflüchtete im Rahmen des Mentoring-Projekts "Landgewinn" Einblicke in die kommunalpolitische Arbeit in Nordfriesland. Das gemeinsame Auftakttreffen fand jetzt in Husum statt.

"Hier gibt es Demokratie - in Syrien nicht"

Annika Lorenzen ist Beauftragte für Menschen mit Behinderungen in der Gemeinde Leck. Jetzt ist sie auch Mentorin für einen Flüchtling. Sie wird die kommenden vier Monate mit der Syrerin Schachmiran Mohammed verbringen. Beide lernen sich gerade erst kennen. Vor ein paar Minuten wurden sie einander zugelost.

Mohammed ist erst vor Kurzem in den Norden Schleswig-Holsteins gekommen. Nun möchte sie erleben, wie hier Politik gemacht wird. "Wir möchten neue Politiker kennenlernen, weil hier in Deutschland Politiker anders sind als in Syrien. Daran haben wir Interesse. Es gibt hier Demokratie, und in Syrien nicht. Dort gibt es nur die Diktatur vom Präsidenten."

Beide Seiten sollen profitieren

Teilnehmer des Mentoring-Projekts "Landgewinn" sitzen gemeinsam in einem Sitzungssaal. © AWO Schleswig-Holstein
AUDIO: Integration: Migranten begleiten Lokalpolitiker (3 Min)

Schachmiran Mohammed wird Annika Lorenzen in der nächsten Zeit häufiger treffen. Lorenzen will der Migrantin Deutschland in dem Mentoring-Projekt "Landgewinn" näherbringen, aber auch ihren eigenen Horizont erweitern. "Ich finde es total toll, wenn ich eine andere Kultur von den Menschen erzählt bekomme. Ich glaube, dass es anders ist, als wenn ich dahin reise oder ein Buch lese oder was im Fernsehen dazu sehe."

Gerade vor dem Hintergrund, dass sich immer weniger Menschen in der Politik engagieren, sei es spannend, Menschen mit einzubeziehen, die neu in Deutschland sind, so Lorenzen: "Ich würde mich freuen, wenn wir beide am Ende sagen, dass es was gebracht hat und dass es Spaß gemacht hat."

Nordfriesland soll Vorbild sein für den ganzen Norden

Teilnehmer des Mentoring-Projekts "Landgewinn" sitzen gemeinsam in einem Sitzungssaal. © AWO Schleswig-Holstein
Zinedine Hathat von der AWO Schleswig-Holstein hat als Kind die Hilfe von Ehrenamtlichen schätzen gelernt.

Zinedine Hathat von der AWO Schleswig-Holstein hat dieses Flüchtlings - Projekt mitentwickelt. Er selbst war Kind von Einwanderern. Ehrenamtler in Nordfriesland haben seiner Familie damals geholfen, in Deutschland Fuß zu fassen, Land und Politik zu verstehen. Deshalb wollte er mit dem Projekt hier starten, bevor es anderswo eventuell übernommen werden kann: "Ich weiß noch, als wir klein waren, dass Ehrenamtler in Nordfriesland waren. Ich wusste, dass, wenn wir da starten, Ehrenamt vorhanden sein wird. Das hat auch so funktioniert. Dieses Gefühl, unterstützt zu werden, ist noch so drin geblieben. Ich wusste, dass wir erfolgreich sein werden, weil es das in Nordfriesland gibt."

Der Landkreis soll nun mit dem Projekt "Landgewinn" ein Vorbild für den ganzen Norden werden. "Dass die Leute sehen: Hier passiert was in Nordfriesland, das ja lange als 'abgehängte Region' galt. Es heißt ja immer: 'Joa, Niebüll, Leck, das ist ja eine verlassene Region'. Ich hoffe, das ändert sich. Die Leute sollen sehen, was hier passiert."

"Partizipation macht Menschen viel zufriedener"

Annika Lorenzen und Schachmiran Mohammed gehen nach dem ersten Treffen in Husum erst einmal getrennte Wege. In den kommenden Monaten soll die Syrerin während der Sprechzeiten der Behindertenbeauftragten dabei sein, und Hausbesuche begleiten. Auch bei einer Ausschusssitzung werden sich die beiden wieder treffen. "Ich glaube, dass Partiziation ganz entscheidend ist, um sich wohl zu fühlen. Wenn man sich mal vorstellt, in ein anderes Land zu kommen, gibt man ganz viel Kontrolle ab und man kann nicht ankommen. Und wenn man dann sieht, dass man selbst Schritt für Schritt Beteiligung erfährt und erlebt, was man selbst mitnehmen kann: Das macht Menschen viel zufriedener."

Nach Projektabschluss in vier Monaten entscheiden die Verantwortlichen, ob das von Bund und Land finanzierte Programm auch in anderen Regionen umgesetzt wird.

Jetzt hoffen die Projektverantwortlichen, dass die Flüchtlinge die deutsche Politik verstehen - und sich vielleicht später einmal selbst engagieren.

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NDR Info | NDR Info Perspektiven | 21.03.2018 | 09:08 Uhr

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