Folgen des Klimawandels: Wie gut ist Schleswig-Holstein vorbereitet?

Stand: 13.07.2023 16:19 Uhr

Dürren, Hitze, Extremwetter: Einige Kommunen in SH planen um, um sich an diese und andere Folgen des Klimawandels anzupassen. Doch längst nicht alle: Ein Überblick der Ergebnisse aus Schleswig-Holstein.

Überschwemmungen durch Starkregen, ausgetrocknete Teiche und Seen oder auch wochenlange Dürreperioden - bekannte Phänomene, die in letzter Zeit aber vermehrt auftreten. Der wissenschaftliche Konsens: Das alles sind exemplarische Folgen des Klimawandels. Eine Umfrage von NDR, WDR, BR und Correctiv wollte jetzt von den Verwaltungen in den Kreisen und kreisfreien Städte in Deutschland wissen, wie gut sie sich für den Umgang mit Klimawandelfolgen gewappnet sehen. Alle 400 Kreise und kreisfreien Städte der Bundesrepublik wurden befragt, unter den 329 Antworten waren auch 14 der 15 schleswig-holsteinischen Kreise und kreisfreien Städte – einzig der Kreis Ostholstein fehlt.

Der Überblick

Hitze: Wo es neue Wasserflächen und Entsiegelungsprojekte gibt

Die Sonne scheint über einem Getreidefeld. © Bernd Weißbrod/dpa Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Lange Hitzephasen sind körperlich anstrengend für viele - für Alte und Vorerkrankte sogar gefährlich.

  • Das Problem: Sommer mit langen Hitzephasen ohne Abkühlung und Temperaturen von immer wieder mehr als 30 Grad Celsius sind für viele ältere und vorerkrankte Menschen lebensbedrohlich.
  • Diese Maßnahmen gibt es: Um mit den Folgen extremer Hitze besser umgehen zu können, haben neun von 14 Kreisen und kreisfreien Städten in Schleswig-Holstein bereits Maßnahmen ergriffen. Im Kreis Schleswig-Flensburg beispielsweise wurden an einigen Stellen Wasserflächen angelegt. Die Verdunstung sorgt an besonders heißen Tagen für Abkühlung. Im Kreis Pinneberg wurden einige Flächen wie Parkplätze entsiegelt, so kann Wasser besser versickern und im Stadtgebiet gehalten werden. Nach dem Vorbild eines Schwamms kann das Wasser zusätzlich durch Verdunstung später wieder an die Umwelt abgegeben werden.
  • Noch keine Maßnahmen: Die fünf anderen Kreise, die sich an der Umfrage beteiligt haben, sehen sich in Zukunft zwar mit extremen Hitzewellen konfrontiert, haben bisher jedoch keine Maßnahmen ergriffen. Hierzu gehören neben Stormarn, Segeberg und Steinburg auch die Kreise Rendsburg-Eckernförde und Nordfriesland. Als Grund wird immer wieder die mangelnde Finanzierung angeführt.

Dürre: Besondere Pflanzen und andere Abflusssysteme sollen helfen

Blick in ein ausgetrockneten Flussbett. © picture alliance / Panama Pictures | Christoph Hardt Foto: Christoph Hardt
Erkennen alle Kreise als Problem: Zu lange Phasen der Trockenheit, die zu Dürren führen.

  • Das Problem: Lange Phasen der Trockenheit gab es zuletzt und auch in den letzten Jahren in Schleswig-Holstein immer wieder. Das hat zum Teil dramatische Folgen für Wälder und Tiere, auch die Wirtschaft leidet: Ernteausfälle wegen ausbleibendem Regen bedrohen die Existenzen von Landwirtinnen und Landwirten.
  • Diese Maßnahmen gibt es: Ähnlich wie beim Umgang mit Hitze verhält es sich bei den Maßnahmen, die gegen Dürren ergriffen wurden. Hier sind zehn Kreise bereits aktiv geworden. In der Stadt Kiel wurden unter anderem dürreresistente Pflanzen und Bäume gepflanzt und langsame Abflusssysteme gefördert. Das heißt, dass das Wasser möglichst lange in der Landschaft gespeichert werden woll.
  • Unsichere Informationslage: Alle teilnehmenden Kreise und kreisfreien Städte der Umfrage sind der Meinung, dass sie in Zukunft stärker von den Auswirkungen von Dürren betroffen sein werden. Für zwei, die Landeshauptstadt Kiel und das Herzogtum Lauenburg, ist eine solche Beurteilung aufgrund der unsicheren Informationslage noch nicht möglich.

Wassermangel: Neue Regeln für die Grundwasser-Nutzung geplant

Blick auf eine Pegelmesslatte der Rantzau, Nebenfluss der Stör. © NDR Foto: Laura Albus
Wenn zu wenig Wasser da ist, wollen einige Kommunen genauer hingucken, wer wie viel Grundwasser verbraucht.

  • Das Problem: Mit Hitze und Dürre geht häufig auch ausbleibender Regen einher. Und gerade in diesen Momenten steigt die Wassernutzung: Industrieanlagen brauchen mehr Kühlwasser, in der Landwirtschaft muss mehr bewässert werden und Bürgerinnen und Bürger füllen ihre privaten Pools. In den dramatischsten Fällen ist die Trinkwasserversorgung nicht mehr gewährleistet.
  • Diese Maßnahmen gibt es: Einige Projekte gegen Wassermangel haben bisher Gemeinden im Kreis Pinneberg sowie die Hansestadt Lübeck und die Landeshauptstadt Kiel umgesetzt. In Pinneberg wurden beispielsweise Regelungen zur Wasserentnahmen während Dürreperioden eingeführt. In Lübeck gibt es ein Grundwassermonitoring, das die Regelung von Wasserentnahmen vorbereiten soll.
  • Keine größeren Probleme erwartet: Im Kreis Steinburg wird nicht mit stärkeren Auswirkungen durch Wassermangel gerechnet. Außerdem wurden hier bisher keine der abgefragten Maßnahmen ergriffen.

Starkregen: Mehr Überflutungsgebiete - Städte sollen zu Schwämmen werden

Starkregen in Lübeck-Travemünde. © NDR Foto: Tobias Gellert
Fast alle Kreise in SH erwarten mehr Starkregen-Ereignisse.

  • Das Problem: Im Anschluss an teils wochenlange Trockenphasen folgen häufig kurze, heftige Regengüsse. Und weil der trockene Boden diese Wassermassen nicht aufnehmen kann, sind überflutete Straßen und Keller in diesem Szenario keine Seltenheit.
  • Diese Maßnahmen gibt es: Von Starkregen sehen sich in Zukunft fast alle Landkreise und kreisfreien Städte in Schleswig-Holstein betroffen. Im Kreis Plön wurden einige Überflutungsflächen geschaffen beziehungsweise erweitert. In den Kreisen Schleswig-Flensburg und Stormarn werden an verschiedenen Stellen die sogenannten Schwammstadt-Prinzipien angewendet: Die Idee einer Schwammstadt ist, dass möglichst viel Wasser bei Regengüssen im Boden oder anderen Grünfläche versickert oder in Regenrückhaltebecken gesammelt wird. In Hitzephasen verdunstet das Wasser dann und sorgt für eine natürliche Kühlung oder kann aus Regenrückhaltebecken in trockenere Gebiete gebracht werden. Konkrete geplante Projekte im Kreis Stormarn sind deshalb: Wälder aufforsten, Flächen entsiegeln und Gewässer renaturieren. In der Landeshauptstadt Kiel sind umfangreiche Starkregengefahrenkarten angelegt worden. Diese fanden dann Einfluss in die Erarbeitung einer Starkregen-Risikoanalyse.
  • Noch unsicher: Die Ausnahmen sind Dithmarschen und Nordfriesland. Hier trauen sich die Verwaltungen nicht zu, die zukünftige Situation einzuschätzen.

Hochwasser: Polder und Bodenschwellen

Hochwasser in Flensburg. © NDR Foto: Simone Steinhardt
Fünf Kreise rechnen mit mehr Hochwasser-Problemen durch den Klimawandel und bereiten sich vor.

  • Das Problem: Hochwasser sind eine typische Folge von Sturmfluten, Flusshochwasser oder auch einem Kanalrückstau, kann also natürliche Gründe und auch eine Mischung aus natürlichen und technischen Gründen haben.
  • Diese Maßnahmen gibt es: In fünf Kreisen und kreisfreien Städten sind Deiche, Mauern oder Flutpolder, also eingedeichte Rückhalteräume neben Flüssen, entstanden. Eine weitere Maßnahme ist eine Anpassung des Hochwassermanagements, zum Beispiel durch Bodenschwellen, mobile Hochwasserwände und Nachbesserung an Häusern. In Lübeck und den Kreisen Steinburg, Schleswig-Flensburg und Nordfriesland wurden solche Maßnahmen bereits umgesetzt.
  • Keine größeren Probleme erwartet: Der Kreis Segeberg sieht in der Zukunft keine erhöhte Gefahr durch Hochwasser und hat keine der abgefragten Maßnahmen ergriffen.

Meeresspiegelanstieg: Klimadeiche und Salzwiesen sollen schützen

Auf dem Strand werden Geowaben ausgelegt © LKN-SH Foto: Dr. Hendrik Brunckhorst
Klimadeiche sollen gegen den Meeresspiegelanstieg helfen. Sie sind höher, breiter und flacher

  • Das Problem: Die Folgen vom Meeresspiegelanstieg machen sich vor allem in Küstengebieten bemerkbar. In Schleswig-Holstein sind das ganze 1.100 Kilometer, mehr als 330.000 Menschen leben in den überflutungsgefährdeten Landesteilen. Und nicht nur Menschen sind bedroht: Die Versalzung von Naturschutzgebieten direkt hinter dem Deich würde die Artenvielfalt massiv bedrohen.
  • Diese Maßnahmen gibt es: An verschiedenen Stellen in den Kreisen Pinneberg, Steinburg, Dithmarschen und Nordfriesland und in Plön wurden deshalb Deiche erhöht oder Klimadeiche errichtet. Klimadeiche sind höher, breiter und flacher als andere Deiche. So sollen Schäden beim Aufprallen der Wellen während Sturmfluten verringert werden, erklärt das Umweltministerium. Im Kreis Schleswig-Flensburg geht man vor allem mit der Schaffung von Salzwiesen, zum Beispiel durch Sommerdeiche, gegen die Gefahren des steigenden Meeresspiegels vor.
  • Keine größeren Probleme erwartet: In Neumünster sowie den Kreisen Segeberg, Stormarn und im Herzogtum Lauenburg sieht man in Zukunft keine erhöhte Gefahr durch den steigenden Meeresspiegel und Sturmfluten. 

 

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 13.07.2023 | 19:30 Uhr

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Klimaschutz

Umweltschutz

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