Der sanierte Thoraschrein und das Lesepult in der Lübecker Synagoge. © NDR Foto: JW

Carlebach-Synagoge in Lübeck wird wiedereröffnet

Stand: 09.08.2021 05:00 Uhr

Es war ein langer Weg mit vielen Hindernissen: Zehn Jahre nach dem Renovierungsbeschluss und sieben Jahre nach Umbaustart wird die renovierte Lübecker Carlebach-Synagoge endlich offiziell wiedereröffnet.

von Mechthild Mäsker

Seit einem Jahr kann die Jüdische Gemeinde in dem Gebäude bereits wieder Gottesdienste feiern. Nun fällt die Wiedereröffnung in das Festjahr "1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland". "Eine sehr große Freude für die Gemeinde", sagt Rabbiner Nathan Grinberg.

Geschichte der Synagoge

Die Lübecker Synagoge ist die einzige in Schleswig-Holstein, die die Nazizeit überstanden hat. Auch deutschlandweit gibt es davon nur sehr wenige. Die Synagoge wurde 1938 in der Reichspogromnacht nicht abgebrannt, denn das Gebäude grenzt direkt an die heutige Kunsthalle St. Annen. Das damalige Archiv sollte von Brandschäden verschont bleiben. In den Räumlichkeiten lagerten zu dieser Zeit Kunstwerke und Wertgegenstände reicher Lübecker Bürger. Allerdings verwüsteten die Nationalsozialisten die Innenräume und zwangen die Gemeinde, das Gebäude für wenig Geld an die Stadt zu verkaufen.

Nach 1945 dauerte es lange, bis wieder ein echtes Gemeindeleben entstehen konnte, die meisten jüdischen Familien waren deportiert und ermordet worden, kaum jemand kehrte zurück. 1938 hatte die Gemeinde noch 293 Mitglieder. Die Anfänge des Gemeindelebens gehen weit zurück. Die ersten Juden hatten sich bereits um das Jahr 1656 im Dorf Moisling niedergelassen - damals noch außerhalb der Stadtmauern. 1851 wurde in der Wahmstraße ein Betsaal gebaut, der aber für die wachsende Jüdische Gemeinschaft schon bald zu klein wurde. Und so begann 1878 der Bau einer großen Synagoge in der St. Annen-Straße.

Festakt zur Wiedereröffnung

Seit August 2020 ist die Synagoge renoviert und saniert - doch Corona verhinderte das geplante große Eröffnungsfest. Auch jetzt werden zum Festakt am 12. August Pandemie-bedingt nur etwa 100 ausgewählte Gäste dabei sein - dazu gehören der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein, Igor Wolodarski, und Landesrabbiner Dov-Levy Barsilay. Aus der Politik wird Monika Grütters (CDU) erwartet, die Staatsministerin für Kultur und Medien, sowie Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) und Bildungsministerin Karin Prien (CDU), außerdem natürlich Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau (SPD).

Aber auch Schleswig-Holsteins Ehrenbürger Armin Mueller-Stahl wird dabei sein, dessen Reihe jüdischer Porträts derzeit nebenan in der Kunsthalle St. Annen ausgestellt wird.

Vor dem Festakt wird nach jüdischem Brauch das Haus eingeweiht - durch das Anbringen von drei Mesusot an den Türen. Eine Mesusa ist eine am Türpfosten befestigte, mit einem beschrifteten Pergament gefüllte Kapsel, dazu wird ein besonderes Gebet gesprochen. Direkt danach wird der Festakt im Gotteshaus beginnen, hinter den drei großen Portalen, die den neuen Haupteingang bilden.

Diskussion um die neue Fassade

Die Geschichte der nationalsozialistischen Schändung und Umwidmung der Synagoge hat sich auch auf die Geschichte der heutigen Sanierung ausgewirkt: Bis Ende der 1930er-Jahre hatte der prächtige, 1880 eingeweihte Sakralbau eine maurische Fassade und eine wunderschöne große Kuppel. Die Nazis rissen beides ab, nur schmuckloser Backstein blieb übrig. Um die Frage, ob die historische maurische Fassade wieder errichtet werden sollte, entbrannte ein längerer Streit. Schließlich entschied sich die Gemeinde dafür, die schlichtere Fassade aus der Zeit nach 1945 beizubehalten, denn die Schändung des Gebäudes ist auch Teil der Geschichte des Judentums in Deutschland insgesamt.

Umfangreich sanierter Gottesdienstraum

Tischler arbeiten in der Lübecker Synagoge. © NDR Foto: Thorsten Philipps
Tischler arbeiten an der Lübecker Synagoge. Nach vielen Jahren Bauzeit ist nun alles fertig.

Vor allem aber im Innenbereich ist die reich verzierte Gebetshalle, zweistöckig und mit bunten Glasfenstern versehen, zu altem Glanz gebracht worden. Wand- und Deckenmalereien wurden offengelegt, geschnitzte Geländer aufbereitet. Wertvolle neue Sakralmöbel, eigens in Israel angefertigt, wurden im August 2020 aufgebaut. Aber auch Heizung, Dach, Sanitäranlagen mussten erneuert werden, Seminar- und Büroräume sind entstanden, ein Aufzug wurde eingebaut. Der Umbau sollte ursprünglich 3,3 Millionen Euro kosten – letztlich waren es 8,5 Millionen Euro. Zwischendurch, im Juni 2016, mussten die Arbeiten sogar für einige Monate ausgesetzt werden, weil kein Geld mehr da war. Bei der Finanzierung haben Bund, Land, Stadt, die Gemeinde, aber auch Stiftungen und Privatleute schließlich gemeinsam die nötigen Mittel aufgebracht.

Ab dem 12. August wird hier auch eine ständige Ausstellung über die Geschichte der Lübecker Juden und der Synagoge stattfinden. Mit Hilfe eines neuen eGuides auf der Seite carlebach.eguide.de kann die Ausstellung auch digital besucht werden. Die Gemeinde bietet Religionsunterricht und Beratung zu jüdischen Ritualen, es gibt unter anderem einen Chor und eine Kindergruppe, Kurse wie etwa "Jiddisch für Anfänger" und eben regelmäßige Gottesdienste, die sieben lange Jahre im Keller neben der Synagoge abgehalten werden mussten. Außerdem gehören zwei Friedhöfe zur Gemeinde.

Der Name Carlebach

Die Synagoge trägt heute den Namen des langjährigen Rabbiners Salomon Carlebach. Dieser war ein charismatischer Jude, der im Juli 1870 sein Amt angetreten hatte, damals 24 Jahre jung. In seine Amtszeit fiel 1880 die Einweihung des Gotteshauses, nach knapp dreijähriger Bauzeit. Mehr als 40 Jahre wirkte er hier, fünf seiner Söhne wurden Rabbiner. Er gründete in Lübeck seine Familie, arbeitete auch als Lehrer und Autor, und war von 1877 bis 1895 Abgeordneter in der Bürgerschaft. Als die Synagoge 1945 wieder der jüdischen Gemeinde übergeben wurde, zogen hier noch lebende Nachfahren der Familie - Salomon, der 1919 gestorben war, hatte mit seiner Frau Esther 12 Kinder - in das Obergeschoss. Das Familiengrab der Carlebachs befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Lübeck-Moisling. Die Familiengeschichte ist also mit der Geschichte der Synagoge eng verbunden.

Brandanschlag 1994

Für die Nachfahren Carlebachs, aber auch für Lübeck und für Schleswig-Holstein war die Nachricht vom Brandanschlag 1994 ein Schock. Neonazis hatten in der Nacht zum 25. März an einem Seiteneingang der Synagoge Feuer gelegt. Teile des Gebäudes wurden dabei schwer beschädigt. Es war der erste Brandanschlag auf ein Jüdisches Gotteshaus in Deutschland seit der Pogromnacht 1938. Weltweit waren Betroffenheit und Solidarität groß. In Lübeck gingen am nächsten Tag tausende Menschen unter dem Motto "Lübeck hält den Atem an" aus Protest auf die Straße. Und als am 7. Mai 1995 erneut, diesmal an einem Nebengebäude, Feuer gelegt wurde, war klar, dass die Polizei hier ständig präsent sein musste.

Höchste Sicherheitsstufe

Und so ist die Synagoge noch heute ein Sicherheitsgebiet, rund um die Uhr bewacht und gesichert. Der Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019, dem Jüdischen Feiertag Jom Kippur, hat erneut gezeigt, dass diese Bewachung weiterhin nötig ist. In Lübeck gilt für den Tag der Wiedereröffnung mit Festakt und geladenen Gästen höchste Sicherheitsstufe. Die St. Annen-Straße vor der Synagoge wird komplett gesperrt, der Zugang auch für Medien streng reglementiert.

Mazel tov und L‘chaim

Davon will sich aber die Gemeinde nicht einschüchtern lassen. Es wird gefeiert, mit Klezmer-Musik des jungen Lübecker Ensembles Vagabund, mit jüdischen Liedern von Natalia Dachkin (Gesang) und Galina Fedulina (Klavier). Und mit Reden, Grußworten und einem kleinen Empfang. Rabbiner Nathan Grinberg freut sich schon jetzt auf die Feierlichkeiten: "Synagogen sind seit 2.000 Jahren der Eckpfeiler jüdischer Gemeinden.  Und natürlich stellt die sanierte Synagoge ein Symbol für die Wiederbelebung jüdischen Lebens in Lübeck dar. Synagoge und Gemeindezentrum bereichern das Leben in unserer Gemeinde maßgeblich."

Es ist wieder jüdisches Leben eingezogen in Lübeck, die orthodoxe, von russischen Einwandererfamilien geprägte Gemeinde,derzeit die größte in Schleswig-Holstein, zählt etwa 600 Mitglieder, die nun frohen Mutes wieder L’chaim anstimmen können - Auf das Leben!  Und es gibt auch schon ein nächstes Projekt: eine neue Thora. Dafür erhält die Jüdische Gemeinde am Festtag ein besonderes Geschenk vom Arbeitskreis Christlicher Kirchen, ACK, in Lübeck. In evangelischen, freikirchlichen und katholischen Gottesdiensten kamen mit einer Gemeindekollekte mehr als 1.000 Euro zusammen. Ein guter Anfang für die Spendensammlung.

Festakt im Livestream

NDR.de überträgt die Wiedereröffnung der großen Carlebach-Synagoge im Livestream - und zwar am 12. August von 13.45 bis circa 16 Uhr. Unsere Radioreporterinnen und -reporter berichten außerdem laufend auf NDR 1 Welle Nord. Das NDR Fernsehen zeigt Bilder und Reaktionen in der Sendung Schleswig-Holstein 18 Uhr und im Schleswig-Holstein Magazin um 19.30 Uhr.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 12.08.2021 | 08:00 Uhr

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