Stand: 05.06.2019 21:01 Uhr

Mordprozess: Högels abgelesene Reue sorgt für Wut

von Oliver Gressieker

Es sind Sätze, auf die viele gewartet haben, doch sie verpuffen fast wirkungslos. "Ich möchte mich bei allen Betroffenen aufrichtig für all das entschuldigen, was ich ihnen angetan habe", verliest der wegen 100-fachen Mordes angeklagte Ex-Krankenpfleger Niels Högel in seinem letzten Wort vor dem Oldenburger Landgericht. "Ich habe unzähligen Menschen das Leben genommen, aus Motiven, die heute für mich nicht mehr nachvollziehbar sind. Reue und Scham sind meine täglichen Begleiter." Am Inhalt seines kurzen Statements gibt es eigentlich wenig zu bemängeln, doch die Art und Weise des Vortrags sorgt bei vielen Angehörigen der Opfer für Entsetzen.

Anwältin: "Högel hätte lieber schweigen sollen"

"Högel hat das nett abgelesen, aber es waren keinerlei Emotionen zu erkennen", beklagt Nebenkläger-Anwältin Gaby Lübben im Gespräch mit NDR.de. "Das löst bei mir und meinen Mandanten eher Wut aus. Er versucht weiter, uns zu manipulieren." Laut Lübben wäre es angemessen gewesen, ein ernstgemeintes letztes Wort frei vorzutragen und dabei auch Gefühlsregungen zu zeigen. "So, wie er es jetzt gemacht hat, hätte er lieber schweigen sollen", sagt die Anwältin. Eine Nebenklägerin spricht vor dem provisorischen Gerichtssaal in der Weser-Ems-Halle gar von einem Affront. "Sich das anzuhören, ist nur schwer zu ertragen", betont sie.

Verteidigung hält Plädoyer

Auch ansonsten ist der letzte Verhandlungstag vor der Urteilsverkündung eine harte Prüfung für die anwesenden Angehörigen: Denn es steht das Plädoyer der Verteidigerinnen an, die ihren Mandaten im Rahmen ihrer Tätigkeit in Schutz nehmen. Den beiden Anwältinnen Ulrike Baumann und Kirsten Hüfken ist die Brisanz ihrer Worte durchaus bewusst. Es sei ihre Aufgabe die Fakten vorzubringen, die für den Angeklagten sprächen, sagt Baumann gleich zu Beginn des Plädoyers. Das bedeute aber nicht, dass die Verteidigung den Toten und ihren Angehörigen nicht den nötigen Respekt entgegenbringe. Laut Anklageschrift soll Högel zwischen 2000 und 2005 an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst insgesamt 100 Patienten mit überdosierten Medikamenten getötet haben.

Freispruch in 31 Fällen gefordert

"Weder wir noch Herr Högel leugnen, dass er in vielen Fällen der Täter ist", betont Baumann. Trotzdem könne er nur für Taten verurteilt werden, die er eindeutig begangen hat. Es müsse daher in jedem Einzelfall betrachtet werden, ob Högel manipuliert hat und ob der jeweilige Patient auch wirklich aufgrund der Manipulation gestorben ist. Die Verteidigerinnen gehen dementsprechend alle 100 angeklagten Taten durch. Dabei kommen sie zu einer anderen Bewertung als Staatsanwaltschaft und Nebenkläger-Anwälte, die Mitte Mai eine Verurteilung wegen 97-fachen Mordes gefordert hatten. Baumann und Hüfken plädieren lediglich in 55 Fällen auf Mord und in 14 Fällen auf versuchten Mord. In 31 Fällen fordern sie einen Freispruch.

Medizinisches Gutachten als Grundlage

Bei ihren Einschätzungen berufen sich die Verteidigerinnen in erster Linie auf den medizinischen Gutachter Wolfgang Koppert. Dieser hatte im Prozess ausgeführt, mit welcher Wahrscheinlichkeit Högel für den Tod der einzelnen Patienten verantwortlich ist. In den Fällen, wo diese mit maximal 50 Prozent beziffert wurde, könne nicht von einer tödlichen Manipulation ausgegangen werden, so Hüfken.

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Verteidigerinnen bezweifeln Lidocain-Fälle

Die Anwältinnen stellen zudem sämtliche Fälle in Frage, bei denen Högel den Wirkstoff Lidocain benutzt haben soll. Die Halbwertzeiten von Lidocain im Gewebe seien nicht ausreichend erforscht, um Rückschlüsse auf die gegebenen Mengen zu ziehen, betont Baumann. Außerdem könne der Wirkstoff durch Gels oder Salben in die Körper gelangt sein. Versuchter Mord läge dann vor, wenn Högel eine Manipulation eingestanden habe, es aber unklar sei, ob der Patient auch wirklich daran gestorben ist, so Baumann. Ohne Erinnerung von Högel und ohne eindeutige Beweise käme dagegen nur ein Freispruch in Frage.

Baumann nimmt Högel in Schutz

Schwer zu ertragen sind für viele Angehörige die Ausführungen der Verteidigung zum Aussageverhalten von Högel. Er habe durchaus echte Reue gezeigt, behauptet Baumann. "Was hätte er denn sagen sollen, damit man ihm das glaubt?" Die Anwältin räumt zwar ein, dass Högel mehr als einmal gelogen habe. Es sei aber auch durchaus nachvollziehbar, dass er eine gewisse Schamgrenze überwinden musste. Außerdem betonte sie, dass durch Högels Aussagebereitschaft der aktuelle Prozess überhaupt erst möglich geworden sei. "Hätte er die ganze Zeit geschwiegen, wäre er niemals so viele Taten angeklagt worden", so Baumann.

Lebenslange Haft mit besonderer Schwere der Schuld erwartet

Am Donnerstag will die Kammer um den Vorsitzenden Richter Sebastian Bührmann ihr Urteil verkünden. Neben Staatsanwaltschaft und Nebenklägern hat auch die Verteidigung für eine lebenslange Freiheitsstrafe plädiert. Wie schon im Mordprozess gegen Högel 2015 wird das Gericht aller Voraussicht nach die besondere Schwere der Schuld feststellen. Damit könnte der Ex-Krankenpfleger, der bereits seit 2009 im Gefängnis sitzt, erst dann wieder aus der Haft entlassen werden, wenn eine Prüfung ergibt, dass er keine Gefahr mehr für die Allgemeinheit darstellt. Laut Gerichtsprecherin Melanie Bitter hätte eine zusätzliche Anordnung von Sicherungsverwahrung somit keinen Effekt. "Ich hoffe, dass Högel wie beantragt für 97 Fälle wegen Mordes verurteilt wird", so Nebenkläger-Anwältin Lübben gegenüber NDR.de. "Mir bereitet schon jetzt der Gedanke Bauchschmerzen, meinen Mandanten mögliche Freisprüche erklären zu müssen."

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 05.06.2019 | 19:30 Uhr

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