Stand: 22.01.2019 14:26 Uhr

Högel-Prozess: Vorwürfe gegen Klinikum Oldenburg

Vor dem Landgericht Oldenburg ist heute der Prozess gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel fortgesetzt worden. Zu Beginn des achten Verhandlungstages befragte das Gericht erstmals frühere Kollegen von Högel am Klinikum Oldenburg. Dabei wurde deutlich: Schon in Oldenburg soll es einen Verdacht gegen den damaligen Pfleger gegeben haben, dem die Klinik offenbar nicht nachging. Außerdem soll die Klinik versucht haben, Zeugen auf Linie zu bringen.

Zeuge: Anwalt wollte Einfluss nehmen

Entsprechende Vorwürfe erhob ein ehemaliger Kollege von Högel: Das Klinikum habe ihm einen Anwalt zur Seite stellen wollen, der seine Angaben vor Behörden und vor dem Landtag habe kontrollieren wollen, sagte der Mann. Er habe dies abgelehnt, sagte der 55-Jährige, der im Fall Högel eine besondere Stellung einnimmt: Der Mann hatte die Aufklärung der Todesfälle am Klinikum Oldenburg ins Rollen gebracht, als er 2014 zur Polizei ging. Vor dem Landgericht berichtete der ehemalige Kollege nun von einem Anruf des betreffenden Anwalts, den er erhalten habe, nachdem im Landtag eine Erklärung des 55-Jährigen vorgelesen worden sei. In dem Telefonat habe der Anwalt wissen wollen, warum er die Aussage nicht vorher mit ihm abgesprochen habe. Dies habe er als Vorwurf verstanden, sagte der Zeuge.

Frühzeitiger Verdacht

Deutlich wurde bei der Aussage des Mannes auch, dass es schon frühzeitig in Oldenburg einen Verdacht gegen den damaligen Krankenpfleger gegeben habe. Eine Kollegin habe die Bezeichnung "Todes-Högel" benutzt, sagte der Mann.

Zweite Zeuge widerspricht Vorwürfen

Der zweite geladene Zeuge, ein Oberarzt der Herzchirurgie des Klinikums Oldenburg, bestritt mehrfach, jemals konkrete Hinweise zu Fällen erhalten zu haben, die mit der Person Högel verbunden gewesen seien. Wegen der Bedeutung seiner Aussage wurde der Mann vom Vorsitzenden Richter Sebastian Bührmann als Zeuge vereidigt.

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Liste dokumentiert höhere Zahl an Reanimierungen

Keine Erinnerung hatte der Oberarzt an eine Liste, die in dem Prozess als Beweisstück dient. Darin hatte die Stationsleitung in einen bestimmten Zeitraum die Anzahl der Reanimierungen im Klinikum dokumentiert - aufgeschlüsselt nach Art der Schicht und Name des Pflegepersonals. Högel kam in dieser Liste auf 18 Wiederbelebungen - doppelt so viel, wie bei jedem anderen seiner Kollegen. Der Zeuge sagte, er sehe die Liste zum ersten Mal. Sie sei nie mit ihm erörtert worden.

Auch Ermittler kritisierten Anwalt

Beim letzten Verhandlungstag Anfang Januar hatten Ermittler das Aussageverhalten von früheren Kollegen aus dem Klinikum Oldenburg kritisiert: Dabei wurde moniert, dass diese stets mit einem vom Klinikum bezahlten Rechtsanwalt zu den Vernehmungen erschienen seien und dabei unkooperativ gewesen seien, hieß es.

Högel wird vorgeworfen, an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst zwischen 2000 und 2005 mindestens 100 Menschen mit überdosierten Medikamenten getötet zu haben. Im Laufe des Prozesses hat er bereits 43 Taten gestanden. Am Mittwoch sollen unter anderem zwei Ex-Freundinnen des Angeklagten aussagen. Dieser Teil des Prozesses wird voraussichtlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Dadurch solle die Intimsphäre der Frauen geschützt, sagte der Richter.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 22.01.2019 | 16:00 Uhr

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