Stand: 29.03.2019 20:11 Uhr

Högel-Prozess: Nachweis der Taten wird schwierig

von Oliver Gressieker
Högels Verteidigerin (r.) stellte einen umfassenden Beweisantrag.

Wie viele Morde lassen sich Niels Högel nachweisen? Das ist die große Frage beim Prozess gegen den Ex-Krankenpfleger vor dem Oldenburger Landgericht. Nach der Vernehmung des Angeklagten im November sah es zunächst so aus, als ob die Antwort darauf relativ leicht zu finden sein dürfte. Högel räumte damals 43 der 100 angeklagten Taten ein, in 52 weiteren Fällen hielt er eine vorsätzliche Manipulation an Patienten in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst für möglich. Lediglich fünf Tatvorwürfe bestritt der 42-Jährige ausdrücklich. Man hätte also durchaus davon ausgehen können, dass sich die Befragung der Sachverständigen auf letztgenannte Fälle konzentrieren kann.

Gutachten widersprechen sich

Derartige Überlegungen wischen die beiden Verteidigerinnen von Högel jedoch schnell vom Tisch. Gleich zu Beginn des 16. Verhandlungstages stellen sie einen 27-seitigen Beweisantrag, dessen Verlesung rund eine Stunde dauert. Darin gehen die Anwältinnen auf nahezu alle Tatvorwürfe ein und machen deutlich, dass die Einschätzungen der beiden wesentlichen Gutachter häufig vage bleiben und sich in vielen Fällen sogar widersprechen. Bei den meisten Todesfällen seien andere Ursachen zum Beispiel durch die Vorerkrankungen zumindest denkbar. Häufig sei der Krankheitsverlauf von den Kliniken äußerst schlecht dokumentiert worden.

Verteidigung stellt Tatvorwürfe infrage

Außerdem betonen die Verteidigerinnen, dass Högel als Täter nicht infrage komme, wenn es keine Reanimationen gab oder die betroffenen Patienten wach waren. In derartigen Fällen hätte ihr Mandant keine Manipulationen mit überdosierten Medikamenten vorgenommen. Kurzum: Die Verteidigerinnen bezweifeln offen, dass Högel für viele der angeklagten Todesfälle verantwortlich ist.

Privater Gutachter entdeckt Manipulationen

Die Befragung des ersten Sachverständigen, Professor Georg von Knobelsdorff, bringt nur bedingt Klarheit. Der 61-jährige Intensivmediziner aus Hildesheim war im Herbst 2014 vom Klinikum Oldenburg als privater Gutachter engagiert worden. Wie er sagt, sollte er anhand von Patientenakten auffällige Todesfälle während der Tätigkeit von Högel aufspüren. "Ich habe schnell gemerkt, dass manipuliert wurde", so von Knobelsdorff.

Fokus auf erhöhte Kalium-Werte

Bei seinen Nachforschungen konzentrierte sich von Knobelsdorff auf unerklärlich hohe Kalium-Werte. Von Högel verwendete Herzmittel ließ er dagegen außen vor. "Ich habe das zwar nicht kategorisch ausgeschlossen, aber mir war klar, dass ich das auf Basis der Akten nicht nachweisen kann", betont er. Die meisten Fälle, die er ursprünglich als unauffällig bewertet hatte, könnten daher auch durch überdosierte Medikamente ausgelöst worden sein. Diesen von der Verteidigung bemängelten Widerspruch zum von der Staatsanwaltschaft beauftragten Gutachter, Professor Wolfgang Koppert, kann er somit entkräften.

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Zweifelsfreie Nachweise nur selten möglich

Auch mit Koppert geht der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann im Anschluss viele der 100 Fälle durch. Der Anästhesist aus Hannover hat insgesamt 320 Gutachten zu verstorbenen Patienten erstellt, bei denen der Verdacht einer Manipulation bestand. Auf seine Empfehlungen ließ die Staatsanwaltschaft insgesamt 134 Leichen exhumieren. Bei seiner Befragung wird klar, wie schwer es ist, Högel die angeklagten Taten zweifelsfrei nachzuweisen. Koppert macht deutlich, dass er in vielen Fällen lediglich von Wahrscheinlichkeiten sprechen kann. Eine mögliche Manipulation beziffert er mit 50 bis 90 Prozent, eine sehr wahrscheinliche mit 99 Prozent. Fast immer sei aber auch eine natürliche Todesursache aufgrund der schweren Krankheitsverläufe denkbar, sagt der 55-Jährige und stärkt damit die Position der Verteidigung. Am Freitag soll die Befragung von Koppert fortgesetzt werden.

Psychologin soll nächste Woche aussagen

Die Vernehmung der Oldenburger Gefängnispsychologin, die Högel seit Langem behandelt, ist auf die kommende Woche verschoben worden. Die Therapeutin muss aussagen, weil sie sich aufgrund ihrer fehlenden Approbation nicht auf die Schweigepflicht berufen darf. Aller Voraussicht nach wird hierbei allerdings die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Auf diese Weise solle, so Bührmann, zumindest eine gewisse Vertraulichkeit gewahrt werden. Der Richter kündigt derweil an, dass er die Beweisaufnahme voraussichtlich im April abschließen wird. Im Anschluss folgen die Plädoyers - und vermutlich im Mai das Urteil.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 28.03.2019 | 17:00 Uhr

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