Stand: 04.04.2019 18:35 Uhr

Gutachter nennt Högel einen "kompetenten Lügner"

von Oliver Gressieker

Auf den ersten Blick wirkt es im Mordprozess gegen den Ex-Krankenpfleger Niels Högel so, als ob der Angeklagte bereitwillig zur Aufklärung seiner unfassbaren Verbrechen beitragen möchte. 43 der 100 angeklagten Patientenmorde an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst hat Högel gleich zu Beginn gestanden, lediglich fünf Fälle bestreitet er ausdrücklich. Von mangelnder Kooperation ist keine Spur. Dennoch bleibt die große Frage, wie glaubwürdig seine Aussagen wirklich sind. Zweifel sind naheliegend, schließlich hat Högel in früheren Vernehmungen und Prozessen nachweislich die Unwahrheit gesagt und zum Beispiel die Taten in Oldenburg komplett geleugnet.

Niels Högel in einem Gerichtssaal in Oldenburg © dpa-Bildfunk Foto: Hauke-Christian Dittrich

Ist Niels Högel schuldfähig? Gutachter sagt aus

Hallo Niedersachsen -

Im Mordprozess gegen Niels Högel hat ein gerichtsmedizinischer Psychologe ausgesagt. Er soll herausfinden, ob der Angeklagte die Wahrheit sagt - und schuldfähig ist.

2,75 bei 12 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Gutachter bezweifelt Högels Glaubwürdigkeit

Klarheit in diese Problematik soll am 18. Verhandlungstag vor dem Oldenburger Landgericht der Rechtspsychologe Max Steller bringen. Der 75-Jährige hat als Gutachter die Aufgabe, die Glaubhaftigkeit von Högels Aussagen zu beurteilen. Steller hat sämtliche Prozesstage verfolgt und zudem im vergangenen Herbst zwei längere Gespräche mit Högel geführt. Sein Urteil wird schnell klar: Högel ist nach Stellers Ansicht ein qualitativ hochwertiger Lügner, der aus taktischen Gründen ohne Hemmungen immer wieder falsche Angaben gemacht hat.

Keine Hinweise auf eingeschränkte Aussagetüchtigkeit

Zu Beginn seiner Ausführungen betont Steller, dass Högel uneingeschränkt aussagetüchtig sei. Es gebe weder Hinweise auf den Missbrauch von Substanzen noch auf psychiatrische Erkrankungen oder gar ein Trauma. "Deutlich erkennbar ist jedoch, dass der Angeklagte an einer ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet, was die vielen selbstwertdienlichen Aussagen erklärt", so der Berliner Gutachter. Högel sei grundsätzlich bereit zu lügen, um selbst besser dazustehen. Von daher sei es auch unwahrscheinlich, dass er in der aktuellen Verhandlung immer die Wahrheit gesagt hat.

Multimedia-Doku
Multimedia-Doku

Niels Högel: Die Morde eines Krankenpflegers

Niels Högel soll mehr als 100 Patienten getötet haben. Die wohl größte Mordserie der Nachkriegszeit, begünstigt von beispiellosem Versagen. Eine Multimedia-Doku, optimiert für Desktop-Nutzung. mehr

Rechtfertigung für Falschaussagen

Ganz deutlich zurück weist Steller die Behauptung von Högel, er habe die Taten am Klinikum Oldenburg nicht bewusst geleugnet, sondern lediglich verdrängt. Aus gedächtnispsychologischer Sicht sei das absolut unglaubwürdig und widerlegbar, so der 75-Jährige. Vielmehr sei deutlich zu erkennen, dass Högel seine Angaben immer an den aktuellen Ermittlungsstand angepasst habe. Erst wenn das Gegenteil feststand, habe er seine Aussagen revidiert und den jeweiligen Vorwurf eingeräumt. Außerdem habe er selbst dann noch versucht, eine plausible Erklärung für seine Falschaussage zu finden.

"Er weiß, was er getan hat"

"Er will seine Vergangenheit nicht wahrhaben, aber er weiß ganz genau, was er getan hat", betont Steller. Das gelte auch für das verspätete Einräumen von weiteren Wirkstoffen, mit denen Högel Patienten getötet hat. Insbesondere an Lidocain müsse er sich eigentlich erinnern, da er damit laut Anklage seine erste Tat in Oldenburg begangen haben soll. Bei Serientaten bleibe das erste Mal in der Regel deutlich im Gedächtnis, so der Rechtspsychologe.

Konstruktionsfehler in Högels Lügengebäude

Steller spricht in seiner mehrstündigen wissenschaftlichen Analyse von einem vielschichtigen "Lügenmodell". Högel habe eine "hohe Lügenbereitschaft und eine beachtliche Lügenkompetenz" an den Tag gelegt. "Er kann falsche Aussagen mit hoher Qualität vortragen", erläutert Steller. Dabei seien ihm allerdings immer wieder "Konstruktionsfehler" unterlaufen, wie die vielen belegbaren Widersprüche in seinen Aussagen zeigen würden, so der Gutachter. Högel nimmt diese Ausführungen mit sichtlichem Unbehagen zur Kenntnis - gleich mehrfach verschränkt er die Hände vor dem Gesicht.

Weitere Informationen

Högel-Prozess: Nachweis der Taten wird schwierig

Im Mordprozess gegen Ex-Krankenpfleger Niels Högel sind zwei Gutachter befragt worden. Sie machten deutlich, dass ein zweifelsfreier Nachweis vieler Taten kaum möglich ist. (29.03.2019) mehr

Keine Hinweise auf falsche Geständnisse

Im zweiten Verhandlungsteil am Nachmittag geht Steller auf die einzelnen Tatvorwürfe ein. Allzu große Erkenntnisse bringt das jedoch nicht. Bei den 52 Fällen, an die sich Högel nach eigenen Angaben nicht erinnern kann, und den fünf Fällen, die er bestreitet, kann der Gutachter keine klare Aussage zur Glaubhaftigkeit machen. Bei den 43 Taten, die der Ex-Krankenpfleger eingeräumt hat, sieht Steller keine Hinweise auf eine unwissentliche oder gar absichtliche Falschaussage. "Es spricht nichts gegen die Richtigkeit der Geständnisse", sagt der 75-Jährige. Er begründet das damit, dass sich Högel in zahlreichen Fällen an Details erinnern könne, die mit der eigentlichen Tat nichts zu tun hätten. Diese sogenannten Realkennzeichen seien zwar keine eindeutigen Beweise, würden aber aus psychologischer Sicht den Wahrheitsgehalt der Aussage stützen. Für das Urteil ist das durchaus von Bedeutung, denn laut Gerichtssprecherin Melanie Bitter muss die Kammer auch die Geständnisse sehr genau prüfen.

Anhörung von Saß verschiebt sich

Wegen der sehr ausführlichen Aussage von Steller verschiebt das Gericht die Anhörung des Psychiaters Henning Saß auf einen späteren Termin. Saß, der im NSU-Prozess ein Gutachten über die rechtsextreme Terroristin Beate Zschäpe erstellte, soll die Schuldfähigkeit von Högel beurteilen. Am Freitag geht der Prozess zunächst mit der Befragung des medizinischen Gutachters der Staatsanwaltschaft, Wolfgang Koppert, weiter. Der Mediziner aus Hannover wird seinen Bericht über die möglichen Todesursachen der getöteten Patienten fortsetzen.

Weitere Informationen

"Kardio 2": Meineid-Ermittlungen im Fall Högel

Im Fall des wegen 100-fachen Mordes angeklagten Ex-Pflegers Högel hat die Polizei Oldenburg eine neue Sonderkommission eingerichtet. Sie soll Meineid-Vorwürfe gegen Zeugen überprüfen. (13.03.2019) mehr

Högel-Prozess: Gutachter schildern Exhumierungen

Im Mordprozess gegen den früheren Krankenpfleger Niels Högel haben am Landgericht Oldenburg zwei Rechtsmediziner ausgesagt. Sie beschrieben die Exhumierungen von 134 Leichen. (08.03.2019) mehr

Högel: Zeugin beklagt Maulkorb durch Klinik

Im Mordprozess gegen Ex-Pfleger Niels Högel hat eine Intensivschwester von Verdachtsmomenten berichtet. Der Chef habe nicht gehandelt, sondern einem Kollegen einen Maulkorb verpasst. (07.03.2019) mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 04.04.2019 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

03:25
Hallo Niedersachsen
04:51
Hallo Niedersachsen
03:16
Hallo Niedersachsen