Sendedatum: 27.08.2013 21:15 Uhr  | Archiv

Garbsen: Eine Stadt wehrt sich gegen rechts

von Mareike Burgschat & Jörg Hilbert
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Die Willehadi-Kirche in Garbsen brannte vor vier Wochen bis auf die Grundmauern nieder, Täter unbekannt. Rechtsextremisten versuchen nun, bundesweit Stimmung gegen den Islam zu machen.

Vor vier Wochen brannte die evangelische Willehadi-Kirche in Garbsen/Hannover bis auf die Grundmauern nieder. Dass es Brandstiftung war, ist unumstritten, der oder die Täter sind allerdings bis heute unbekannt. Das ruft Rechtsextremisten auf den Plan. Sie sehen in dem Kirchenbrand einen Angriff des Islam auf das christliche Abendland, machen damit bundesweit Stimmung.

Sozialer Brennpunkt, aber kein Ghetto

Panorama 3- Reporter waren vor Ort. Die Gegend, in der die Kirche liegt, gilt eigentlich als sozialer Brennpunkt: viele Arme, hohe Arbeitslosigkeit, auch unter Jugendlichen. Doch wie ein Ghetto wirkt dieser Teil Garbsens nicht auf uns. Es ist grün, die Straßen sauber. Schnell kommen wir mit Jugendlichen ins Gespräch: Viele fühlen sich hier durch die Stimmungsmache der Rechten in die Ecke gedrängt, aber auch durch die Berichterstattung in einigen überregionalen Medien. "Da wird ein ganzer Stadtteil schlecht gemacht", ruft uns einer zu, der nicht genannt werden will.

Demonstration Garbsen gegen Rassismus © NDR

Garbsen: Eine Stadt wehrt sich gegen rechts

Panorama 3 -

Rechtsextremisten wollen den Kirchenbrand für Meinungsmache nutzen. Doch die Stadt wehrt sich und demonstriert gegen die "geistige Brandstiftung" von rechts.

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Natürlich gibt es hier Probleme. Solche, die Armut eben mit sich bringt. Frust und Langweile, Jugendliche, die Abend für Abend auf der Straße abhängen. Das macht gerade älteren Anwohnern Angst. Verfestigte Gang-Strukturen, von denen immer wieder in Medien berichtet wurde, treffen wir nicht an. Die gebe es nicht, bestätigen uns Insider. Die Kriminalität sei sogar zurückgegangen in dem Stadtteil. Doch immer wieder kam es zu Brandstiftungen. Insgesamt sollen es seit Januar mehr als 30 gewesen sein. Darunter Mülltonnen und eine Gartenhecke. Und dann die Kirche.

Rechte Stimmungsmache

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Rechtspopulist Friedemann Grabs hält Muslime für die Brandstifter - und den Brand für einen Angriff "auf die Werte des christlichen Abendlandes".

Für Rechtspopulisten wie Friedemann Grabs von der Wählervereinigung "Die Hannoveraner" ein willkommener Anlass zum Hetzen. Er will glauben, Muslime seien für den Brand verantwortlich und hätten sich dabei bewusst für das christliche Symbol - die Kirche - entschieden. Der Islam sei eine Gefahr für die Gesellschaft: "Eine Kirche ist ja keine Frittenbude, sondern ein Gebäude, das für eine Geisteshaltung steht, nämlich für die Werte des christlichen Abendlandes." Nach Grabs‘ Meinung werden diese Werte durch den Islam bedroht.

Kein Raum für politische Symbolik

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Bürgermeister Alexander Heuer wehrt sich gegen die rechte Stimmungsmache.

Und nicht nur aus der Region Hannover hagelt es Parolen gegen Muslime. Islamfeindliche, bundesweit organisierte Aktivisten haben vor der Kirchenruine ein Video aufgenommen, das im Internet kursiert. Schon über Zehntausendmal wurde das Video angeklickt. Darin wird behauptet, es gäbe hier "kein soziales Problem, sondern ein ethnisches" und es wird die Frage gestellt: "Garbsen - zu bunt für Kirchen?". Bürgermeister Alexander Heuer (SPD) lehnt das entschieden ab: "Diese Leute kennen Garbsen gar nicht. Sie sehen diese Symbolik und glauben aus dieser Symbolik politisches Kapital für ihre spinnerten Ideen schlagen zu können. Das ist dreist."

Garbsen gemeinsam gegen rechts

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Und auch die Garbsener lassen sich nicht instrumentalisieren: Mit einem Sternmarsch demonstrieren sie für ein friedliches Miteinander.

Doch die Garbsener wollen sich nicht gegeneinander aufhetzen lassen. Darin besteht Einigkeit. Sie wehren sich gegen eine Vereinnahmung durch die Rechten: So demonstrierten am vergangenen Freitag etwa 2.000 Schüler mit einem Sternmarsch für ein friedliches Miteinander. Bei der Abschlusskundgebung sprach der hannoversche Landesbischof Ralf Meister von einem starken Zeichen der Gemeinschaft, das die Schüler gesetzt hätten. "Geht diesen Weg weiter und lasst euch nicht von Minderheiten erklären, was zusammengehört und was nicht", so Meister. Gegenüber Panorama 3 bekräftigte er nochmal: "Ich glaube es ist verheerend, wenn für eine Spaltung der Gesellschaft christliche Argumente missbraucht werden. Das ist absurd und das ist für mich geistige Brandstiftung."

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 27.08.2013 | 21:15 Uhr

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