Die Studentin Vivien Dziuk sitzt bei Sonnenuntergang am Maschsee in Hannover. © NDR Foto: Tullio-Francesco Puoti

Uni-Beginn: Studierende sind die Vergessenen in der Pandemie

Stand: 16.10.2021 15:20 Uhr

Nach eineinhalb Jahren kehren viele der 210.000 Studierenden in Niedersachsen zurück ins Präsenz-Studium. Viele kennen ihre Mitstudierenden nur vom Bildschirm und blicken auf eine schwere Zeit.

von Tullio-Francesco Puoti

"Irgendwie hat man sich als letztes um uns gekümmert", sagt Vivien Dziuk. Die junge Studentin fühlt sich wie viele ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen ein Stück weit vergessen. Mit Beginn der Corona-Pandemie habe der Fokus berechtigterweise auf den älteren und weitaus gefährdeteren Menschen gelegen, findet sie. Auch beim Impfen sei die Reihenfolge zunächst verständlich gewesen. Als die gefährdeten Gruppen weitestgehend geschützt waren, wurde gefordert, dass die Schulen wieder öffnen müssen. Und das geschah auch so - nach und nach, mit Tests und Wechselmodellen. Die Studierenden aber standen auf der Prioritätenliste der Politik scheinbar ganz am Ende. Das hat Folgen.

Ein erdrückendes Gefühl

Das Schlimmste sei die Ungewissheit gewesen, sagt die 22-Jährige. "Nicht zu wissen, wie lange der Lockdown geht. Wie lange ich von meinem WG-Zimmer aus lernen muss." Jetzt ist sie mittlerweile im vierten Semester und weder an der Hochschule noch in Hannover wirklich angekommen. "Ich kenne mich hier genauso wenig aus, wie vor knapp zwei Jahren", erzählt Vivien Dziuk. Nach ihrem Abitur 2017 hatte sie eine Ausbildung als Bankkauffrau gemacht. In dieser Zeit blieb sie bei ihren Eltern in der Nähe von Bremerhaven wohnen. Für das Studium der Betriebswirtschaft zog sie nach Hannover.

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"Ich bin voll in ein Motivationstief gefallen"

Für nur zwei Wochen hat sie in der Hochschule gelernt. Danach haben Vorlesungen ausschließlich online stattgefunden. Dozentinnen und Dozenten, Kommilitoninnen und Kommilitonen kennt sie meist nur aus Videokonferenzen. Zunächst empfand sie das nur als ungewohnt, "dann wurde es erdrückend", verrät sie. "Ich bin voll in ein Motivationstief gefallen und habe oft kein Bock mehr aufs Studium." Nicht etwa wegen der Inhalte, sondern wegen der Situation. "Ich bin unter Dauerstress, weil ich nie sicher bin, ob ich genug mache. Wo ich leistungsmäßig stehe und ob ich alles schaffe. Diese Kombination ist unglaublich belastend."

Gefühl von psychischer Überlastung gestiegen

Die Universität Hildesheim hat diesen Sommer ihre zweite umfassende Befragung - die Stu.diCo II - durchgeführt. Das Gefühl der psychischen Belastung ist bei den Studierenden demnach deutlich gestiegen. Etwa ein Viertel der Studierenden wünschen sich sogar psychosoziale Hilfe, erklärt die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM).

Die Flucht vor der Einsamkeit

Als gelernte Bankkaufrau ist Vivien Dziuk Kundenkontakt und Teamarbeit gewohnt. "Ich bin hier komplett vereinsamt. Ich habe gezielt eine WG gesucht, um Menschen um mich zu haben." Doch ihre Mitbewohnerinnen seien nie dort gewesen. "Deswegen habe ich es hier irgendwann nicht mehr allein ausgehalten und bin überwiegend wieder bei meinen Eltern und meinem Freund in der Heimat gewesen", erzählt die BWL-Studentin. Laut der Stu.diCo-Umfrage ist fast jeder fünfte Studierende wieder zu den Eltern gezogen. Die meisten freiwillig, ein Teil aber auch, weil sie sich ohne Nebenjobs die Miete nicht leisten konnten.

Studierende am Existenzminimum

Vivien Dziuk hat Glück im Unglück. Dank ihrer Eltern kann sie ihr WG-Zimmer in Hannover weiter anmieten und muss sich nicht auf die Suche nach einer neuen, bezahlbaren Unterkunft machen. Über 100.000 Studierende brauchten laut Studentenwerk aber finanzielle Hilfe vom Staat. Für sie gab es bis Ende September 2021 Überbrückungshilfen von 100 bis 500 Euro im Monat. Das Geld muss nicht zurückgezahlt werden, es zu bekommen war aber an strenge Bedingungen gebunden: Entscheidend war der monatliche Kontostand. Die Höchstzahlung von 500 Euro gab es nur, wenn nachweislich weniger als 100 Euro auf dem Konto waren. Zum Vergleich: Dem Studentenwerk zufolge liegen die durchschnittlichen Kosten für Studierende monatlich schon bei mehr als 800 Euro.

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3G, Armbändchen und weiter Livestreams

Drei Semester sind mittlerweile vergangen, bevor nun wieder die Präsenzlehre ermöglicht wird. Eine klare Regelung seitens der Landesregierung gibt es nicht. Es wurde lediglich eine Landesverordnung auf den Weg gebracht, die Präsenzvorlesungen unter Einhaltung von Hygienevorschriften erlaubt. Wie die Lehre in den Einrichtungen dann konkret aussieht, regeln diese unterschiedlich: An der Georg-August-Universität Göttingen dürfen Hörsäle und Seminarräume nur halb voll sein. Was drinnen passiert, wird auch online übertragen. Die Hochschulen in Braunschweig, Oldenburg und Osnabrück bieten große Vorlesungen weiter nur digital an. Seminare werden aber als Präsenzveranstaltung laufen.

Wie die Hochschule Hannover nimmt auch die Leibniz Universität Hannover größtenteils den Präsenzbetrieb wieder auf - unter der Einhaltung der 3G-Regelung. Um diese kontrollieren zu können, verteilen sie Armbänder, die den Status deutlich kennzeichnen.

Normalität: Sorge und Hoffnungen

Der Wiedereinstieg in die Präsenzlehre verlangt den Bildungseinrichtungen einiges ab. Mehrere Hochschulen und Universitäten beklagen, dass sie von der Politik allein gelassen werden. Die Folge ist wiederum Ungewissheit für die Studierenden. So hat auch Vivien Dziuk gemischte Gefühle: "Es ist also jetzt unter Einhaltung der 3G-Regel möglich, Präsenzveranstaltungen zu machen. Bisher ist aber noch nichts bekannt, ob es für mich an der Hochschule Seminare oder Vorlesungen geben wird. Wir machen bisher immer noch alles online. Ehrlich gesagt, bin ich auch zwiegespalten." Auf der einen Seite möchte sie endlich ihre Uni und das Studierendenleben in Hannover kennenlernen - bei Tag und bei Nacht. "Anderseits fühle ich mich mit dem Gedanken, alle Leute zu treffen, überfordert. Ich habe lange gebraucht, mich zu strukturieren. Mitten im Studium wird jetzt wieder alles anders."

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