Sendedatum: 21.03.2017 06:30 Uhr

Naturschutz: Mit dem NABU zum "Baumheld" werden

von Katrin Kampling

Bernhard Schiewe stapft durch einen kleinen Wald, in den Händen Spraydose, Stift, Block, und einen großen Messschieber. Er bleibt vor einer dicken alten Eiche stehen. "Das sieht ganz nach einem Wiesel aus", sagt er und zeigt auf eine kleine Höhle am Fuße des Baumes. Das ist ein Baum für ihn. Schiewe kauft Bäume mit Löchern. Bäume mit Blitzschäden. Bäume, von denen die Rinde komisch absteht. Aber nicht für sich selbst, sondern für den Naturschutzbund (NABU) Nienburg. Der will den Erhalt von solchen Bäumen im Landkreis sichern, weil sie einen besonderen Lebensraum für Tiere und Pflanzen bieten. In ihnen können beispielsweise Spechte, Eulen oder auch Fledermäuse wohnen. Darum werden sie häufig auch Habitat- oder Biotopbaum genannt - oder auch einfach "Baum als Lebensraum".

Ein Mann steht in einem Waldgebiet und zeigt auf einen Baum. © NDR Fotograf: Katrin Kampling

NABU Nienburg kauft Habitatbäume

Bernhard Schiewe vom NABU Nienburg ist unterwegs in wichtiger Mission: Er sucht Waldbesitzer, die ihm alte Bäume verkaufen, um so den Lebensraum von mehr als 60 Tierarten zu sichern.

3,5 bei 2 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Den Baum als Lebensraum sichern

In Niedersachsen sind 25 Prozent der Landesfläche mit Wäldern bedeckt, in ganz Deutschland rund ein Drittel. Die Wälder sind nicht nur ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, sondern dienen auch als Klimaschützer und als Lebensraum. Darauf weist auch der "Internationale Tag des Waldes" hin, der ins Leben gerufen wurde, um dem Waldsterben entgegen zu wirken. Die Niedersächsischen Landesforste, die 38 Prozent der niedersächsischen Waldfläche bewirtschaften, sichern mindestens fünf alte Bäume pro Hektar als Habitatbäume: Insgesamt sind das 310.000 Stück. Dem NABU Nienburg reicht das aber nicht: Schließlich befänden sich 59 Prozent der niedersächsischen Wälder in Privatbesitz. Und die Besitzer sichern keine Mindestanzahl an Bäumen für die Tierwelt.

Wald in privatem Besitz

Niedersachsen:
Waldfläche im Land: ca. 1,2 Mio. Hektar (25 Prozent der Fläche)
Davon im Privatbesitz: ca. 707.000 Hektar
Private Waldbesitzer: ca. 60.000 Personen
Durchschnittliche Waldfläche pro Besitzer: 11 Hektar
Häufigste Baumarten: Kiefer (30%), Fichte (20%), Birke (15%), Buche (14%)

Landkreis Nienburg:
Waldfläche im Landkreis: ca. 25.000 Hektar (18 Prozent der Fläche)
Davon im Privatbesitz: ca. 14.500 Hektar
Private Waldbesitzer: ca. 2.000 Personen
Durchschnittliche Waldfläche pro Besitzer: 7 Hektar

Private Waldbesitzer werden zu "Baumhelden"

Die Aktion des Naturschutzbundes Nienburg heißt "Baumhelden gesucht" und richtet sich ausschließlich an private Waldbesitzer im Landkreis. Das sind gar nicht mal so wenige: Nach Angaben der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, die für die Privatwälder zuständig ist, haben etwa 2.000 Nienburger ein Stückchen Wald in ihrem Landkreis. Im Schnitt besitzen sie sieben Hektar Waldfläche. Das ist etwas mehr als neun Fußballfelder und relativ klein für einen Wald. Die Privatwälder sind häufig an alte landwirtschaftliche Betriebe gekoppelt und werden mit dem Betrieb vererbt.

Den Baum als Lebensraum sichern

Die ersten Bäume sind gekauft

"Die Aktion läuft super", schwärmt Schiewe. Mehr als 20 Bäume hat er seit Ende Februar im Auftrag des NABU erstanden - mit allen Rechten und Pflichten. Das ist ziemlich ungewöhnlich, weil darunter auch die so genannte Verkehrssicherungspflicht fällt. Die fordert, dass der Naturschutzbund die Bäume regelmäßig kontrollieren muss, ob von ihnen eine Gefahr unter anderem für Spaziergänger ausgeht, weil zum Beispiel alte Äste auf einen Weg stürzen könnten. Darum kauft Schiewe nur Bäume, die nicht nahe an einer Straße oder einem Weg stehen. "Den Wald abseits von Wegen betreten Sie auf eigene Gefahr", erklärt Schiewe. Daher seien solche Bäume von der Verkehrssicherungspflicht nicht betroffen. Die könne der NABU nämlich nicht garantieren.

Weitere Informationen

Stichwort: Habitatbäume

Was sind Habitatbäume? Warum sind sie wichtig? Und stehen sie unter Schutz? mehr

60.000 Euro Budget

Schiewe stehen für seine Baumkäufe rund 60.000 Euro zur Verfügung: Die "Baumhelden"-Aktion wird vom Landkreis und von der Bingo-Umweltstiftung gefördert. "Etwa 250 Bäume kriegen wir dafür", sagt Schiewe. Er berechnet für jeden Baum, den er kauft, den Wert individuell, nach Umfang, Wuchs und Schäden. Das ist ziemlich kompliziert, weil Schiewe dafür eine Menge beachten muss. "Aber dafür hab ich ein Programm", erzählt er lachend. In das muss er nur einige Daten eintragen. Er ist Anfang 60, Pensionär und betreut das Habitatbaumprojekt ehrenamtlich. Im Moment ist er jeden Tag in einem anderen Wald, begutachtet potenzielle NABU-Bäume.

Zwei Fliegen mit einer Klappe

Bild vergrößern
Über 60 Tierarten können in den Habitatbäumen leben - darunter: der Waldkauz.

Zu den ersten Verkäufern in Nienburg zählt der Landwirt Werner Werse aus Bühren. Er ist Teilhaber eines kleinen Interessentenforsts, besitzt darüber Teile eines zweieinhalb Hektar großen Waldgebiets. Der 69-Jährige hat dem NABU zwei Habitatbäume verkauft. Der Förster hatte ihn auf die Aktion aufmerksam gemacht. "Die Bäume stehen sowieso unter Schutz", sagt Werse. Er habe gar nicht darüber nachdenken müssen, ob er sie dem NABU anbieten würde. "Man macht was für die Artenvielfalt und bekommt noch einen Obolus dafür", sagt Werse. "Das ist zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen!"

Per GPS kartiert

Nachdem Bernhard Schiewe den Baum gekauft hat, bekommt er eine Plakette, wird mit GPS eingemessen und in einer Datenbank dokumentiert. Und dann wird der Baum sich selbst überlassen - und zwar bis über den Tod hinaus: "Der Baum bleibt liegen, bis er wieder zur Erde wird", erklärt Schiewe. Schließlich würden bis zum Schluss immer noch Käfer, Ameisen und auch Moose in und an dem toten Baum leben. Damit geht der Naturschutzbund in Nienburg sehr ungewöhnlich vor: Bei einem vergleichbaren Projekt im Saarland "mietet" der NABU die Bäume zum Beispiel lediglich für 40 Jahre an. Schiewe macht das aber keine Sorgen: "Das Projekt werden auch NABU-Generationen nach mir erhalten."

Weitere Informationen

Summ, summ, summ - Wildbienen bald ganz stumm?

Immer mehr Landwirtschaft und nur noch gepflegte Gärten: Es wird langsam eng für die Wildbienen in Niedersachsen. 63 Prozent aller Arten sind in ihrem Bestand gefährdet. (26.02.2017) mehr

Ernte läuft: In den Wäldern fliegen die Späne

In Niedersachsens Wäldern säumen wieder gestapelte Holzstämme die Wege. Der Ernte läuft und kommt wegen der Kälte gut voran. Das Ziel: 8,3 Millionen geerntete Kubikmeter Holz. (27.01.2017) mehr

Links

Naturschutzbund Nienburg

Der Naturschutzbund Nienburg kümmert sich nicht nur um Habitatbäume im Landkreis, sondern betreut unter anderem eine Graureiherkolonie und überwacht gemeinsam mit dem Landkreis Nienburg Naturschutzgebiete. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 21.03.2017 | 06:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

09:00

GroKo in Niedersachsen: Was ist zu erwarten?

16.11.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
06:32

Elbvertiefung: Gericht verhandelt Klagen

16.11.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
10:07

Eine Torte mit Einhorn

16.11.2017 16:20 Uhr
Mein Nachmittag