Stand: 15.05.2019 12:08 Uhr

Lügde: Experte fordert kindgerechte Vernehmungen

Im Fall des massenhaften Kindesmissbrauchs in Lügde an der Grenze zu Niedersachsen rückt ein Gerichtsprozess näher. Nach der Anklageerhebung gegen zwei der drei mutmaßlichen Haupttäter, darunter einem 49-Jährigem aus Stade, könnte der Prozess Ende Juni oder Anfang Juli starten, so das zuständige Landgericht Detmold.

Therapieeinstieg "eher ungünstig"

Eine Aufarbeitung des Geschehens - etwa in Form von psychotherapeutischer Behandlung ihrer Kinder - wünschen sich auch die Eltern der Opfer, wie sie Reportern von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung erzählten. Doch das geschieht bisher kaum - was offenbar ganz im Sinne der zuständigen Polizei Bielefeld und der Staatsanwaltschaft Detmold ist: Aus prozesstaktischen Gründen sei ein Therapieeinstieg vor dem letzten Gerichtstermin "eher ungünstig, da die Glaubwürdigkeit der Aussage angezweifelt werden könnte", teilten die Ermittlungsbehörden auf Anfrage mit.

Polizei hat Kinder bis zu viermal vernommen

Jörg Fegert, Kinder- und Jugendpsychiater des Universitätsklinikums Ulm, kann das nicht nachvollziehen. Die Interessen der Strafjustiz müssten zurückstehen, Kindeswohl und die Therapie gingen vor, sagte Fegert. Im NDR Interview äußert sich der 62-Jährige auch über die Zahl der bisherigen Opfer-Vernehmungen. Nach NDR Informationen wurden betroffene Kinder von der Polizei bis zu viermal vernommen - unter anderem, weil Aussagen nicht auf Video aufgezeichnet wurden.

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Der Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Jörg Fegert.

Wie kindgerecht ist die Justiz in Deutschland aus Ihrer Sicht?

Jörg Fegert: Das kann man so global nicht beantworten. Es gibt sehr starke regionale Unterschiede. In München gibt es zum Beispiel ein Leuchtturmprojekt, wo man versucht, Kinder nur einmal zu vernehmen und sehr auf die Kinder einzugehen. Das ist aber wirklich von Ort zu Ort extrem verschieden und deshalb sagt auch der Europarat: Wir müssen schauen, dass wir eine kindgerechtere Justiz in Europa bekommen.

Müsste in Deutschland eine Einigung her, was diese regionalen Unterschiede angeht?

Fegert: Auf jeden Fall. Wir sollten die grundsätzlichen Prinzipien Vermeidung von Mehrfach-Vernehmungen und Vermeidung von Belastungen für Kinder wirklich in den Vordergrund stellen.

Was bedeutet eine mehrfache Vernehmung für kleine Kinder?

Fegert: Dass sie immer wieder berichten müssen, was sie erlebt haben, das kann für die Kinder auch belastend sein. Wobei man das auch nicht überbetonen sollte - für viele Kinder ist es auch wichtig, darüber sprechen zu können, was sie erlebt haben. In Skandinavien gibt es das Modellprojekt der sogenannten Barnehäuser. Das sind Kinderhäuser, in denen man versucht, Hilfe und Strafverfolgung zusammenzubringen und quasi alle Experten um das Kind zu versammeln - mit Videotechnik, sodass man quasi schon die Phase der Vernehmung nutzen kann, Hilfen einzuleiten und auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen.

Ist die Justiz für Kinder noch in den Kinderschuhen?

Fegert: Ja, sie ist ein bisschen in den Kinderschuhen. Das liegt aber auch daran, dass man in Ländern - in Skandinavien, in Island - ganz schnell eine Reform flächendeckend umsetzen kann, weil es einfach viel kleiner ist. Deutschland ist ein sehr, sehr großes Land und wir haben Länder Hoheiten in vielen Rechtsbereichen. Insofern ist das ein großes Brett, das man bohren muss. Aber ich denke, da müssen wir unbedingt ran.

Kann eine aufarbeitende Therapie für Kinder begonnen werden, bevor ein Prozess abgeschlossen ist?

Fegert: Da gibt es ein Meinungsstreit und ich als Arzt, als Angehöriger der Heilberufe habe da eine ganz eindeutige Position: Wenn ein Kind eine behandlungsbedürftige Krankheit, Störung oder Belastung hat, dann geht das Kindeswohl und die Therapie vor. Es kann nicht primär um die Interessen der Strafjustiz gehen. Hier ist oft die Auffassung, man möge die Aussagen der Kinder möglichst rein erhalten und erst therapieren, wenn der Strafprozess gelaufen ist. Das dauert oft aber sehr lange. Die Kinder werden natürlich auch durch die Vernehmungen belastet. Deshalb muss man eher schauen, dass man diese Vorgänge zusammenbringt. Aber man kann nicht versuchen, quasi auf dem Rücken der Kinder die Notwendigkeiten der Strafverfolgung durchzusetzen.

Die Gefahr sehen Sie nicht, dass die Aussagen verfälscht werden durch den Beginn der Therapie?

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Fegert: Doch, aber das sind Güterabwägungen. Ist das öffentliche Interesse nach Strafverfolgung höher zu stellen oder das Wohl des Kindes? Diesen Konflikt kann man nur heilen, wenn man beide Prozesse näher zusammen bringt. Und das sind solche Modelle, wie diese Kinderhäuser. In Leipzig ist ein erstes solches Modell gestartet worden. Ich glaube, wir müssen auf diesem Weg in Deutschland weitergehen. In der Schweiz ist es zum Beispiel ein Grundsatz, dass Kinder nur einmal vernommen werden dürfen. Und das wird auch in den meisten Fällen umgesetzt. Die Vernehmungen werden dann richterlich durchgeführt und werden aufgezeichnet, sodass sie dann in Strafverfahren eingebracht werden können. Je häufiger ich befrage, desto höher ist das Risiko, dass ich Aussagen verändere. Und ich setze natürlich immer wieder die Kinder einer Belastung aus. Und ich suggeriere auch irgendwie: Ich glaub dir nicht, was du erzählst. Wenn Sie irgendwas fünfmal oder sechsmal erzählen müssen, dann denken Sie auch, was mache ich denn falsch? Was stimmt an meiner Geschichte nicht, dass immer wieder nachgefragt wird? Insofern gilt es als allgemeiner Verfahrens-Grundsatz, dass man die Zahl der Vernehmungen bei Kindern so gering wie möglich halten soll.

Wie würde eine perfekte Vernehmung ablaufen?

Fegert: Dass man sehr zeitnah nach dem Offenlegen eines Ereignisses einen Erstkontakt macht, der mit Fachkräften stattfindet, die von der Psychotherapie, von der psychischen Belastung eine Ahnung haben - aber auch von der Aussagepsychologie. Und dass man dann eine Befragung durchführt, die im Prinzip einer richterlichen Befragung entspricht, sodass man diese Ergebnisse sowohl ins Strafverfahren einbringen kann als auch für den Hilfe-Prozess und die Therapie nutzen kann.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 15.05.2019 | 08:00 Uhr

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