Stand: 14.02.2018 20:15 Uhr

IS-Prozess in Celle: "Großer" oder "kleiner Bums"?

von Angelika Henkel

Mahmoud O. guckt ernst. Der Polizeibeamte im Zeugenstand erzählt gerade Erschreckendes über ihn. Am 24. November 2015 soll O. in der inzwischen verbotenen Hildesheimer Moschee des Deutschsprachigen Islamkreises (DIK) von Terroranschlägen gesprochen haben. Der Angeklagte O. sei damals mit "Murat" in den Keller gegangen, erzählt der Polizist vor Gericht - wie immer ohne Handys, aus Angst, dass die Polizei mithören kann. Was O. damals wohl nicht ahnte: "Murat" ist ein Polizeispitzel, ein V-Mann des Landeskriminalamtes in Düsseldorf.

V-Mann-Führer im Zeugenstand

Alles was er sieht und hört, erzählt er seinem V-Mann-Führer, einem Polizeibeamten. Der bringt "Murats" Aussagen zu Protokoll, damit sie vor Gericht verwertbar sind. Der erste von insgesamt drei dieser V-Mann-Führer sitzt an diesem Mittwoch nur wenige Meter von den Angeklagten entfernt und wird im Terrorprozess vor dem Oberlandesgericht Celle anstelle von "Murat" befragt. Es gab Gewaltaufrufe und Steckbriefe im Internet, selbst eine Videobefragung an unbekanntem Ort hat das nordrhein-westfälische Innenministerium deshalb abgelehnt - Schutzmaßnahmen, heißt es.

Der "große" und der "kleine Bums"

Der Beamte sagt aus, Mahmoud O. habe damals im Keller der Hildesheimer Moschee zu "Murat" gesagt, man müsse aufpassen, die Polizei sei überall. Es gebe zwei Szenarien: Einen "großen Bums" oder einen "kleinen Bums". Der "große Bums" solle ähnlich wie die Anschläge von Paris werden, Angriffe mit Langwaffen. Den würden andere übernehmen, man müsse nur unterstützen. Beim "kleinen Bums" dagegen seien kleinere Waffen geplant. Das Ziel seien ausgewählte Polizeibeamte, die auf einer Abschussliste stünden sowie andere Männer, die Verrat begangen hätten. O. habe leise gesprochen, manches mit Gesten angedeutet. Hier ein Fingerkrümmen, dort eine Schraubbewegung wie das Anbringen eines Schalldämpfers. Er selbst plane auszureisen und sich dem IS anzuschließen, soll er "Murat" gesagt haben.

"'Murat' war immer zuverlässig"

Stimmt das? Die Richter fragen nach. Sie wollen auch wissen: Hat V-Mann "Murat" je über die Stränge geschlagen? Selbst zu Straftaten aufgerufen? Grund für die Fragen dürften Recherchen des Rundfunks Berlin-Brandenburg und die Strafanzeige eines Verteidigers sein sein. Bereits die Bundesanwaltschaft hatte die Vorwürfe verneint. "Murat" habe austesten müssen, wie andere auf mögliche Attentatspläne reagieren würden, sagte ein Vertreter der Ermittlungsbehörde am Mittwoch dem NDR. "Nein", sagt auch der Polizeibeamte im Zeugenstand, "Murat" habe sich nicht strafbar verhalten. Und: "'Murat' war immer zuverlässig, was er uns gebracht hat war immer tippitoppi." Zuvor sei er als V-Mann im Bereich Betäubungsmittelkriminalität eingesetzt worden, man kenne sich seit zehn Jahren. "Murat" habe immer gut gearbeitet und sich sicher in gefährlichen Szenen bewegt.

"Geld war nicht sein Motiv"

"Warum macht so einer das?", fragt einer der Richter. Geld sei nicht sein Motiv gewesen, antwortet der V-Mann-Führer. "Murat" sei erschrocken gewesen über das, was er ihm in der Islamistenszene begegnete. Er habe Angst gehabt, dass Menschen zu Schaden kommen könnten. Als "Murat" hörte, dass es keine zusätzliche Belohnung für Informationen geben könne, sondern nur ein Honorar pro Einsatztag, habe er gesagt: "Ich mache das nicht wegen des Geldes, sondern weil die uns allen etwas antun wollen." Auch der spätere Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, Anis Amri, war Teil der Szene rund um die Angeklagten. Als "Murat" Amri zum zweiten Mal gesehen hatte, habe er die Polizei gewarnt: "Der Mann ist gefährlich." Der Beamte wirkt bekümmert, als er sagt: "Wir hatten nie Zweifel, dass das, was 'Murat' sagt, stimmt."

Weitere Informationen

IS-Prozess: Hat V-Mann Grenze überschritten?

Im IS-Prozess gegen Ahmad A. alias Abu Walaa und vier weitere Terrorverdächtige geht es heute um einen V-Mann vom LKA Nordrhein-Westfalen. Hat der Mann zu Anschlägen aufgerufen? (14.02.2018) mehr

Terrorprozess: Vorwürfe gegen Bundesanwaltschaft

Im Prozess gegen mutmaßliche Anhänger der Terrormiliz IS in Celle hat die Verteidigung die Bundesanwaltschaft scharf angegriffen. Man habe den Kronzeugen nicht kritisch hinterfragt. (07.02.2018) mehr

IS-Prozess in Celle: Alles hängt an Anil O.

Im Prozess gegen den mutmaßlichen IS-Vertreter Abu Walaa geht die Aussage des Kronzeugen in die vorerst letzte Runde. Zuletzt sorgte ein Verteidiger mit neuen Erkenntnissen für Unruhe. (29.01.2018) mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 14.02.2018 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

04:25
Hallo Niedersachsen

Panne beim Verfassungsschutz: V-Mann enttarnt

14.11.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
02:43
Hallo Niedersachsen

Lichtkunstfestival erleuchtet Hannover

14.11.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
04:07
Hallo Niedersachsen

Schüler: Bildungserfolg hängt vom Elternhaus ab

14.11.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen