Stand: 08.10.2018 15:12 Uhr

Fenster für Marktkirche: Kirche prüft Klage

Der Streit um ein neues Fenster für Hannovers Marktkirche könnte die Gerichte beschäftigen. Der Erbe des Marktkirchen-Architekten Dieter Oesterlen, Georg Bissen, lehnt den Entwurf von Künstler Markus Lüpertz weiter ab. Der Kirchenvorstand werde nun prüfen, ob er vor Gericht eine Chance gegen den Widerspruch hätte "und welchen Aufwand das zeitlich, nervlich und finanziell bedeutet", sagte Pastorin Hanna Kreisel-Liebermann dem NDR Fernsehmagazin Hallo Niedersachsen. Die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaute Marktkirche ist urheberrechtlich geschützt, weil sie nach der Rechtsprechung eine künstlerische Leistung des Architekten darstellt. Grundsätzlich hat der Urheber ein Recht darauf, dass das von ihm geschaffene Werk im Ausdruck nicht verändert wird. Andererseits kann er nicht jede Änderung am Baugrundwerk willkürlich verbieten. Gültig ist das Urheberrecht bis 70 Jahre nach dem Tod des Architekten und wird somit auch auf die Erben übertragen.

Fenster der Marktkirche in Hannover

Vorerst kein Lüpertz-Fenster für Marktkirche

Hallo Niedersachsen -

Altkanzler Schröder will der Marktkirche Hannover ein "Reformationsfenster" von Künstler Markus Lüpertz schenken. Doch der Erbe des Architekten Oesterlen, Georg Bissen, lehnt ab.

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Bissen: Atmosphäre in der Kirche wäre eine andere

Am Freitagabend hatten Kirchenvertreter sich zum persönlichen Gespräch mit dem Erben getroffen. Man habe "die Bedenken von Herrn Bissen leider nicht ausräumen" können, so die Marktkirchenpastorin. Bissen selbst wollte sich den Medien gegenüber nicht äußern. Stattdessen erklärt Kreisel-Liebermann seine Argumentation: Das Fenster würde die Atmosphäre in der Kirche demnach wesentlich verändern. Bissen sehe die Einfachheit und Geschlossenheit des Raumes durch das Fenster beeinträchtigt.

Pastorin: "Kirche verändert sich weiter"

Kreisel-Liebermann hält dagegen: "Eine Kirche ist kein Museum, die verändert sich weiter." Sie ist der Meinung, dass das "Reformationsfenster" nicht Oesterlens Konzept für die Innenarchitektur aushebeln würde. Im Gegenteil wäre es eine Bereicherung für die Marktkirche, so Kreisel-Liebermann, "die aus unserer Sicht im Sinne Oesterlens gewesen wäre". Schließlich habe er selbst dafür gesorgt, dass nach dem abgeschlossenen Wiederaufbau ein neues Portal gebaut und ein buntes Fenster eingebaut werden konnte.

Motiv zu düster?

Mit seiner Abneigung gegen das Fenster ist Oesterlen-Stiefsohn Bissen derweil nicht allein. Der Fenster-Entwurf bildet zahlreiche Symbole aus dem Leben und Werk des Reformators Martin Luther ab. Vor allem fünf Fliegen als Symbol des Bösen und der Vergänglichkeit sorgten bei etlichen Menschen nach der Vorstellung des Entwurfs für massive Ablehnung. Gemeindemitglied Veit Pagel etwa erinnern die vielen Fliegen an verwesendes Aas. Dass dieses Motiv mehr Menschen in die Kirche locken könnte, bezweifelt er. Die Kirche müsse attraktiv sein und die Gläubigen anziehen, meint Pagel. Durch Mord und Totschlag dagegen schrecke sie ab.

Schröder will das Fenster schenken

Als Ehrenbürger von Hannover hatte Altkanzler Gerhard Schröder der Marktkirche das Fenster schenken wollen. Die Kosten für Material, Herstellung und Einbau werden auf rund 100.000 Euro geschätzt. Nach bisherigen Plänen soll das "Reformationsfenster" gegen eines der schlichten Fenster ausgetauscht werden. Der kirchliche Denkmalschutz hatte dem unter Auflagen bereits zugestimmt.

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Architekt Oesterlen setzte in Marktkirche eigene Akzente

Der 1911 geborene und in Hannover aufgewachsene Architekt Dieter Oesterlen machte die im Krieg zerstörte Marktkirche wieder zum Wahrzeichen der Stadt. Er setzte mit seinem Entwurf eigene Akzente und veränderte beispielsweise den Standort der Orgel. Außerdem legte er die Ziegelsteine im Inneren der Kirche vollständig frei. Die hohen Fenster zum Süden ließ er mit einfachem Milchglas ausstatten, um viel Licht in die Kirche strömen zu lassen. Als Oesterlen 1994 starb, ging das Urheberrecht an seinen Stiefsohn Georg Bissen über.

Oesterlen war einst auch Mitgestalter des Landtags

Oesterlen war auch als einer von drei Architekten am Umbau des Leineschlosses von 1957 bis 1962 beteiligt. Um den Abriss und Wiederaufbau des Gebäude des Niedersächsischen Landtags gab es zwar einen langen Streit, unter anderem wegen des Denkmalschutzes und des Oesterlen-Erbes. Dass es letztendlich aber doch einen Neubau geben konnte, liegt daran, dass der Urheber den Abriss eines Gebäudes grundsätzlich nicht verhindern kann.

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Die Marktkirche in Hannover soll ein von Markus Lüpertz gestaltetes Reformationsfenster bekommen. Am Montag hat die Gemeinde darüber diskutiert - mit dem Künstler. Sehen Sie hier den Mitschnitt. (18.06.2018) Video (96:47 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 08.10.2018 | 17:00 Uhr

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