Der Angeklagte im Amtsgericht Hannover. © NDR

93-Jährige stirbt unterernährt: Bewährungsstrafe für Sohn

Stand: 02.02.2021 14:17 Uhr

Nach dem Tod einer 93 Jahre alten Frau hat das Amtsgericht Hannover ihren 74 Jahre alten Sohn zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die Frau starb - stark ausgetrocknet und unterernährt.

Ein Jahr und vier Monate wegen gefährlicher Körperverletzung durch Unterlassen und Aussetzung in minder schweren Fällen, so lautet das Urteil. Der Verurteilte habe durchaus versucht, seine Mutter zu versorgen, dies aber zum Schluss nicht mehr geschafft, sagte der Vorsitzenden Richter am Dienstag. Die anstrengende Leistung der Betreuung könne zu Überforderung führen. Der Richter räumte ein, dass der Fall emotional und schwer in Worte zu fassen sei. Deshalb sei auch eine Bewährungsstrafe eine harte Strafe für den 74-Jährigen. Staatsanwaltschaft und Verteidigung hatten beide Bewährung gefordert, der Anwalt des 74-Jährigen wollte eine Bewährung von nicht mehr als einem Jahr.

Richter: Kein Vorsatz

Für den Angeklagten, so der Richter, spreche sein ausführliches Geständnis und seine Betroffenheit. Auch bereue er, dass er seiner Mutter nicht die Pflege habe zukommen lassen, die sie gebraucht hätte. Erst zwei Wochen vor dem Tod der 93-Jährigen habe sich ihr Zustand verschlechtert. Dennoch habe der Mann nicht vorsätzlich gehandelt, betonte der Richter. Er habe sein Bestes versucht - aber das Beste wäre gewesen, einen ambulanter Pflegedienst einzuschalten: "Das hätten Sie machen müssen."

Voll schuldfähig, aber überfordert

Der Sohn war 2015 als Betreuer seiner Mutter benannt worden - mit dieser Aufgabe offensichtlich aber überfordert gewesen. Bei ihm Zuhause fanden Beamten zum Beispiel Tüten mit ungeöffneter Post. Dennoch erklärte ein Sachverständiger den 74-Jährigen für voll schuldfähig. Im Dezember 2016 hatte er seine Mutter aus einer Seniorenresidenz in Hannover in ihre eigene Wohnung zurückgeholt - allerdings ohne einen Pflegedienst für die demente 93-Jährige zu engagieren. Der Sohn selbst lebt in Hamburg und kam nur ab und zu nach Hannover. Zum Todeszeitpunkt im Juni 2017 wog die Frau nur noch 26 Kilogramm.

Gericht: Unklar, ob unterlassene Pflege zum Tod führte

Das Gericht habe feststellen können, dass die unterlassene Pflege zwar dazu geführt hat, dass sich der Zustand der Frau verschlechterte, sagte ein Gerichtssprecher NDR 1 Niedersachsen. Es konnte aber nicht feststellen, dass sie zum Tod geführt hat. Denn: Die Frau hatte auch andere Vorerkrankungen. Und deshalb sei die Strafe deutlich geringer ausgefallen als sie es beispielsweise für Totschlag wäre, so der Sprecher weiter.

Weitere Informationen
Eine Außenansicht des Amtsgerichts Hannover. © dpa - Bildfunk Foto: Hauke-Christian Dittrich

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 02.02.2021 | 15:00 Uhr

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