Stand: 11.04.2019 15:53 Uhr

Stiebel Eltron: Brexit-Aufschub kostet bares Geld

Die Firma Stiebel Eltron produziert unter anderem Durchlauferhitzer und Wärmepumpen. Der Export nach Großbritannien macht rund zehn Prozent des Umsatzes aus. (Archivbild)

"Eigentlich wollen wir alle nur endlich mal Klarheit haben", sagt Torsten Brun von der Firma Stiebel Eltron. Dass die EU die Frist für einen Austritt der Briten um weitere sechs Monate verlängert hat, sorgt bei dem Leiter des Logistikzentrums nicht gerade für Begeisterung. Die Holzmindener Firma hatte in Großbritannien eine Lagerhalle angemietet und sie nach und nach mit Durchlauferhitzern, Wärmepumpen und anderen Produkten gefüllt. Nun lagern dort Waren, mit denen die Briten rund zwölf Monate beliefert werden könnten. Und diese aufwendige Lagerhaltung kostet: "Jede zusätzliche Woche, in der wir den vor Ort aufgebauten Bestand vorhalten, kostet uns rund 5.000 Euro. Gleichzeitig reduziert der zusätzlich vorgehaltene Warenwert unsere Liquidität. Schlimmer ist aber, dass man immer noch nicht weiß, was danach kommt", sagt Geschäftsführer Nicholas Matten. "Ob sich das unter den jetzigen Umständen weiter lohnt, kann ich noch nicht sagen", ergänzt Brun. Das müsse jetzt mit den britischen Kollegen besprochen werden.

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Die Ergebnisse des EU-Sondergipfels

In der Nacht zum Donnerstag haben sich die 27 verbleibenden EU-Länder und die britische Premierministerin Theresa May über den weiteren Aufschub geeinigt. Bis zum 31. Oktober soll der Brexit nun geordnet über die Bühne gehen. Dabei strebt May einen Austritt noch bis Ende Mai an, damit ihr Land nicht an der Europawahl teilnehmen muss. Die Ergebnisse des Sondergipfels in Brüssel im Überblick:

  • EU verlängert die Frist für einen EU-Austritt der Briten auf den 31. Oktober
  • Sollte das britische Unterhaus dem ausgehandelten Brexit-Vertrag zustimmen, ist ein früherer Austritt möglich
  • Theresa May strebt einen Austritt vor den Europawahlen an
  • Die Briten müssen die Europawahlen trotzdem vorbereiten

Eigentlich war die Vorbereitung perfekt

Eigentlich hatte sich die Holzmindener Firma perfekt vorbereitet. Bereits Mitte Dezember hatte sie den zusätzlichen Lagerraum angemietet und bei ihrem Spediteur zusätzlichen Fahrten gebucht, um vor dem Brexit noch möglichst viele ihrer Produkte dorthin bringen zu können. "Früher sind pro Monat zwei voll beladene Lkw Richtung Großbritannien gefahren, jetzt sind es zwei in der Woche", so Brun Anfang des Jahres. Und kurz vor dem ursprünglich angedachten Austrittstermin waren die Reserven in der Halle komplett.

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Höhere Preise für die Verbraucher?

Britische Großhändler haben sich für den Fall der Fälle bereits einen Vorrat angelegt. Das merke man am Umsatz von Stiebel Eltron, der in Großbritannien deutlich gestiegen sei, sagt Logistik-Chef Brun. "Es weiß ja niemand so genau, was passiert." Im Falle eines ungeordneten Brexits müsse Großbritannien als Drittland behandelt werden, so Brun. "Dann müssten wir Ausfuhren anmelden und verzollen." Damit sei ein größerer personeller Aufwand verbunden und das bedeute möglicherweise einen höheren Preis für den Verbraucher. Das wiederum hätte möglicherweise einen geringeren Umsatz für die Firma zur Folge.

Die Hoffnung auf eine Kehrtwende

Im Moment macht der Export nach Großbritannien laut Brun rund zehn Prozent des gesamten Umsatzes der Firma Stiebel Eltron aus. "Im schlechtesten Fall machen die Briten bald eigene Regeln für die Zulassung und wir dürfen unsere Geräte dort gar nicht mehr verkaufen." Noch aber ist er optimistisch, dass sich Lösungen finden werden. Und auch wenn es sehr unwahrscheinlich ist - er hofft immer noch, dass der Brexit vielleicht doch noch ganz abgewendet wird. "Das wäre natürlich das Beste", so Brun.

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