SPD-Politiker Thomas Oppermann ist überraschend gestorben

Stand: 26.10.2020 20:46 Uhr

Ganz unerwartet ist Thomas Oppermann gestorben. Der 66-jährige Bundestagsvizepräsident war 40 Jahre Mitglied und Gestalter in der SPD.

Politische Freunde und Kontrahenten haben am Tag nach dem Tod von Thomas Oppermann dessen politisches Vermächtnis gewürdigt. Einige Eigenschaften werden über alle Parteigrenzen hinweg immer wieder genannt: Leidenschaftlich und engagiert sei der 66-Jährige stets gewesen und dabei ehrlich, fair und humorvoll. Sonntagabend ist der SPD-Bundestagsabgeordnete in Göttingen gestorben. Eigentlich sollte er als Interview-Gast live aus Göttingen in der ZDF-Sendung "Berlin direkt" zugeschaltet werden. Doch kurz vorher brach er plötzlich zusammen.

Lebenslanger Einsatz für die Gesellschaft

40 Jahre lang war Oppermann Mitglied der SPD. Und dabei seiner Heimat und der Partei tief verbunden, wie Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) in einem Nachruf auf Facebook schrieb. 30 Jahre sei Oppermann Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Göttingen gewesen, "vielleicht der dienstälteste UB-Vorsitzende Deutschlands", so Weil. Er und Oppermann hatten sich im ersten Semester ihres Jurastudiums kennengelernt und waren seitdem eng befreundet. Er habe sich "buchstäblich sein Leben lang für die Gesellschaft eingesetzt", schreibt Weil über seinen Freund. Von 1990 bis 2005 war Oppermann Mitglied des Niedersächsischen Landtags und in dieser Zeit fünf Jahre Wissenschaftsminister. 2005 wechselte er in den Deutschen Bundestag, wo er 2017 das Amt des Vizepräsidenten übernahm. In allen Ämtern, die er in seiner politischen Laufbahn innegehabt habe, habe er "richtig gute Arbeit geleistet und sich viele Verdienste erworben, das wird niemand bestreiten", so Weil.

"Aber vielleicht ist etwas anderes noch wichtiger: Thomas Oppermann hatte immer ein tiefes, ehrliches Engagement, unsere Gesellschaft besser zu machen. Und das ist ihm an vielen Stellen auch gelungen. Persönlich bin ich tieftraurig. Er wird mir sehr fehlen. Als Bürgerinnen und Bürger können wir nur dankbar sein für seinen unermüdlichen Einsatz für unser Gemeinwesen. Und als Sozialdemokraten sind wir auch ein wenig stolz auf einen der Unseren. Ruhe in Frieden, mein Freund." Stephan Weil

"Überzeugter Demokrat und Parlamentarier aus Leidenschaft"

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kannte Oppermann gut aus der gemeinsamen politischen Zeit in Niedersachsen. Oppermann sei glaubhaft für eine wehrhafte Demokratie eingetreten und habe das Wort ergriffen, wann immer er demokratische Prinzipien in Gefahr gesehen habe, so Steinmeier in einem Kondolenzschreiben an die Lebensgefährtin des 66-Jährigen. Zuletzt hatte sich Oppermann für eine Verkleinerung des Bundestags und eine Reform des Wahlrechts eingesetzt. Er warnte vor einem Glaubwürdigkeitsverlust und stellte den Vorschlag in den Raum, notfalls eine Reform unter Umgehung der Union durchzudrücken, die eine Wahlrechtsreform blockiert. Oppermann sei eine Persönlichkeit gewesen, "die sich nicht dem Zeitgeist unterwarf und deren politisches Denken nicht an ideologischen Grenzen Halt machte", so Steinmeier. In herausragender Weise habe sich Oppermann für die Bundesrepublik Deutschland verdient gemacht. "Wir haben einen großartigen Menschen und einen überzeugten Demokraten, einen Parlamentarier aus Leidenschaft verloren."

Oppermann wollte neue Projekte angehen

Das Ende seiner Zeit als Bundespolitiker hatte Oppermann bereits im Blick. Ende August kündigte er an, bei der Bundestagswahl 2021 nicht mehr antreten zu wollen: "Nach 30 Jahren als Abgeordneter im Niedersächsischen Landtag und im Deutschen Bundestag ist für mich jetzt der richtige Zeitpunkt, noch einmal etwas anderes zu machen und mir neue Projekte vorzunehmen." Nach dieser Ankündigung habe er Oppermann als einen Mann erlebt, der "in sich zu ruhen schien und gleichzeitig voller Vorfreude auf kommende Projekte war", sagte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble nach Oppermanns Tod.

Weitere Informationen
Als neuer niedersächsischer Wissenschaftsminister wird der 43 Jahre alte Thomas Oppermann (r.) am Montag (30.03.1998) im Plenarsaal des Niedersächsischen Landtags in Hannover zusammen mit seinen Kabinettskollegen vereidigt. © dpa/picture-alliance Foto: Holger Hollemann

Thomas Oppermann: Die wichtigsten Stationen seines Lebens

Der verstorbene SPD-Politiker hat auf Landes- und Bundesebene zahlreiche bedeutende politische Ämter innegehabt. mehr

Thomas Oppermann (SPD), Bundestagsabgeordneter, spricht während der 39. Sitzung des Deutschen Bundestages im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes. © dpa-Bildfunk Foto: Gregor Fischer

Stimmen zum Tod von Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann

Der SPD-Politiker ist am Sonntag überraschend gestorben. Parteigenossen und Bundestagskollegen sind bestürzt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 26.10.2020 | 08:00 Uhr

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