Stand: 28.05.2014 21:07 Uhr

Ein Archedorf für alte Haustierrassen

von Carmen Woisczyk

Bauer Hesse schiebt die Stalltür auf, die Ziegen meckern. "Das ist meine Harzer Ziege, die jeden Tag zwei Mal gemolken wird - einmal morgens, einmal abends", sagt er. Zwei Liter Ziegenmilch gebe sie und damit sei die Familie einen Tag versorgt. Hans-Jürgen Hesse liebt seine Tiere - ohne könnte er nicht leben, sagt er. Auf der Wiese hinter seinem Haus scharren seltene schwarz-weiße Hühner, schwarze Pommerngänse schnattern, ein altdeutscher Hütehund jagt rauhwolligen Pommerschen Landschafen hinterher, und Ziege Mia, eine Handaufzucht, folgt Hesse auf Schritt auf Tritt. Sein Hof gehört zu Deutschlands einzigem Archedorf. Es liegt in Steinlah (Landkreis Wolfenbüttel).

Leistungszucht versus Erhalt alter Haustierrassen

Viele Landwirte halten nur noch sogenannte Wirtschaftsrassen, die auf hohe Leistung gezüchtet werden. Kühe, die bis zu 40 Liter Milch am Tag bringen, oder Puten und Gänse, die wegen ihres Übergewichts kaum noch laufen können. Deshalb sind immer mehr alte Haustierrassen vom Aussterben bedroht. Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen will das ändern und setzt sich für den Erhalt alter Nutztierrassen ein. Diesem Verein haben sich Deutschlandweit rund 90 landwirtschaftliche sogenannte Arche-Höfe angeschlossen - 15 davon allein in Niedersachsen. Fünf Höfe gehören zum Archedorf in Steinlah.

Den Genpool erhalten

Ein Aylesbury Küken auf dem Hof Tiefnig. © Angela Tiefnig Foto: Angela Tiefnig
Nachwuchs ist im Archedorf besonders wichtig - schließlich soll das Genmaterial erhalten bleiben.

"Ich finde es ausgesprochen wichtig, dass wir uns um vom Aussterben bedrohte Haustierrassen kümmern", betont Bauer Hesse. Bleibe man nur bei Hybriden, dann sei die genetische Reserve irgendwann weg. "Die Rassen, die sich im Laufe der Jahrhunderte in einer bestimmten Region gebildet haben, sind ans Klima und an die Nahrungsbedingungen angepasst - und das ist ganz wichtig, dass wir das erhalten."

Strenge Bedingungen für das einzige Archedorf

Die Bauern auf den anderen vier Höfen in Steinlah teilen Hesses Meinung. "Zusammen erfüllen wir die strengen Voraussetzungen für Deutschlands einziges Archedorf", sagt Hesse. Es reiche nicht, nur ein paar alte Rassen zu besitzen. Die ganze Bandbreite von Groß- und Kleintierrassen müsse nachweislich gehalten, gezüchtet und auch landwirtschaftlich genutzt werden. Wie die Kaltblutpferde und das Harzer Höhenvieh von Gustav Reupke. "Ich bin aus einer Liebhaberei dazu gekommen", sagt Reupke. "Mir gefielen diese roten Kühe schon immer." Die Tiere seien sehr ruhig, langlebig, genügsam und trotz des nicht so gehaltvollen Futters sähen sie sehr gut aus - "rund und glatt". 

Reupke lächelt, er führt seine Kaltblutstute "Hanna" auf die Weide. Sie bekommt bald ein Fohlen und muss deshalb gerade kein Holz im Wald rücken. "Das ist eine ganz alte Linie und einfach klasse, vom Gemüt von allem. Das waren früher ja Arbeitstiere, da musste man auf den Charakter achten, dass die ruhig in der Furche gehen, genügsam, das ist faszinierend."

"Boah, sind das tolle Hühner auf der grünen Wiese"

Viele alte Haustierrassen würden zwar langsamer wachsen und weniger Fleisch auf die Waage bringen, sagt Reupke. Dafür seien sie aber robuster und müssten nicht mit Kraftfutter gemästet werden. Die Kosten seien geringer. Und Angelika Hesse erklärt: "Zudem steigt die Nachfrage der Kunden, die immer mehr auf artgerechte Haltung achten." Sie züchtet Lakenfelder Hühner. "Lakenfelder sind ebenso vom Aussterben bedroht wie Bergische Kräher. Vielleicht nicht ganz so stark." Sie habe schon ganz viele Bruteier verkauft, betont sie. "Und wenn die Leute auf der Straße vorbeifahren, sagen sie, 'boah, sind das tolle Hühner auf der grünen Wiese'." Viele hätten da schon nachgefragt und sich informiert.

Am 31. Mai feiern die Bewohner das Archedorffest in Steinlah. Dann kann sich jeder selbst ein Bild von den alten Haustierrassen machen.

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NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 14.01.2021 | 15:00 Uhr

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