Trickbetrug: Kriminologe Pfeiffer fast Opfer von Schockanruf

Stand: 18.08.2022 16:49 Uhr

Kriminelle haben in Niedersachsen mit Trickbetrug im ersten Halbjahr mehrere Millionen Euro erbeutet. Den größten Schaden verursachten falsche Polizisten und angebliche Verwandte in Notlagen.

Auf derartige Maschen fallen sogar Experten rein. Experten wie der Kriminologe Christian Pfeiffer aus Hannover. Der 78 Jahre alte Pfeiffer berichtete auf einer Pressekonferenz der Polizei Hannover von seinen Erfahrungen. Vor kurzem sei er beinahe einem Schockanruf auf den Leim gegangen. "Ich habe mich in einer Weise verhalten, die ich nicht für möglich gehalten hätte", sagte Pfeiffer, der von 2000 bis 2003 niedersächsischer Justizminister war. Er habe eine halbe Stunde geglaubt, dass seine Tochter ein Kind totgefahren habe.

Betrugsversuch fliegt durch Glück auf

Trotz seiner Erfahrung, so Pfeiffer, hat er das Telefongespräch zunächst fortgeführt. 55.000 Euro sollte er demnach als Kaution zahlen, um seiner Tochter das Gefängnis zu ersparen. Die Täter hätten den Namen seiner Tochter und die Farbe ihres Autos gekannt. Nur durch Glück kam Pfeiffer den Trickbetrügern auf die Schliche. Weil das Telefonat abbrach, rief Pfeiffer, der von 1988 bis 2015 Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen war, bei der Polizei an und fragte nach "Frau Mertens". Dort klärte sich der Sachverhalt auf. "Die Beamtin sagte sehr sensibel und gescheit: 'Also Herr Pfeiffer, ich muss es Ihnen sagen, das war Fake', erzählte der Kriminalexperte. Den Versuch, mit Fahndern zusammen die Täter dingfest zu machen, brach die Polizei schließlich ab.

Polizeipräsident Kluwe: "Sie dürfen unhöflich sein"

Das Beispiel zeigt, wie professionell die Betrüger vorgehen - und dass es alle treffen kann. "Glauben Sie nicht, so etwas könnte Ihnen nicht passieren", sagte Hannovers Polizeipräsident Volker Kluwe in dem Gespräch. "Sie dürfen unhöflich sein, denn es dient Ihrem eigenen Schutz." Kluwe sagte, man solle bei ungewöhnlichen Anrufen auflegen und auf jeden Fall die Polizei verständigen.

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Falsche Polizisten: Zwei Millionen Euro Schaden im ersten Halbjahr

Der Schaden durch Trickbetrüger ist weiterhin enorm, wie Zahlen des Landeskriminalamts Niedersachsen in Hannover zeigt. Den Ermittlern zufolge liegt der Schaden in Fällen mit falschen Polizeibeamten im ersten Halbjahr 2022 im Land bei mehr als zwei Millionen Euro. Im gesamten Vorjahr waren es 2,9 Millionen Euro.

Täter üben immensen Druck auf Opfer aus

Wenn sich Kriminelle als falsche Polizeibeamten ausgeben, erzählen sie den potenziellen Opfern oft, ein Angehöriger habe - wie im Fall Pfeiffer - einen tödlichen Unfall verursacht und benötige Bargeld, um einer Strafe zu entgehen. Eine weitere Masche ist es, von einem schwerkranken Angehörigen zu berichten, der im Krankenhaus liege und eine teure Behandlung brauche. Andere sollen bei einem Notar-Termin sofort mit Bargeld bezahlen, um eine Immobilie nicht zu verlieren. Das Ziel der Kriminellen ist laut LKA immer, Druck auf das Opfer auszuüben, damit es keine Zeit hat, rational nachzudenken.

Schaden durch WhatsApp-Betrug: Mehr als zwei Millionen Euro

Eine weitere Masche ist der Trickbetrug mittels Messengerdienst WhatsApp. Oft schlüpfen die Täter in die Rolle von Sohn oder Tochter. Um die unbekannte Rufnummer zu rechtfertigen, sagen sie beispielsweise, dass das bisher genutzte Mobiltelefon verloren gegangen sei. In ihrer Nachricht geben sie an, dringend Geld überweisen zu müssen. Mit dem neuen Handy hätten sie keinen Zugang zum Onlinebanking. Der oder die Angeschriebene solle daher die Überweisung übernehmen. Die Beträge seien in jedem einzelnen Fall vergleichsweise gering, der gesamte Schaden aber liege im ersten Halbjahr bei mehr als zwei Millionen Euro.

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Dieses Thema im Programm:

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