Staatsschutz ermittelt nach Angriff auf Festival-Betreiber in Jamel

Stand: 03.01.2025 17:24 Uhr

Der Staatsschutz der Polizei ermittelt nach einem Vorfall in Jamel. Unbekannte sollen in der Silvesternacht auf dem Grundstück des Ehepaars Lohmeyer mit Feuerwerksraketen unter anderem auf das Paar gezielt haben.

In Jamel im Landkreis Nordwestmecklenburg sind die Veranstalter des Festivals "Jamel rockt den Förster"offenbar bedroht worden. Der Staatsschutz der Polizei ermittelt unter anderem wegen Hausfriedensbruchs, versuchter gefährlicher Körperverletzung, Beleidigung und wegen des Verwendens von verfassungsfeindlichen Symbolen, so Sophie Pawelke, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Rostock. Das Dorf in der Gemeinde Gägelow gilt seit Anfang der 1990er Jahre als Hochburg der Neonazi-Szene. Mit dem Festival wollen die Organisatoren ein Zeichen für Weltoffenheit und Demokratie setzen.

Solidarität aus der Musik-Szene

Mehrere Musiker bekundeten inzwischen ihre Solidarität mit dem Ehepaar. "Wir sind schockiert und solidarisieren uns mit den Lohmeyers", schrieb die Band Deichkind auf Instagram. Ähnlich äußerten sich der Songwriter Thees Uhlmann sowie die Indierock-Band Kettcar auf derselben Plattform. Auch die Band Madsen, Mia oder die Donots posteten als Reaktion auf den Vorfall Fotos und Botschaften. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) schrieb: "Ich verurteile die erneuten Angriffe auf das Schärfste!"

Unbekannte betraten das Grundstück

Nach Angaben von Birgit und Horst Lohmeyer hatten zwei "vermummte Männer und Jugendliche - schwarz gekleidet oder in Flecktarnanzügen" in der Silvesternacht ihr Grundstück betreten, so das Ehepaar in einem Post auf Facebook und Instagram. Die Personen zündeten demnach unter anderem mindestens eine Rakete in Richtung der Eheleute und riefen verfassungsfeindliche Parolen. Als die Polizei eintraf, hatten die Unbekannten das Grundstück bereits wieder verlassen. Wenig später soll zudem ein Kind aus Jamel ebenfalls aufs Grundstück gelangt sein und versucht haben, die dort gelagerten Hütten für das Festival mit Böllern in Brand zu stecken. Nachdem das Ehepaar Lohmeyer es mit Lampen angestrahlt hatte, sei das Kind davongelaufen.

Das Ehepaar fühle sich an einen Brandanschlag im Jahr 2015 erinnert. Damals war ihre Scheune in Brand gesteckt worden. "Wir sind geschockt über die Dreistigkeit dieses Angriffs und Hausfriedensbruchs, der durch nichts entschuldigt werden kann", schreiben sie.

Pegel: "Ganz bewusster Angriff"

Innenminister Christian Pegel (SPD) äußerte sich im Gespräch mit NDR 1 Radio MV besorgt. Vieles würde dafür sprechen, dass es sich um einen "ganz bewussten Angriff aus der rechtsextremistischen Szene" handele. Bewusst auch, weil sich die Lohmeyers bekanntermaßen "anders positionieren" und sich für Vielfalt und Demokratie stark machten. Für Pegel sei dies deshalb symbolisch gesehen nicht nur ein Angriff auf das Ehepaar, "sondern auf die freiheitliche Grundordnung an sich."

Trepsdorf: Viel Unterstützung auf sozialen Medien

Für Daniel Trepsdorf, Leiter des Demokratiezentrums Westmecklenburg (RAA), ist der Angriff ein klares Zeichen der Einschüchterung. Insbesondere Feinde der Demokratie wollten damit zeigen: Wir haben euch im Blick. Trotzdem habe das Ehepaar viel Zuspruch in den sozialen Medien erhalten. Denn es gebe auch Widerstand gegen Rechtsextremismus und Rassismus in der Region und über diese hinaus. Dies zeige auch der engagierte Einsatz von Menschen in Sportvereinen, Schulen und Initiativen in Grevesmühlen nach den rassistischen Übergriffen auf zwei Mädchen im Sommer 2024. Trepsdorfs Fazit: Zivilcourage müsse im Alltag praktiziert werden, damit sie erfolgreich gegen Extremismus wirken könne.

Ehepaar organisiert "Jamel rockt den Förster"

Seit 2007 veranstalten die aus Hamburg stammenden Lohmeyers in Jamel ein bundesweit bekanntes Rockfestival gegen Rechtsextremismus. Immer dabei sind aktuelle Musikgrößen. Im vergangenen Jahr traten die Fantastischen Vier und Singer-Songwriter Olli Schulz auf.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern | 02.01.2025 | 19:00 Uhr

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