Klaus Böhm | IM "Fuchs"

Mithalten mit den anderen

Böhm lieferte auch Informationen übers Doping von Minderjährigen im SC Neubrandenburg.

Im Juni 1980 berichtete Klaus Böhm erneut sehr ausführlich, welche Probleme es beim Doping im SCN gab. Und wieder wird deutlich, dass die AG G nur über wenig medizinisches Wissen verfügte:

"...wird von den Trainern den Sportmedizinern der Vorwurf gemacht, daß eine zu geringe Risikobereitschaft beim Einsatz bestimmter Medikamente, dabei handelt es sich besonders um intravenös zu verabreichende Medikamente, aus der Reihe der Antrageline, besonders um das Testeoforon (?) und das Debontestostaron (?), die wir auf Bezirksebene nicht einsetzen, die für zentrale Vorbereitungslager auf die Olympischen Spiele bzw. Weltpolitische Sporthöhepunkte vorbehalten sind und auf zentrale Anweisung zur Anwendung kommen. Die aber nach aussagen der Trainer in anderen Clubs auf bezirklicher Ebene in Anwendung kommen.
Besonders wird immer wieder angeführt, daß der SC Dynamo und der ASK damit arbeiten sollen, wobei ich dazu persönlich keine Aussage machen kann, ob das stimmt, oder ob das Hypothesen sind. Wenn die Trainer aufgefordert werden, daß auf höherer Leistungsebene vorzubringen, dann weichen sie aus, wahrscheinlich weil sie es auch nicht 100 %ig wissen und nur munkeln, hören oder es von Aktiven aus einigen zentralen Lagern wissen. Als Beispiel führen sie immer wieder an, daß bestimmte Sportler am Tage vorher überhaupt keinen Leistungsnachweis erbringen und dann am Tag eine Leistung bringen, was einen Qualitätssprung noch und noch bedeutet, der in keiner Weise mit dem vorher gezeigten Niveau übereinstimmt."

Quelle: MfS 3543/82 Teil II "Fuchs", BStU 000017, ASt Neubrandenburg, Bericht vom 20.6.1980

Wirke, Mittel, wirke.

Gemeint waren Androgene, Testosteron und Depottestosteron. Und IM "Fuchs" informierte das MfS nur wenige Tage später darüber, dass die Neuentwicklung von unterstützenden Mitteln nicht am Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport in Leipzig, sondern in Kooperation mit Jenapharm in Jena stattfinde. Wie der Volkseigene Betrieb (VEB) Jenapharm in die Entwicklung von Dopingpräparaten eingebunden war, zeigt dieses Gutachten aus dem Jahr 2004.

Böhm lieferte der Staatssicherheit auch Informationen über die Auswirkungen der verabreichten Dopingmittel:

"Im Wurfbereich von Dieter Kollark, der [...], ob der das schafft, die Vorraussetzungen hat er, bei dem ist es ein Problem wegen der Geheimhaltung. Der ist unter u.M. weich geworden, der kommt nicht, der ist danach richtig schlappgeworden und keiner weiß wovon. Das Detail davon müßte die „graue Eminenz“ der Sportmedizin, [...] wissen. Um die Ursachen zu ergründen, habe ich eine Konsultation mit dem Trainer durchgeführt und die haben die Erfahrungen, daß oftmals beim 2. Einsatz von u.M. die Leute Leistungsstagnieren und sich zurückentwickeln – worauf das zurückzuführen ist, kann keiner sagen. Bei [...] hat die u.M. keine Entwicklung gebracht, sie hätte aber bringen müssen. Im Wurfbereich ist das die Auswirkung von 8 Tage nach Absetzen anhält, dem Diskus 15 Tage."

Quelle: MfS 3543/82 Teil II "Fuchs", BStU 000040, ASt Neubrandenburg, Bericht vom 16.10.1980

Vom Staat forciert

Über einen Lehrgang in Kreischa erzählte Böhm, wie Ärzte und Trainer bei der Vergabe der unterstützenden Mittel zusammenarbeiten. Als am 12. Dezember 1980 von der DDR-Regierung ein Beschluss zum Leistungssport gefasst wurde, berichtete Böhm daraus, dass die "Erhöhung der Wirksamkeit des Trainings durch unterstützende Mittel zur Erschließung weiterer spezifischer Leistungsreserven" geplant sei. Zudem sei "unter Leitung der Verbandsärzte die Wirksamkeit der Ärztekommission in den olympischen Verbänden aller Förderstufen zu gewährleisten bzw. zu qualifizieren".

Und sie waren noch Kinder

Dass im SCN auch Minderjährige gedopt wurden, belegt ein weiterer Bericht Böhms Mitte März 1983 über den damaligen Nachwuchs-Sprinter Thomas Schröder.

"Die Leistungen des [...] in der Hallensaison waren ganz bewußt ohne u.M., nur naturell. Im Vorjahr hat er mit u.M. Bestleistungen, 6,85 und 6.91 gebracht, dieses Jahr 6,82, ohne u.M., das ist ein ganz anderer Wert. Die Erwachsenen sind unter dem Stoff gelaufen. Diese Leistungsentwicklung hat sich auch auf den Jungen positiv ausgewirkt. Die Zielstellung wurde vom Trainer und Sportmedizin sanktioniert. [...] ist 18 Jahre alt und dieses Jahr startberechtigt für die Junioreneuropameisterschaften, dort ist er Titelverteidiger, dort soll er nochmals antreten, das ist sein sportpolitischer Höhepunkt."

Quelle: MfS 3543/82 Teil II "Fuchs", BStU 000091, ASt Neubrandenburg, Abschrift einer Abschrift vom Tonband nach einem Treff am 11.3.1981

Schröder war 1979 erstmals Junioreneuropameister im 100-Meter-Sprint. Laut Böhm wurde Schröder bereits zur Hallensaison 1980 gedopt - da war der Athlet 17 Jahre alt. Belegt sind auch die Mengen Oral-Turinabols, die Schröder zwischen 1981 und 1984 bekam: 1981 lag die Jahresdosis lag bei 435 Milligramm. 1984 wurden Schröder 1045 Milligramm des Anabolikums verabreicht.

Klaus Böhm ist Ende 2011 gestorben.

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