Stand: 04.10.2018 10:40 Uhr

Vom Sportmedizinischen Dienst direkt ins Blut

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In der Regel wurden die Sportler von den Ärzten über die Nebenwirkungen sogenannter unterstützender Mittel nicht aufgeklärt.

Es war der Sportmedizinische Dienst (SMD), der im Leistungssport der DDR eine Schlüsselrolle einnahm. Das Netz der 15 sportärztlichen Hauptberatungsstellen (SHB) und der 223 Kreisberatungsstellen suchte weltweit seinesgleichen. Es garantierte nicht nur eine lückenlose Betreuung der Sportler - es war ein perfektes Instrument, leistungsfördernde Präparate im Hochleistungsbereich einzusetzen.

Doping: Das Ziel eines Staatsplans

Von 1966 an wurde das Doping im DDR-Leistungssport zu einer festen Komponente. Der Flächen deckende Einsatz und die Erforschung von sogenannten unterstützenden Mitteln (uM) waren das Ziel des Staatsplanthemas 14.25 - abgesegnet am 23. Oktober 1974 von der Leistungssportkommission (LSK). Die Umsetzung des Dopingprogramms lag zu einem entscheidenden Teil in den Händen des SMD.

Der wurde am 1. September 1963 gegründet und war dem Staatssekretariat für Körperkultur und Sport in Berlin untergeordnet. Der SMD begann mit 53 hauptamtlichen Mitarbeitern. Als die Mauer fiel, waren es 1.800 - davon befasste sich ein Drittel ausschließlich mit dem Leistungssport.

Von Sportärzten "empfohlen"

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Der Bezirkssportarzt Armin Stemmler leitete die sportärztliche Hauptberatungsstelle in Neubrandenburg.

Die sportmedizinischen Strukturen in Neubrandenburg wurden in den 1960-er Jahren zunächst mit nebenberuflichen Kräften aufgebaut. Am 1. Januar 1967 übernahm Armin Stemmler als erster hauptamtlicher Bezirkssportarzt die Leitung der sportärztlichen Hauptberatungsstelle. Von dort wurde auch die Vergabe der Dopingpräparate an die Athleten des Sportclubs Neubrandenburg (SCN) gesteuert. Beteiligt daran waren mehrere Neubrandenburger Sportärzte.

Nach der Auflösung des SMD am 31. Dezember 1990 mussten sich auch die Mitarbeiter der Neubrandenburger Außenstelle neu orientieren. Knapp sieben Jahre später nahm die beim Berliner Polizeipräsidenten angesiedelte Zentrale Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) Kontakt zu mehr als 130 Athleten auf, die im DDR-Hochleistungssport trainierten und für den SCN starteten.

Sportler klagen an

Sie wurden gebeten, einen Fragebogen auszufüllen. 42 der angeschriebenen Neubrandenburger Athleten taten das. Zehn davon bejahten die Frage, ob ihnen Substanzen verabreicht worden seien. 54 Sportler wurden daraufhin von den Kommissaren als Zeugen und Betroffene befragt. 32 davon bestätigten, dass sie ins DDR-Dopingprogramm eingebunden waren. Vier ehemalige SCN-Athleten stellten Strafantrag gegen ihre damaligen Trainer oder Ärzte. Die ZERV gab das Verfahren an die Schweriner Staatsanwaltschaft ab, die in diesen Ermittlungen als Schwerpunktabteilung fungierte.

Die Zeit drängt

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Hat sich erbeten, seine Strafe in drei Raten zu zahlen. Doch nur zwei überwies der Sportmediziner Volkmar Reumuth dann auch.

Zum Zeitpunkt der Übergabe liegen zunächst Anzeigen gegen acht Trainer des SCN und zwei Ärzte der sportärztlichen Hauptberatungsstelle Neubrandenburg vor - wegen Körperverletzung durch die Verabreichung von Hormonpräparaten. Viel Zeit hatten die Ermittler nicht, diesen Vorwürfen nachzugehen. Schon am 3. Oktober 2000 trat die Verjährung ein.

Der Schweriner Staatsanwalt Thomas Bardenhagen entschloss sich schließlich, die Verfahren gegen Zahlung von Geldauflagen einzustellen. Trainer und Ärzte sollten zwischen 4.000 und 12.000 DM an gemeinnützige Vereine zahlen. Die Beträge wurden teilweise wegen der wirtschaftlichen Situation der Beschuldigten verringert.

Angezeigt und davongekommen

Armin Stemmler aber sollte sich verantworten müssen. Die Staatsanwaltschaft wollte Strafbefehl beantragen, brauchte dafür aber Informationen über dessen Einkommensverhältnisse. Stemmler schwieg. Am 28. September 2000 erteilte das Amtsgericht dennoch einen Strafbefehl über 24.000 DM. Bei Stemmlers Anwalt ging das Schreiben am 4. Oktober 2000 ein. Die Verjährung war bereits eingetreten. Der ehemalige Bezirkssportarzt Stemmler blieb ohne Strafe - trotz nachgewiesener Vergabe von Dopingmitteln an 21 Athleten - ohne diese über die Risiken aufgeklärt zu haben.

Auch im Falle des ehemaligen Neubrandenburger Leichtathletikverbands-Arztes, Volkmar Reumuth, geriet die Zahlung der Geldauflage zur Farce. Am 19. Juli 2000 zu einer Geldstrafe in Höhe von 3.500 DM verurteilt, bat Reumuths Anwalt darum, die Summe in drei Raten zahlen zu dürfen. Der Sportmediziner aber beglich zur zwei Raten in Höhe von jeweils 1.200 DM. Die verbliebenen 1.100 DM zahlte Reumuth nicht mehr - weil die Verjährung eingetreten war.

Gedeckt und gefördert: Von der Stasi

So flächendeckend wie im DDR-Leistungssport gedopt wurde, so geheim war das Staatsplanthema. Durchdrungen vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS), gab es nach derzeitigem Recherchestand auch in der Neubrandenburger Hauptberatungsstelle acht Inoffizielle Mitarbeiter. Die beiden Ärzte - Stemmler und Reumuth - sie gehörten dazu.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Der Tag | 04.10.2018 | 16:10 Uhr

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