Ein Blick auf die Feierhalle des Jüdischen Friedhofs in Schwerin. © NDR Foto: Axel Seitz

Streit um jüdischen Friedhof in Schwerin beigelegt

Stand: 22.04.2021 06:16 Uhr

Rund 25 Jahre dauerte die juristische Auseinandersetzung. Nun darf die jüdische Gemeinde die Begräbnisstätte wieder nutzen. Beerdigungen wird es aber voraussichtlich nicht vor 2024 geben.

von Axel Seitz, NDR 1 Radio MV Kultur

Von der Bornhövedstraße im Nordosten Schwerins ist die Grünfläche hinter den Wohnhäusern kaum einsehbar. Eine kleine Anfahrt führt zu einem größtenteils verklinkerten Gebäude. Ein Fenster unter dem Dach hat die Form eines Davidsterns – dieses Haus ist die Feierhalle der Jüdischen Gemeinde Schwerin. Und daneben erstreckt sich eine große Wiese: Der jüdische Friedhof der Gemeinde. Er existiert seit mehr als 300 Jahren, 1717 gab es hier die ersten Beerdigungen. Nach einer jahrelangen Ruhe und einem jahrelangen Rechtsstreit könnten hier in einigen Jahren wieder Tote ihre letzte Ruhestätte finden. Denn der Streit um den alten jüdischen Friedhof in Schwerin ist beigelegt. Nach Informationen von NDR 1 Radio MV darf die Jüdische Gemeinde die Begräbnisstätte jetzt nutzen. "Das sei eine sehr wichtige Entscheidung", sagt Valerij Bunimov. Der Vorsitzende des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern zeigte sich im NDR-Gespräch sehr erleichtert. Vor dem Oberverwaltungsgericht in Greifwald hatte die Klägerseite jetzt erklärt, sich nicht mehr gegen eine Belegung des Friedhofs zu wehren.

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Friedhofsgelände durch Bornhövedstraße getrennt

1994 hatten jüdische Emigranten aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion in Schwerin wieder eine Jüdische Gemeinde neu gegründet. Wenig später wollten die Mitglieder auch ihren vorhandenen Friedhof nutzen. Die Stadt Schwerin genehmigte die Nutzung der Fläche bereits Mitte der 90er Jahre. Doch dann klagte eine Anwohnerin dagegen. Die Frau (ihr Name liegt dem NDR vor) erklärte bereits 2002 im Gespräch mit NDR 1 Radio MV, dass sie davon ausging, dass es sich bei dem Gelände vor ihrem Haus um eine Grünfläche handele. Dies hätte das Bauordnungsamt damals mitgeteilt. Zwar existiert hier seit 1717 der jüdische Friedhof. Dieser wurde allerdings am Ende des Zweiten Weltkriegs durch Wehrmachtssoldaten zerstört und von der Jüdischen Gemeinde nach 1948 wieder hergerichtet. In den 50er Jahren verlegte jedoch die Stadt Schwerin die Bornhövedstraße neu und zerteilte, mit Genehmigung der Jüdischen Gemeinde, das Friedhofsgelände. Seither befinden sich nördlich der Straße Gräber und Grabsteine, südlich davon die Grünfläche und die zum Friedhof gehörende, für Beerdigungen wichtige Feierhalle. Jahrelang war nicht ersichtlich, dass beide Flächen zum Friedhof gehören und darauf berief sich die Klägerin.

Oberverwaltungsgericht traf lange keine Entscheidung

1998 hatte es bereits einen Kompromiss zur Belegung gegeben, wonach die Gemeinde zum Wohnhaus der Klägerin einen ungefähr zehn Meter breiten Abstand einhalten wird, sollte hier Tote beerdigt werden. Das Oberverwaltungsgericht Greifswald sah sich allerdings jahrelang nicht in der Lage, eine endgültige Entscheidung zu treffen. Zwei Urteile wurden zudem vom Bundesverwaltungsgericht aufgehoben. Die Stadt Schwerin und die Jüdische Gemeinde versuchten gemeinsam zu erreichen, dass der Friedhof als solcher wieder genutzt werden kann.

Jüdische Gemeinde will Friedhof wieder herrichten

Nachdem nun der Streit nach rund einem Vierteljahrhundert beigelegt wurde, wird die Jüdische Gemeinde nach Auskunft von Valerij Bunimov in den nächsten Jahren damit beginnen, den Friedhof herzurichten. Zunächst müsse das Gelände vermessen und ein Zaun aufgestellt werden. Auch die 1899 gebaute Trauerhalle bedarf einer dringenden Sanierung. Vor 2024 wird es auf dem alten jüdischen Friedhof wohl keine Beerdigungen geben, sagt Valerij Bunimov. Die Gemeinde kann zudem einen zweiten Friedhof in Schwerin für Begräbnisse nutzen. Dieser wurde wegen des Streits um den historischen Friedhof der Jüdischen Gemeinde von der Stadt Schwerin zur Verfügung gestellt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 22.04.2021 | 06:00 Uhr

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