Schwaches Mathe-Abi: Zwei Extra-Punkte vom Land

Stand: 31.05.2021 11:55 Uhr

"Weit unterdurchschnittlich", "außergewöhnlich niedriges Punkteniveau": Die Ergebnisse der Mathe-Abiturprüfungen in MV sind in diesem Jahr mau ausgefallen. Das Land packt pauschal zwei Punkte drauf. Es beruft sich auf besondere Rahmenbedingungen. 

von Stefan Ludmann, NDR 1 Radio MV Aktuell

Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) hat massive Probleme beim diesjährigen Mathe-Abitur eingeräumt. Weil die Prüflinge durch die Bank äußerst schlechte Ergebnisse ablieferten, werden die Arbeiten pauschal um zwei Notenpunkte besser bewertet.

"Kaum verständlich und zeitlich nicht zu schaffen"

"Nur gerecht" nennt der Landesschülerrat die Entscheidung des Bildungsministeriums. Er hatte nach dem Mathe-Abi Anfang Mai eine Umfrage unter den 5.100 Abiturienten gestartet. Das Ergebnis: Eine Mehrheit klagte über Aufgaben, die kaum verständlich und zeitlich nicht zu schaffen gewesen seien - trotz der 30-minütigen Klausurverlängerung wegen der Corona-Pandemie. Das alles schlug sich auf die Ergebnisse nieder - der Notendurchschnitt war miserabel. Das musste jetzt auch das Bildungsministerium einräumen. In den Grundkursen lag der Durchschnitt bei gerade einmal 4,1 Punkte - das macht umgerechnet eine Vier minus. Im Jahr zuvor lag der Schnitt bei 5,7.

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Notenschnitt in Leistungskursen abgestürzt

Noch drastischer fiel der Notenabsturz in den Leistungskursen aus. Diese Kurse werden in der Regel von Schülerinnen und Schüler gewählt, die in Mathe begabt sind und gute Leistungen anstreben. Hier rutschte der Durchschnitt von 8,4 auf 5,6 Punkte. Es gab Schüler, die zuvor sicher bei 13 Punkten standen, im Abitur aber nur 4 Punkte erreichten. Einigen drohte wegen der schlechten Mathenoten ein komplettes Versagen im Abitur. Die höchste Punktzahl, die in Abiturklausuren zu erreichen ist, sind 15 Punkte.

Corona gehört angeblich nicht zu Ursachen

Trotz der Beschwerden lenkte das Ministerium erst nach mehreren Krisengesprächen mit Landesschülerrat, dem Landeselternrat und dem Philologenverband ein: Die Noten im Fach Mathematik werden für alle um zwei Punkte angehoben. Die Entscheidung für den Notenzuschlag gilt als außergewöhnlich. Als Grund für die schlechten Leistungen nennt das Ministerium "mehrere Rahmenbedingungen", mit den Folgen der Corona-Pandemie und den Lockdown-Maßnahmen in den Schulen habe das nichts zu tun, so ein Sprecher.

Ministerium führt Punkterückgang auf mehrere Faktoren zurück

Der jetzige Abiturjahrgang sei vielmehr der erste gewesen, der die Prüfungen nach neuen Vorgaben abgelegt habe. Man habe immer gesagt, dass "Schülerinnen und Schüler keine Nachteile aus den Umstellungen erfahren sollen", begründete ein Sprecher den Notenbonus. Die Matheaufgaben seien schließlich "erstmals in Grund- und Leistungskursklausuren aufgeteilt worden." Gleichzeitig hätten Fragen gelöst werden müssen, die "stärker auf Kompetenzen als auf Anwendung von erlerntem Formelwissen beruhten."

Landeselternrat: Keine Auswirkungen auf bundesweite Anerkennung

Genau darin sieht der Landeselternrat das Problem: Die Aufgaben seien unverständlich formuliert gewesen und hätten schlicht nicht das widergespiegelt, was zuvor im Unterricht gelehrt worden sei. Fast kein Prüfling sei in der gegebenen Zeit fertig geworden, so der Vorsitzender des Landeselternrats, Kay Czerwinski. Er erinnerte daran, dass dem Jahrgang wegen der Lockdownmaßnahmen viel Unterrichtsstoff gefehlt habe. Die Entscheidung des Ministeriums begrüßte er. Es sei gut, dass die politisch Verantwortlichen ihrer Verantwortung gerecht werden. Czerwinski erklärte außerdem, auf die bundesweite Anerkennung des MV-Abiturs wirke sich der Schritt nicht aus. Schon im vergangenen Jahr hätten andere Bundesländer die Bewertungen des Abiturs pauschal angehoben. Andere Länder würden auf schriftliche Abiturprüfungen für alle verzichten, die seien dagegen in Mecklenburg-Vorpommern für jeden Abiturienten Pflicht.

Schülersprecherin: "Lösung im Sinne der Schüler"

Landesschülersprecherin Hanna Suhr verwies im Gespräch mit dem NDR auf Berichte von Lehrern, die seit Jahren den Leistungskurs Mathe unterrichten und selbst Probleme gehabt hätten, in der vorgegebenen Zeit fertig zu werden. "Und dann sollen die Schüler das unter der Drucksituation der Prüfung mit teilweise fünfeinhalb Stunden Maske tragen leisten - das war unverhältnismäßig der Situation gegnüber." Die Notenanpassung durch das Ministerium sieht der Schülerrat als gute Lösung: "Das war am Ende das, was für uns alle am meisten Sinn gemacht hat und definitiv auch im Sinne der Schüler ist", so Suhr.

Lehrerverband: Schlechte Ergebnisse waren absehbar

Der Philologenverband erklärte, er habe schon vorab auf die Probleme und Schwierigkeiten des diesjährigen Mathe-Abiturs hingewiesen. Das schlechte Abschneiden sei erwartbar gewesen. Die jetzt getroffene Lösung sei annehmbar, so der Landesvorsitzende Jörg Seifert. Das Bildungsministerium habe aber zu spät entschieden, es hätte "früher auf den Verband hören müssen". Denn in vielen Schulen hätten die mündlichen Prüfungen schon begonnen. "Die Neuberechnung der Punkte wird für einigen Mehraufwand sorgen."

Linken-Bildungsexpertin spricht von "komplettem Versagen" des Ministeriums

Noch deutlicher formuliert die Kritik die Bildungsexpertin der Linksfraktion, Simone Oldenburg. Die "niederschmetternden Ergebnisse" seien nicht auf unbegabte Jugendliche und unwissende Lehrkräfte zurückzuführen, "sondern auf komplettes Versagen des Bildungsministeriums". Die vom Ministerium ausgewählten Aufgaben hätte zuvor im Unterricht keine Rolle gespielt. Auch in den sogenannten "Vorabhinweisen" des Ministeriums, die den Aufgabenrahmen des Abiturprüfung aufzeigen, sei nicht auf die Inhalte verwiesen worden.

Ministerium will Evaluation vorziehen und Förderprogramm starten

Oldenburg spricht von einem "katastrophalen Agieren des Ministeriums". Das müsse in der Schulabteilung personelle Konsequenzen haben. Das Bildungsministerium sieht das anders. Allerdings räumt Ministerin Martin in einer Mitteilung indirekt Fehler ihres Hause ein. Das neue Kurssystem sei durch zwar "intensive Lehrerfortbildungen" begleitet worden." Offenbar aber war diese Begleitung nicht ausreichend. Die soll in diesem Jahr mit "erheblichen Anstrengungen" und "mit hoher Qualität" laufen, verspricht Martin. Trotz aller Erklärungsversuche: Auch die Ministerin tappt bei den Gründen für das schlechte Mathe-Abitur offenbar noch im Dunkeln. In einer Mitteilung heißt es: "Selbstverständlich müssen wir schnellstmöglich die Ursache für diese Ergebnisse ergründen." Im nächsten Schuljahr soll es für den kommenden Abiturjahrgang eine besondere Matheförderung geben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 31.05.2021 | 07:00 Uhr

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