Ukrainerin Dymova darf vorerst in Neustrelitz bleiben

Stand: 09.08.2021 11:25 Uhr

Die Ukrainerin Elena Dymova darf zunächst weitere drei Monate in Neustrelitz bleiben. Das habe ihr die Ausländerbehörde des Kreises Mecklenburgische Seenplatte am Montag mitgeteilt.

Ausschlaggebend war ihre offenbar gute Integration, vor allem ihre Festanstellung bei einer Pflegeeinrichtung. Dymova hat angekündigt, die Härtelfallkommission des Landes anzurufen, um ein dauerhaftes Bleiberecht zu erwirken.

In der Ukraine "keine Wohnung, keine Freunde, keine Eltern"

Mit ihrer heute 19-jährigen Tochter floh Olena Dymova vor sechs Jahren aus ihrer Heimat im Osten der Ukraine, wo der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine besonders heftig tobte. In Neustrelitz fand sie eine neue Heimat. Sie arbeitet bei einem Pflegedienst - in einer Branche also, die dringend Arbeitskräfte braucht. Ihre Tochter macht eine Ausbildung zur Köchin. Doch trotzdem droht ihr die Abschiebung. In Deutschland hat sie ein Zuhause, in der Ukraine nicht. Das Haus, in dem sie gelebt hat, ist zerstört. "Ich habe dort keine Wohnung, keine Freunde, keine Eltern", sagt sie. Wo sie hingehen würde, wenn sie zurück müsste, weiß sie nicht.

"Ich möchte hierbleiben in Deutschland. Hier ist mein Leben"

Dymovas Chefin, Andrea Lichterfeld, schätzt ihre Mitarbeiterin sehr. Für sie wäre es ein Verlust, wenn ihre Hilfskraft ginge. "Sie arbeitet selbstständig, ist zuverlässig und beliebt bei unseren Klienten und bei den Kollegen." Außerdem sei sie fleißig dabei, ihr Deutsch weiter zu verbessern. Wenn sie die Sprache gut beherrscht, habe Dymova die Möglichkeit, bei dem Pflegedienst eine Ausbildung als Altenpflegerin zu machen, so ihre Chefin. Weil die Anspannung und die Angst so groß sind, ist die Ukrainerin derzeit krankgeschrieben. "Ich habe Angst. Ich habe Stress. Ich möchte hierbleiben in Deutschland. Hier ist mein Leben", sagt sie bei NDR MV Live.

Im ersten Halbjahr 2021 30 Ukrainer aus MV abgeschoben

Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden 30 Ukrainerinnen und Ukrainer aus Mecklenburg-Vorpommern abgeschoben. Gut 770 Menschen aus der Ukraine leben derzeit mit Duldungstatus in Mecklenburg-Vorpommern. Der Nordosten sei neben Bayern das Bundesland, das auf Ukrainer "spezialisiert" sei. Deshalb kämen besonders viele Ukrainer nach Mecklenburg-Vorpommern, so Ulrike Seemann-Katz vom Flüchtlingsrat MV.

Ukraine gilt als sicheres Herkunftsland

Die geplante Abschiebung Dymovas wurde damit begründet, dass die Ukraine kein EU-Mitglied ist und laut Bundesregierung als sicheres Herkunftsland gilt. Das bedeutet, Dymova wird seit Jahren nur geduldet und hat keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Das Bundesamt für Migration entscheidet über den Aufenthaltsstatus. Die Ausländerbehörde des Kreises ist dann die ausführende Gewalt. "Eine Duldung ist der übliche Begriff für die Aussetzung der Abschiebung", sagt der Schweriner Anwalt Joachim Heilborn. Er ist Experte für Ausländer- und Asylrecht. "Das heißt, dass die Ausländerbehörde davon ausgeht, eine Person abschieben zu dürfen, dass sie also kein Aufenthaltsrecht in Deutschland hat. Wenn das aber nicht sofort gemacht werden kann, dann bekommen die Leute eben etwas formalisiert gesagt: Eigentlich muss man ausreisen, man kann auch abgeschoben werden. Das wird aber für eine bestimmte Zeit ausgesetzt."

An der Seenplatte gibt es 600 Menschen mit Duldung

Die Duldung ist gesetzlich geregelt. Es werden verschiedene Gründe angeführt, warum jemand in Deutschland bleiben kann, zum Beispiel, weil er eine Fachkraft ist, oder aus einem Kriegsgebiet kommt. "In der Duldungszeit kann man arbeiten, wenn die Ausländerbehörde eine Beschäftigungserlaubnis erteilt, und eigentlich auch fast normal leben und die Integration vorantreiben", so Heilborn. Jeder Fall ist dann aber eine Einzelfallentscheidung. Über 600 Menschen haben allein im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte eine solche Duldung.

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Olena Dymova (r.) mit ihrer Chefin Andrea Lichterfeld bei der Arbeit in einer Pflegeeinrichtung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 06.08.2021 | 12:00 Uhr

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