Stand: 07.02.2019 17:19 Uhr

Neue Ausstellung in Peenemünde: Krieg oder Raumfahrt?

Eine neue Sonderausstellung im Historisch-Technischen Museum (HTM) Peenemünde nimmt die unterschiedliche öffentliche Wahrnehmung der früheren Heeresversuchsanstalt in der Nachkriegszeit in den Blick. In der Schau "Krieg oder Raumfahrt? Peenemünde in der öffentlichen Erinnerung seit 1945" wird anhand von rund 300 Exponaten - darunter Zeitschriften, Filmausschnitte oder FBI-Akten - gezeigt, wie unterschiedlich Peenemünde in West- und Ostdeutschland, aber auch im Ausland wahrgenommen wurde.

Von Usedom startete die erste Großrakete ins Weltall

Die frühere Heeresversuchanstalt war eines der innovativsten Technologiezentren seiner Zeit: Unter der Leitung des Raketenkonstrukteurs Wernher von Braun, der später maßgeblich am Raumfahrtprogramm der US-Amerikaner mitarbeiten sollte, startete von Usedom 1942 die weltweit erste Großrakete in den Grenzbereich des Weltalls. Das als "V2" bekannte Aggregat 4 brachte vielfachen Tod - unter Zivilisten in den bombardierten Städten wie auch unter den zur Produktion gezwungenen Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen.

"Ein wichtiger Kristallisationspunkt"

"Die Arbeit der Peenemünder Wissenschaftler war aber auch Jahrzehnte nach Kriegsende noch wegweisend für die Raumfahrtforschung", sagt Philip Aumann, Kurator im HTM. Insbesondere zur Zeit des Kalten Krieges, "als die Konkurrenz zwischen Ost und West losging, war das, was in Peenemünde passiert ist, ein wichtiger Kristallisationspunkt, wie man Raumfahrt verstehen soll."

Ambivalente Wahrnehmung in Ost und West

Ambivalent sei auch die Wahrnehmung gewesen, so der Kurator: "Im Westen war es so: 'Schaut! Da ging es los! Wernher von Braun und die anderen Ingenieure: Die sind zu was fähig!'" Im Osten sei es dagegen genau umgekehrt gewesen. Dort habe es geheißen: "Schaut! Die haben für Hitler Waffen gebaut. Die haben Sklaven ausgebeutet. Und jetzt arbeiten die in den USA weiter. Der Westen ist die militaristische Gesellschaft. Da lebt der Faschismus. Wir im Osten sind die friedliche fortschrittliche forschende Gesellschaft."

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Phänomen von Braun: Raketenforscher und Medien-Star

Außerdem widmet sich das HTM der Frage, warum ausgerechnet Wernher von Braun zu dem Gesicht Peenemündes werden konnte. Die Personalisierung des Ortes sei durch die Medien gesteuert worden, sagt Aumann. Von Braun sei schließlich nur einer von mehreren leitenden Ingenieuren gewesen. "Eben diese Darstellung, als hätte er hier alles allein gemacht, das zeigt diese Ausstellung." Dahinter stehe aber nicht nur das Interesse an einer solchen massenmedialen Darstellung, sondern auch "die öffentliche Nachfrage nach diesen großen Genies, die epochalen Fortschritt verwirklicht haben."

Besucher als Teil der inszenierten Erinnerungsgeschichte?

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In der Sonderausstellung werden rund 300 Exponate - darunter Zeitschriften, Filmausschnitte oder FBI-Akten - gezeigt.

Besucher sollen sich selbst in die Ausstellung mit einbringen. Haben sie vielleicht selbst neben der V2 posiert und die Rakete zum lapidaren Selfie-Objekt gemacht? Eine Fotostation bietet die Möglichkeit, eigene Fotos hochzuladen. Die Ausstellung reflektiere damit in Echtzeit, wie Peenemünde heute auf seine Gäste wirkt. "Es geht nicht nur darum, dass die Besucher hier durchgehen, ihre Informationen bekommen und etwas lernen. Sondern es soll sich eben ein jeder klar werden: Ich bin Teil dieser Erinnerungsgeschichte, das Image von Peenemünde wirkt bis heute", so Aumann.

Kooperation mit Braunschweiger Hochschule

Die Sonderausstellung ist das Ergebnis einer Kooperation zwischen dem HTM und jungen Forschern der Technischen Universität Braunschweig. Deren Projekt "Meta-Peenemünde" war durch die Volkswagenstiftung über drei Jahre mit insgesamt 430.000 Euro gefördert worden. Die neue Sonderausstellung ist noch bis Januar 2020 zu besichtigen. Bis 2022 plant das HTM eine Neugestaltung seiner Dauerausstellung. Der Ansatz, die öffentliche Wahrnehmung des Ortes weiter in den Fokus zu nehmen, soll dabei weiter vertieft werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 07.02.2019 | 17:50 Uhr

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