Hype um Clubhouse: Datenschützer besorgt, Politiker skeptisch

Stand: 05.02.2021 18:24 Uhr

Clubhouse ist eine Mischung aus Live-Podcast, Online-Podiumsdiskussion und Telefonkonferenz. Die neue Social-App erlebt in Deutschland aktuell einen Hype. Datenschützer sind alarmiert.

von Anna-Lou Beckmann

Seit rund vier Wochen erlebt die neue Social-App Clubhouse einen Boom. Sie gehört momentan zu den Apps mit den meisten Downloads in Deutschland. Es ist die erste Anwendung dieser Art. Sie basiert ausschließlich auf dem gesprochenen Wort. Textnachrichten, Fotos oder Videos gibt es nicht. Jeder Nutzer kann jederzeit zu jedem Thema einen sogenannten Raum eröffnen. In dieser Art Forum können Nutzer entweder Debatten nur zuhören oder durch ein virtuelles Handheben anzeigen, dass sie sich am Gespräch beteiligen möchten. So kann aus jedem Zuhörer auch ein Sprecher werden.

Clubhouse: Sich mit Promis und Politikern treffen

Manuela Schwesig, Gerhard Schröder, Philipp Amthor, Thomas Gottschalk, Toni Kroos und Dunja Hayali - sie alle und noch viele weitere Prominente sind aktuell regelmäßig in den unterschiedlichen Gesprächsräumen anzutreffen. Das macht den Reiz für die Nutzer aus. Es entsteht täglich spontan die Gelegenheit, mit Menschen in Kontakt zu treten, die sonst nicht greifbar zu sein scheinen. Derzeit sind vor allem Politiker und Journalisten auf Clubhouse unterwegs. Der Hamburger Politikwissenschaftler Bendix Hügelmann warnt vor der Gefahr der Blasenbildung: "Berlin Mitte redet dort überspitzt gesagt seit Wochen mit sich selbst und führt die Diskussionen, die sonst bei Twitter stattfinden, in einer unterschiedlichen Dichte auf Clubhouse weiter."

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Ein exklusiver Club: Nur iOS - kein Android

Wer auf Clubhouse aktiv sein will, der braucht eine Einladung für die App. Die können nur Menschen verschicken, die bereits auf der Plattform sind. So wächst die Community nach dem Schneeballprinzip. Jeder Nutzer hat nur eine begrenzte Anzahl besagter Einladungen. Dadurch versprüht Clubhouse den Charme von Exklusivität und es erhöht den Reiz, dabei sein zu wollen. Das ging soweit, dass in den vergangenen Tagen die Zugänge zur App für 50 Euro das Stück bei Ebay angeboten wurden. Doch nicht jeder mit einer Einladung kann bei Clubhouse mitmachen. Aktuell gibt es die App nur in einer Beta-Version für iOS - also Apple-Geräte. Android-Nutzer gucken bislang die Röhre. Wann es eine Version für Android-Geräte gibt, ist bislang unklar.

Datenschützer sind alarmiert

Um eine Einladung für Clubhouse zu verschicken, müssen Nutzer ihr gesamtes Telefonbuch offenlegen. Datenschützer sehen darin einen Verstoß gegen die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Die Landesdatenschutzbeauftragten haben deshalb einen gemeinsamen Fragenkatalog an die Betreiber geschickt. So wollen sie sich einen Überblick über die Funktionsweisen der App machen. Der Bundesverband der Verbraucherzentrale hat die Betreiber wegen der gravierenden Mängel beim Datenschutz abgemahnt. "Die Sachlage ist auch nicht vollständig geklärt. Wenn jetzt jemand aufgrund der DSGVO klagt, dann würde das tiefer untersucht. Dann hätte man eine Rechtssicherheit", sagt Andreas Noak, Professor für IT-Sicherheit an der Hochschule Stralsund im NDR Interview.

Datenschutz mit Durchsetzungsproblem

Er ist aber davon überzeugt, dass Endnutzer, die ohnehin auf Facebook, Whatsapp und Instagram unterwegs sind, nichts zu befürchten hätten. Ihre Daten lägen ohnehin auf amerikanischen Servern und somit bestehe zumindest keine neue Gefahr. Kritiker bemängeln derweil außerdem, dass die Datenschutzbestimmungen nur auf Englisch vorliegen. Zudem gibt es kein offizielles Impressum. Das verstoße gegen geltendes Recht, so der Bundestagsabgeordnete Philipp Amthor (CDU): "Wir haben häufig das Problem, dass unsere hohen Datenschutzstandards in der Auseinandersetzung mit den großen, nichteuropäischen Digitalkonzernen auf ein Durchsetzungsproblem treffen."

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Debatte um Öffentlichkeit

Laut den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Betreiber ist das Aufzeichnen von Gesprächen verboten. Journalisten, die aus Gesprächen auf Clubhouse in einem ihrer Artikel zitiert haben, wurden teilweise aus dem "Club" wieder rausgeschmissen. "Es ist ja schön und gut, wenn sich ein Unternehmen solche Vertraulichkeits-AGBs schafft, aber die AGBs von Social-Media-Unternehmen stechen natürlich nicht Grundrechte unserer Verfassung wie etwa die Pressefreiheit", so Amthor weiter. Das Mitschneiden der Gespräche ist nur den Betreibern der App erlaubt. Diese geben an, die Mitschnitte nur zu speichern, wenn Nutzer Verstöße gegen die Verhaltensrichtlinien melden. Ob die Aufzeichnungen wirklich gelöscht werden oder wo sie zwischenzeitlich gespeichert werden, ist unklar.

Wird Clubhouse der neue Ort für Diskriminierung?

Während in Deutschland aktuell in der App vor allem politische Debatten und Diskussionen unter Unternehmern geführt werden, ist Clubhouse in den USA mehr durch Unterhaltung geprägt. Oprah Winfrey und Paris Hilton zählen zu den Profilen mit den meisten Followern. Dort wird die App bereits seit kurz nach ihrer Entwicklung im März 2020 genutzt. In der öffentlichen Debatte um Clubhouse geht es in den Staaten derzeit insbesondere um die Fragestellung, wie die Gesprächsräume zukünftig moderiert werden. Es bestehe die Gefahr, dass Clubhouse zur Plattform für Hassreden, Verschwörungstheorien, Sexismus oder Rassismus wird. Das befürchtet auch Bendix Hügelmann: "Es wird spannend, ob sich die Debatten, die aktuell von Respekt geprägt sind, mit steigender Nutzerzahl auch stärker radikalisieren. Der Tonfall wird auf jeden Fall rauer werden und damit muss sich die anfängliche Euphorie rund um die App einem Realitäts-Check unterziehen."

Rolle im Wahlkampf: "Schwer, neue Menschen zu erreichen"

Clubhouse profitiere aktuell davon, dass die Menschen Corona-bedingt Zeit für Diskussionen wie die auf der Plattform hätten, so Experte Hügelmann. In einem Superwahljahr, in dem der klassische Wahlkampf gegen das Abstandsgebot verstößt, könnte die App zu einem interessanten Werkzeug werden. Doch der Hamburger Politikwissenschaftler und -berater ist sich sicher, dass bei Clubhouse wenig für Politiker zu gewinnen ist. "Es ist sehr schwer, neue Menschen zu erreichen." Seine These: Wer einem Politiker auf Clubhouse zuhört, der folgt ihm auch schon bei Facebook oder Instagram. Auch Philipp Amthor möchte im Wahlkampf nicht alles auf die digitale Karte setzen. Für Mecklenburg-Vorpommern brauche es andere Formate und es gehe vor allem darum, vor Ort gut vernetzt zu sein. Philipp da Cunha, der für die SPD im Landtag sitzt, zeigt sich offener: "Ich glaube, als Ergänzung zum Bürgerdialog ist es ganz gut. Wir wissen aber nicht, wie es sich entwickelt. Wenn es weiter sehr eingeschränkt bleibt für gewisse Geräte oder durch die Einladungen, dann wird es nicht das politische Kommunikationsmedium sein, aber wenn es sich öffnet, dann ist es eben sehr einfach an Diskussionen teilzunehmen, zuzuhören und Fragen zu stellen. Das ist eben ein Konzept in dem die Landesregierung oder einzelne Fraktionen unkonventionell antworten können."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 05.02.2021 | 17:10 Uhr

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