Crivitz: Das MediClin Krankenhaus am Crivitzer See. © dpa-Bildfunk Foto: Bernd Wüstneck

Hoffnung auf Geburtsstation in Crivitz schwindet

Stand: 07.05.2021 15:10 Uhr

Einmal dicht, immer dicht? Die Hoffnungen auf eine Wiedereröffnung der Geburtsstation Crivitz schwinden - obwohl die Landes-Politik im Wort steht und Millionen Euro gezahlt hat. Es fehlt ein Partner für den ehrgeizigen Plan.

von Stefan Ludmann, NDR 1 Radio MV Aktuell

Vor zwei Wochen machte die Bürgerinitiative für die Wiedereröffnung der Geburtsstation in Crivitz ihrem Ärger im Landtag Luft. In einer kaum beachteten Anhörung in der Enquête -Kommission zur medizinischen Versorgung in Mecklenburg-Vorpommern gab es deutliche Kritik. Nach fast anderthalb Jahren sei man kein Stück weiter, hieß es. Wenn die Politik zu ihren Worten stehe, müssten jetzt Taten folgen. Die Menschen in der Region hätten Verbindlichkeit verdient. Wenn es trotz der sechs Millionen Euro Landeshilfe beim Aus für die Geburthilfe in Crivitz bleibe, sei nichts erreicht worden. Auf gut Deutsch: Die Leute fühlen sich verschaukelt.

Schwesig weckte Hoffnung

Rückblick: Im Dezember 2019 machte Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) den Menschen, die vor ihrer Staatskanzlei für den Erhalt der Geburtenstation Crivitz demonstrierten, noch Mut. Die Regierungschefin weckte Hoffnungen, als sie meinte, es müsse "nachgebessert" werden. Damals - bei ihrem Auftritt vor der Staatskanzlei - brüskierte Schwesig ihren Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU). Der hatte an gleicher Stelle die Pläne des privaten Krankenhausbetreibers Mediclin unterstützt, die Altersmedizin am Standort Crivitz zu stärken und dafür die Geburtsstation nach Parchim zu verlagern. Ein Dichtmachen der Station "geht auf Kosten der Kinder in unserem Land und da machen wir nicht mit", beschied Schwesig. Nach Schwesigs Intervention konnte Glawe seine Pläne in den Reißwolf stecken.

SPD-Generalsekretär mit Klassenkampf-Rhetorik

Schwesigs SPD brachte auch unter dem Druck der Bürgerinitiative kurze Zeit später einen Landtagsbeschluss durch. "Geburtshilfe sichern", war der überschrieben. Private Krankenhaus-Konzerne wie Mediclin dürften nicht den "Landeszuschuss für Personal und Boni abgreifen", wetterte Schwesigs Vertrauter und SPD-Generalsekretär Julian Barlen im Landtag. Rosinen-Pickerei dürfe es nicht geben, die SPD zeige "klare Kante" für die Region. Barlen garnierte seine Forderung nach einer Zukunft für die Geburtshilfe offenbar ganz bewusst mit einer Rhetorik, die nach Klassenkampf klang.

Land übenahm Altschulden

Es half nicht viel, die Sache kam ins Rutschen: Die Schließung der Geburtsstation wurde nur aufgeschoben, statt zum 31. Dezember 2019 machte die Abteilung zum 30. Juni 2020 dicht. Begleitet war das von allerlei Krisengesprächen zwischen Kreis, Land und Klinikbetreiber. Zu Jahresbeginn 2021 schließlich übernahm der Landkreis Ludwigslust-Parchim die Klinik und kaufte Mediclin die chronisch im Minus steckende Crivitzer Klinik ab. Die auch von Schwesig unterstützte Rekommunalisierung war perfekt. Das Land hatte den Kauf per Kabinettsbeschluss 116/20 mit sechs Millionen Euro abgesichert. Damit sollten die Altschulden des bisherigen Trägers gezahlt werden. Der hatte in den Jahren zuvor schon knapp 25 Millionen Euro Fördermittel bekommen und konnte die Defizite damit trotzdem nicht ausgleichen.

Helios Schwerin einziger Bewerber

Doch auch nach dem Kauf tut sich nicht viel. Jetzt hat der Landkreis die Sache "an der Backe", heißt es aus der Landespolitik. Doch Landrat Stefan Sternberg (SPD) fehlt noch immer ein kompetenter Partner. Sternberg sucht seit Monaten einen privaten Krankenhaus-Konzern, der in Crivitz mit einstiegt und 49 Prozent der Anteile an dem - nun kommunalen - Krankenhaus übernimmt. Denn allein wäre die Kommune wirtschaftlich schnell überfordert. Der neue Krankenhaus-Geschäftsführer, der Schweriner Rechtsanwalt Heiko Grunow, bemüht sich redlich, die Klinik mit ihren rund 170 Beschäftigten auf Kurs zu halten. Der Betrieb eines Krankenhauses, gerade mit Geburtenstation, ist finanziell ein Abenteuer. Für den alten Betreiber - Mediclin - war es ein Verlustgeschäft. Der Kreis hatte das Einstiegs-Angebot europaweit ausgeschrieben. Beworben hat sich im vergangenen November nur einer von "nebenan" - die Helios-Kliniken aus Schwerin würden wohl einsteigen.

Crivitz ohne Kinderklinik

Allerdings: Die Helios-Spitze um Franzel Simon und Olaf Kannt erteilt eine Wiedereröffnung der Geburtsstation in der Kleinstadt 20 Kilometer östlich von Schwerin eine klare Absage. Medizinisch ergebe das keinen Sinn, vor allem, wenn es - wie in Crivitz - keine Kinderklinik gebe. Es gehe um Qualität und um sichere Geburten, das Fallaufkommen an Geburten sei zu gering. Darauf hat zuletzt auch ein Gutachten zur medizinischen Versorgung in Mecklenburg-Vorpommern hingewiesen - und vorhergesagt, dass weitere Geburtsstationen im Land schließen werden. Die Helios-Chefs meinen außerdem, die Klinik in Schwerin sei nicht weit entfernt, ein gutes und erreichbares Angebot bestehe schon jetzt. Das heißt: Wenn Helios einsteigt, wird es in Crivitz wohl nur eine ambulante Versorgung geben, aber keine echte Geburtsstation wie sie es einmal gab.

Geburtsstation nur noch "wünschenswert"

Der Kreis verhandelt weiter. Bis Ende September - also möglicherweise erst nach der Landtagswahl - soll der Kreistag eine Entscheidung treffen. Mittlerweile spricht auch Ministerpräsidentin Schwesig nur noch von einem Modellprojekt für "ein Angebot von Geburtshilfe". Auch aus der Kreisverwaltung heißt es inzwischen nur noch, die Wiedereinrichtung einer Geburtsstation in Crivitz wäre "wünschenswert". Somit ist das Hochfahren des Kreißsaals offenbar keine Bedingung in den Verhandlungen mit Helios. Die Versprechungen aus dem Dezember 2019 wiederholt niemand mehr.

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