Stand: 03.01.2020 16:13 Uhr

Gutachten: Leonie starb durch Gewalt gegen den Kopf

Der angeklagte Stiefvater der gewaltsam zu Tode gekommenen Leonie verdeckt im Prozess in Neubrandenburg sein Gesicht. © dpa-Bildfunk Foto: Bernd Wüstneck
Dem 28 Jahre alten Stiefvater wird Mord durch Unterlassen und Misshandlung von Schutzbefohlenen vorgeworfen. (Archivbild)

Die sechsjährige Leonie aus Torgelow (Landkreis Vorpommern-Greifswald) ist an den Folgen einer "massiven Gewalteinwirkung gegen den Kopf" gestorben. Diese lasse sich nicht mit einem angeblichen Treppensturz des Mädchens erklären, wie es der angeklagte Stiefvater getan hat. Das sagte eine Rechtsmedizinerin am Freitag im Leonie-Prozess am Landgericht Neubrandenburg. Durch die Gewalt - möglicherweise waren es Schläge oder Tritte gegen den Kopf - seien zunächst Blutgefäße am Gehirn abgerissen. Dieses Hirnbluten habe zusammen mit Entzündungen an der Lunge, an den Rippen und der Blutarmut Leonies zum Tode geführt. "Es war ein langsamer Sterbeprozess", sagte die Gutachterin.

Viele Verletzungen durch stumpfe Gewalt

Laut Aussage der Gutachterin starb Leonie erst kurz bevor die Rettungskräfte in der gemeinsamen Wohnung des Stiefvaters und der Mutter in Torgelow am Abend des 12. Januars 2019 eintrafen - und nicht schon Stunden früher, wie es ein Notarzt als Zeuge ausgesagt hatte. Die Rechtsmedizinerin stellte zudem klar, dass Leonie "Chancen gehabt hätte, wenn die Mutter und der Stiefvater früher Hilfe geholt hätten". Es sei aber nicht klar, ob und mit welchen Schädigungen das Kind bei rechtzeitiger Hilfe das Hirnbluten überlebt hätte. Denn Leonie habe eine erstaunliche Vielzahl von älteren Verletzungen gehabt, die anscheinend medizinisch nicht versorgt wurden.

Leonies leiblicher Vater bricht zusammen

Die Schilderungen der Gutachterin waren für die Anwesenden nur schwer zu ertragen. Leonies leiblicher Vater, der Nebenkläger im Prozess ist, musste mit Zitter- und Krampfanfällen aus dem Gerichtssaal geführt werden. Für ihn war die Befragung der Gutachterin offensichtlich zu belastend.

Auch Leonies Bruder misshandelt

Auch der damals zwei Jahre alte Bruder Leonies war nach Darstellung der Rechtsmedizinerin massiver Gewalt ausgesetzt. Er hatte unter anderem einen nicht behandelten Kieferbruch, Hämatome unterhalb der Kopfhaut, gebrochene Rippen, frische Verletzungen an den Lippen und eine Brandverletzung am Ohr. Außerdem konnten Schmerzmittel in sehr hoher Dosierung bei dem Jungen über eine Haaranalyse nachgewiesen werden. Bei einem dritten Kind gab es keine Auffälligkeiten.

Mutter belastet Angeklagten: "Spirale der Gewalt"

Der Angeklagte hatte an einem früheren Prozesstag Misshandlungen des Mädchens in einer schriftlichen Erklärung bestritten. Nach seinen Angaben war das Mädchen eine Treppe im Hausflur hinuntergestürzt und später gestorben. Die Mutter von Leonie hatte den Angeklagten als Zeugin vor Gericht hinter verschlossenen Türen stark belastet und von einer "Spirale der Gewalt" in der Familie gesprochen.

Angeklagter angeblich voll schuldfähig

Ein psychiatrischer Gutachter beschrieb den Angeklagten als "nicht drogenabhängig" und psychisch nicht auffällig. Es bestehe keine verminderte Schuldfähigkeit bei dem 28-Jährigen, der die Förderschule ohne Abschluss beendet habe, aber schon früh selbstständig gewesen sei. Am kommenden Montag sollen die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung ihre Plädoyers halten. Das Urteil wird voraussichtlich am nächsten Donnerstag verkündet.

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NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 03.01.2020 | 12:00 Uhr

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