Die Baustelle der Fehmarnbeltquerung. © picture alliance / dpa Foto: Markus Scholz

Fehmarnbelt-Tunnel kann kommen - MV könnte Nachsehen haben

Stand: 03.11.2020 19:05 Uhr

Der umstrittene Fehmarnbelt-Tunnel kann gebaut werden. Das Bundesverwaltungsgericht hat sechs Klagen von Projektgegnern abgewiesen.

von Martin Möller, NDR Nordmagazin

Der Traum ist alt. Schon im ersten Entwurf des dänisches Autobahnnetzes im Jahre 1937 ist zwischen Lolland und Fehmarn eine feste Verbindung eingezeichnet. Sie soll einen grenzenlosen Wirtschaftsraum schaffen, der von Westmecklenburg und Hamburg über Lübeck, Ostholstein bis zu den Inseln Lolland, Falster und sogar nach Kopenhagen reicht.

VIDEO: Fehmarnbelttunnel: Hat er Auswirkungen auf MV? (4 Min)

Für die Gegner ist der geplante Tunnel hingegen ein Umweltskandal, durch den Riffe zerstört und Schweinswale vertrieben werden. Der Bau des längsten Absenktunnels der Welt und der damit verbundene Sedimenttransport könnte die Unterwasserwelt bis in die Mecklenburger Bucht hinein nachhaltig schädigen, so ein Hauptargument der Kritiker. Fähren seien zwar deutlich langsamer, aber sie brauchen keine neue Infrastruktur.

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Das Bild zeigt ein Modell der Einfahrt in den geplanten Fehmarnbelttunnel. © Femern A/S

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Gericht weist Klagen ab

Private Fährgesellschaften wie Scandlines und Stena Line wiederum befürchteten staatliche Konkurrenz. Auch dieses Argument ließ das Gericht nicht gelten. Damit kann das umstrittene Milliardenprojekt zunächst zwischen beiden Küsten gebaut werden. Der Planfeststellungsbeschluss habe der Überprüfung standgehalten, sagte der Vorsitzende Richter Wolfgang Bier am Dienstag bei der Urteilsbegründung in Leipzig

Dänemark forciert das Projekt

Bislang haben vor allem die Dänen das Projekt vorangetrieben. Dort herrscht bereits seit 2015 Baurecht. Dänemark will die Kosten für den 18 Kilometer langen Tunnel komplett schultern und durch eine Maut refinanzieren. Deutschland hat sich 2008 per Staatsvertrag verpflichtet, die Straßen- und Schienenanbindung auf seiner Seite sicherzustellen. Das Gesamtprojekt wird wohl gut 10 Milliarden Euro kosten, also fünfmal mehr als die Küstenautobahn A20 in Mecklenburg-Vorpommern.

Bahnverbindung Berlin-Schwerin-Kopenhagen denkbar

An der Südküste Lollands wird gerade ein Arbeitshafen und die Fabrik für die Tunnelelemente errichtet. Hunderte Bauarbeiter sind schon in Lohn und Brot. Es ist die größte Baustelle des Königreiches. Die Hochgeschwindigkeitsbahntrasse von Kopenhagen zur Insel Lolland ist ebenfalls im Bau und voraussichtlich in drei Jahren fertig. 

Ab Januar 2021 soll bereits angefangen werden, das nördliche Tunnelportal zu errichteten. Im Süden, auf deutscher Seite, wird hingegen noch um die neu zu bauenden 50 Kilometer Bahntrasse in Ostholstein gestritten. Es geht um Linienführungen, Lärmschutz und Ausgleichsflächen. Zur erweiterten Hinterlandanbindung gehört auch die Strecke Schwerin-Lübeck. Sie soll eingleisig ausgebaut, elektrifiziert sowie die maximale Geschwindigkeit auf 160 km/h angehoben werden. Nach Fertigstellung des Tunnels wären theoretisch direkte Züge von Berlin über Schwerin nach Kopenhagen denkbar.

Scandlines-Fähren fahren weiter

Mecklenburg-Vorpommerns Verkehrsminister Christian Pegel (SPD) sieht für den Westen des Landes wirtschaftliche Vorteile. Für Ostseehäfen hingegen befürchtet der Sozialdemokrat erhebliche negative Auswirkungen. "Es wird darauf ankommen, dass die EU-Kommission eine ernsthafte wettbewerbliche Kontrolle gewährleistet, damit die Tunnelmaut auch den tatsächlichen Kosten entspreche und nicht subventioniert wird," so Pegel.  

Die Reederei Scandlines will erstmal die schriftliche Begründung des Urteils abwarten. Das private Unternehmen, dass die Fährverbindungen Puttgarden-Rødby und Rostock-Gedser betreibt, will den Fährverkehr auf beiden Routen aufrecht halten. "Besonders die Verbindung Rostock-Gedser ist auch mit Fehmarnbelt-Tunnel weiter attraktiv, weil sie die schnellste und kürzeste Verbindung von Berlin nach Skandinavien ist", so Scandlines-Sprecherin Anette Ustrup Svendsen. "Auf den Fähren können Lkw-Fahrer essen, duschen und Pause machen."

Rostock fordert Kompensation

Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen freut sich grundsätzlich über den deutsch-dänischen Tunnel. "Es ist gut, wenn Europa zusammenwächst, aber die Verbindung wird auch negative Konsequenzen für Rostock haben". Deshalb fordert der gebürtige Däne Kompensation für seine Stadt. Der Seehafen muss laut Madsen besser an den Schienenverkehr angebunden werden. Außerdem fordert er, dass der Bund hilft, den Warnow-Tunnel in öffentliche Hände zu bekommen, um ihn künftig mautfrei betreiben zu können.

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Das Bild zeigt ein Modell der Einfahrt in den geplanten Fehmarnbelttunnel. © Femern A/S

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Fertigstellung 2029 geplant

In Schweden und Dänemark sind besonders die staatlichen Verkehrsplaner erleichtert. Beide Länder investieren Milliarden, um den Güterfernverkehr zurück auf die Schiene zu bekommen. Als Bindeglied zwischen Mitteleuropa und Skandinavien spielt der Fehmarnbelt-Tunnel dabei eine entscheidende Rolle. Durch ihn sollen künftig Züge rollen, die Stockholm und Kopenhagen mit Hamburg und Berlin verbinden. Wann das wirklich soweit ist, bleibt aber unsicher.

MV könnte das Nachsehen haben

Sicher hingegen ist, dass der Fehmarnbelt-Tunnel die Verkehrsströme rund um die westliche Ostsee neu sortiert. Verlierer ist Mecklenburg-Vorpommern. Denn in der Vergangenheit lief der Güter- und der Zugverkehr aus dem Süden auf kürzestem Weg über Rostock und Sassnitz auf Rügen nach Skandinavien. Künftig werden viele Güter und Personen wohl einen großen Bogen um den Nordosten Deutschlands machen.

Technischer Exkurs:

Das 18 Kilometer lange Bauwerk wäre der längste Absenktunnel der Welt. Das Bauprinzip gleicht dem des Rostocker Warnow-Tunnels. Die in Rødby an Land vorgefertigten 89 Tunnel-Elemente werden im Stück über den eigenen Arbeitshafen per Schlepper auf die Ostsee gezogen und dort in einen vorbereiteten Graben am Meeresboden abgesenkt. Danach werden sie unter Wasser miteinander verbunden, leer gepumpt und mit Sand abgedeckt.

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Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 22.09.2020 | 19:30 Uhr

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