Avatare ermöglichen Schulbesuch für schwerkranke Kinder

Endlich wieder am Unterricht teilnehmen, die Klassenkameraden sehen, an Gruppenarbeiten teilnehmen und sich mit den Lehrern austauschen. Schulroboter, sogenannte Avatare, machen das für zwei schwerkranke Jungs aus Zinnowitz möglich.

von Weronika Golletz

Aufstehen, frühstücken, Rucksack schnappen und ab zur Schule – für die meisten Schüler ein normaler Start in den Tag. Doch für Noah und Gabriel Nsaka aus Zinnowitz ist das nicht möglich. Denn die beiden Brüder leiden am Chronischen Fatigue Syndrom, einer seltenen Autoimmunerkrankung, und können dadurch nicht in die Schule gehen. Und das schon seit über zwei Jahren. Dank zweier Schulroboter können die beiden seit Kurzem aber von Zuhause aus wieder aktiv am Schulunterricht teilnehmen.

"Ein Segen für die beiden Jungs"

Die beiden sogenannten Avatare sind stellvertretend für die beiden Jungs auf den Schulfluren und in den Unterrichtsräumen unterwegs. So können Noah und Gabriel alles sehen und hören und auch selbst wieder gesehen und gehört werden. Gesteuert werden die Roboter von Zuhause aus über den Laptop. Die Neuntklässler sind die ersten in ganz Mecklenburg-Vorpommern, die mithilfe von Schulrobotern wieder in den Unterricht zurückkehren können. Bei den Robotern handelt es sich um Tablets, die auf einer Stange angebracht sind. Diese sitzt auf einem zylinderförmigen Kasten, in dem sich der Motor befindet und links und rechts sind die Rollen dran. Mit diesen können Noah und Gabriel durch die Schulflure rollen, den Unterricht über die Kamera verfolgen und auch selbst wieder ihren Beitrag zum Unterricht einbringen.

Auch Gruppenarbeiten oder der direkte Austausch mit Schülern und Lehrern ist wieder möglich. Denn sie sind selbst auf den Bildschirmen zu sehen und zu hören. "Die Avatare sind einfach ein Segen für die Klasse und für die beiden Jungs, so dass sie endlich mal wieder am Klassenleben teilhaben können", sagt Marianne von Diest, Deutschlehrerin an der Ostseeschule Ückeritz. Sie kennt Noah und Gabriel bereits seit der fünften Klasse und musste beobachten, wie die beiden über die Jahre immer seltener zu Schule kamen und dann gar nicht mehr. Der Musiklehrer Philipp Fietz arbeitet erst knapp über ein Jahr an der Schule und hat die Jungs erst durch die Avatare überhaupt das erste Mal zu Gesicht bekommen. Bis dato hat er mit ihnen nur geschrieben. In die Wege geleitet wurde das Ganze von Peter Biedenweg, dem Schulleiter der Ostseeschule. Mehrere Jahre hat er sich dafür eingesetzt, mit Firmen gesprochen und so versucht die Schulroboter zu organisieren.

Finanzielle Unterstützung durch einen Verein aus Berlin

Nach mehreren Zu- und dann wieder Absagen verschiedener Firmen kam der Verein Kolibri ins Spiel. Der Verein aus Berlin setzt sich für schwerstkranke Kinder und deren Familien ein und hilft mit Sachspenden, finanzieller Unterstützung, professioneller Beratung oder erfüllt Herzenswünsche. Als der Vereinsvorsitzende Andreas Landgraf telefonisch von Noah und Gabriel erfuhr, stand für ihn sofort fest: Wir wollen helfen. Denn die Avatare kosten pro Stück 4.500 Euro und das konnten sich die Eltern der Jungs nicht leisten. Aktuell werden solche Schulroboter nämlich weder über die Krankenkassen noch über das Bildungsministerium gefördert.

Auf Nachfrage beim Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen heißt es, dass nur Hilfsmittel in Anspruch genommen werden können, die im Hilfsmittelverzeichnis aufgeführt sind. Um in dieses Verzeichnis aufgenommen zu werden, müssen Hersteller einen Antrag für das Produkt stellen und die Funktionstauglichkeit, Qualität und gegebenenfalls den medizinischen beziehungsweise pflegerischen Nutzen des Hilfsmittels nachweisen. Bisher sei das nicht geschehen. Der Einsatz derartiger Produkte scheine sich noch in einem anfänglichen Erprobungsstadium zu befinden. Noah und Gabriel dürfen dank des tatkräftigen Engagements ihres Schulleiters bereits jetzt mit ihren Schulrobotern über die Schulflure rollen - und gewinnen dadurch wieder ein Stück Normalität zurück.

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