Stand: 18.09.2012 18:26 Uhr

Tiere als Opfer der Windenergie

von Florian Wöhrle
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In Nord- und Ostsee sollen über 2.000 Windräder in den Meeresboden gerammt werden.

Die fast 30 geplanten Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee sind aber nicht in erster Linie wegen ihrer Rotorblätter gefährlich, sondern vor allem wegen ihrer Pfeiler, die in den Meeresboden gerammt werden. Für das Installieren eines einzigen Pfahls werden 2.000 bis 3.000 Schläge gebraucht, die unter Wasser einen Schalldruckpegel von jeweils bis zu 235 Dezibel verursachen und damit zur Gefahr vor allem für die Säugetiere des Meeres werden.

Besonders empfindlich gegen Lärm ist die einzige hier heimische Walart, der Schweinswal. Eine dänische Studie ergab, dass sein Gehör bereits ab einer Lautstärke von 160 Dezibel Schaden nimmt. Bei lauterem Lärm kommt es offenbar zu Orientierungsschwierigkeiten bei den auf akustische Signale angewiesenen Säugern. Unmittelbar an einer lauten Rammstelle ist sogar mit schweren Verletzungen zu rechnen.

Schweinswale fliehen

Ob die zuletzt hohe Zahl angeschwemmter Schweinswale mit dem Ausbau der Windparks zu tun hat, bleibt offen. Die Kadaver würden aus Kostengründen nicht genauer untersucht, sagt Ursula Siebert vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung in Büsum (Schleswig-Holstein).

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Die kleinen Schweinswale sind besonders auf ein intaktes Gehör angewiesen.

Untersuchungen belegen, dass Schweinswale während der schallintensiven Bauarbeiten das Areal weiträumig bis auf 20 Kilometer Entfernung meiden. Umweltschützer befürchten, dass große Ausweichbewegungen die Entwicklung der Art negativ beeinflussen könnten. So lebt etwa in der Ostsee eine Schweinswal-Population von nur noch maximal 600 Tieren, deren Existenz bedroht ist. Auch Kegelrobben und Seehunde in der Deutschen Bucht sind durch den Unterwasser-Krach gefährdet.

Niederlande: Baustopp für die Fischbrut

Auswirkungen des Baulärms auf andere Wassertiere sind bisher nur schlecht oder gar nicht erforscht. In den Niederlanden scheint man teilweise einen Schritt weiter zu sein: Dort dürfen zu bestimmten Zeiten des Jahres keine Pfeiler in den Meeresboden gerammt werden, weil man um die Fischbrut fürchtet, die als Nahrung für bedrohte Vögel dient.

An der deutschen Küste versuchen Ämter, Naturschützer und Firmen, das Lärm-Problem mit Ingenieurskunst zu beheben. Um die vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie geforderten Grenzwert von 160 Dezibel einzuhalten, werden die Rammarbeiten durch einen Lärmschutzwall aus Luftblasen isoliert, die von einem Druckschlauch auf dem Meeresboden gespeist werden.

Vibrieren statt Rammen?

Auch vielversprechend ist die sogenannte Kofferdamm-Methode, die 2011 in Dänemark getestet wurde. Dazu wird der einzurammende Pfeiler ummantelt, um die entstehende Luftschicht als Schalldämpfer zu nutzen. Noch besser wäre es allerdings, auf das laute Rammen ganz zu verzichten und stattdessen auf eine leisere Methode zu setzen: das sogenannte Einvibrieren. Hierzu gab es bereits eine hoffnungsvoll stimmende Machbarkeitsstudie.

Doch trotz der Lärmprobleme könnten sich die Offshore-Windparks insgesamt auch positiv auf die marine Tierwelt auswirken: Eine Untersuchung an Deutschlands erstem Offshore-Windpark "Alpha Ventus" ergab, dass die Fundamente der Windräder von Muscheln, Samtkrabbe und Taschenkrebs besiedelt werden - teilweise mit einem tausendfach erhöhten Vorkommen. Auch für die Fischbestände könnte der Offshore-Boom ein Segen sein: Mit dem Ausbau der Windparks verspricht der Fischereidruck nachzulassen.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 06.12.2016 | 21:15 Uhr