Stand: 05.07.2020 00:00 Uhr

Kommentar: Keine Angst vor der zweiten Welle

Auch wenn Deutschland noch weit von einer Normalität entfernt ist - die Lockerungen der Beschränkungen in der Corona-Krise haben den Alltag der meisten Menschen deutlich angenehmer gemacht. Gleichzeitig besteht jedoch weiterhin die Angst vor einer zweiten Corona-Welle.

Ein Kommentar von Lars Haider, Chefredakteur vom "Hamburger Abendblatt"

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Wir brauchen keine panischen, fatalistischen Prognosen, meint Lars Haider in seinem Kommentar.

Wenn die alte Weisheit stimmt, dass angekündigte Katastrophen ausbleiben, müssen wir uns in Deutschland über eine zweite Corona-Welle keine Sorgen mehr machen. Seit Monaten warnen Experten, echte und vermeintliche, davor: Erst hieß es, die zweite Welle könnte angesichts der Lockerungsmaßnahmen schon im Juni kommen, inzwischen ist sie auf den Herbst verschoben worden, vielleicht wird es aber auch August, wenn die Schulen ihren Normalbetrieb wieder aufnehmen.

Man weiß es nicht so genau, aber das schreckt die Mahner und Verkünder nicht davon ab, immer und immer wieder von der zweiten Welle zu sprechen. Da kann die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland noch so niedrig sein, der R-Wert unter 0,6 sinken und selbst ein großer Ausbruch wie in Gütersloh eingedämmt werden: Alles nur Momentaufnahmen, denkt an die zweite Welle!

Nichts Genaues weiß man nicht

Die Angst davor ist sprichwörtlich geworden, kein Tag vergeht, an dem man nicht in irgendeiner Zeitung eine entsprechende Überschrift, im Radio ein Zitat dazu findet. Ich finde das unsäglich. Denn niemand kann sagen, ob es überhaupt eine zweite Welle geben wird.

Noch wichtiger: Was heißt Welle in einer Zeit, in der es etwa im Norden pro Tag niedrige zweistellige Zahlen bei neuentdeckten Fällen gibt? Je kleiner der Ausgangswert ist, desto größer fällt im Zweifel auch der Ausschlag nach oben aus. Heute zwei Neuinfektionen, morgen elf - das hört sich nach einer gewaltigen Steigerung an, ist es aber gar nicht. In Südkorea etwa wird seit Mitte Mai von einer zweiten Welle gesprochen, weil die Zahl der Infizierten zwischen 13 und 56 am Tag liegt, und nicht wie zuvor bei 2, 3 oder 8.

Dem unsichtbaren Gegner nicht schutzlos gegenüberstehen

Will sagen: Von dem, was man beim Ausbruch der Corona-Pandemie erlebt hat, ist man in Südkorea bei der sogenannten zweiten Welle weit entfernt - und würde es auch in Deutschland im Falle eines Falles sein. Denn während das Virus bei seiner Premiere auf einen komplett unvorbereiteten Staat und ahnungslose Bürger getroffen ist, und es entsprechend leicht hatte, muss es nun selbst um sein Überleben kämpfen: gegen Menschen, die Abstand halten, Masken tragen und Hände waschen; gegen Krankenhäuser, die ihre Behandlungskapazitäten schnell hochfahren können; gegen Gesundheitsämter, die testen und nachverfolgen, als hätten sie nie etwas anderes gemacht.

Wer von der Gefahr der zweiten Welle spricht, vergisst, was und wie schnell wir aus der ersten - die im Übrigen bei Weitem nicht so gewaltig war, wie einige das angenommen hatten - gelernt haben. Wir stehen dem unsichtbaren Gegner nicht mehr schutzlos und unvorbereitet gegenüber, wir wissen, was zu tun ist. Und deshalb kann es zweite, dritte, vierte, fünfte Wellen geben, wobei es wohl eher um lokale Ausbrüche wie in Gütersloh gehen wird, aber: Mit dem, was wir im März erlebt haben, werden sie nicht mehr zu vergleichen sein, bundesweites Herunterfahren eingeschlossen.

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Im Kampf gegen das Virus viel erreicht

Wer das Gegenteil behauptet, wer das Bild einer zweiten Welle malt, die Deutschland endgültig in den Abgrund ziehen wird, tut das vielleicht in der Absicht, die Wachsamkeit der Bürger hoch zu halten - das wäre immerhin ein Grund, den man noch verstehen könnte. Wer aber wider besseren Wissens Angst erzeugt, um vielleicht selbst im Gespräch oder in den Schlagzeilen zu bleiben, oder gar nur, um am Ende irgendwie Recht zu haben, so nach dem Motto: "Ich habe es ja immer gesagt!", der schadet dem Kampf gegen das Virus.

In der Phase der Pandemie, in der wir uns jetzt befinden, brauchen wir keine panischen, ja fatalistischen Prognosen, sondern die Erkenntnis, dass wir selbst es in der Hand haben, wie wir durch die Krise kommen. Wir sind dem Virus nicht ausgeliefert, wir haben im Kampf dagegen so viel erreicht, dass andere Länder neidisch auf uns blicken.

Wir haben die Dauerwelle gut im Griff

Angst, sagen Politiker gern, sei ein schlechter Ratgeber. Doch genau darauf setzen die, die die Diskussion um Corona auf die zweite Welle verengen. Dabei wissen wir doch inzwischen, dass es ein großer Fehler wäre, bei der Bekämpfung der Pandemie in Wellen zu denken. Denn erstens wird das Virus gar nicht, wie man lange gedacht hat, flächendeckend von sehr vielen, sondern nur von einigen wenigen (von denen aber heftig) übertragen. Und zweitens ist das Bewusstsein entscheidend, dass Corona immer gefährlich ist, selbst wenn es nicht so scheint.

Um es mit den Worten des Virologen Hendrik Streeck von der Uni Bonn zu sagen: "Ich glaube nicht an eine zweite oder dritte Welle. Wir sind in einer Dauerwelle, die immer hoch- und runtergeht."  Und die wir zum Glück echt gut im Griff haben!

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 05.07.2020 | 09:25 Uhr