Stand: 18.12.2022 06:00 Uhr

Kommentar: Den Krieg gewinnen - oder den Frieden?

Auch kurz vor Weihnachten gibt es keine Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges in der Ukraine. Russland setzt seine Angriffe auf Infrastruktur und Energieversorgung der Ukraine fort. Gerade vor Weihnachten aber müsse wieder verstärkt nach Möglichkeiten für einen Frieden gesucht werden, meint unser Gast-Autor im NDR Info Wochenkommentar.

Ein Kommentar von Heribert Prantl, Kolumnist und Autor der "Süddeutschen Zeitung"

Porträtbild des Journalisten Heribert Prantl. © picture alliance / Sven Simon Foto:  Anke Waelischmiller/SVEN SIMON
Moskau gehört zu Europa wie Mariupol, München, Mailand, Marseille und Madrid, meint Heribert Prantl.

Es wird bald Weihnachten. Und der liebste Satz in der Weihnachtsbotschaft ist mir der vom Frieden: "Friede den Menschen auf Erden". In diesem Jahr, im Jahr des Ukraine-Kriegs, ist er mir besonders wichtig: Der Frieden war schon lang nicht mehr so weit weg und der Krieg war schon lang nicht mehr so nah. Es ist, in Politik und Gesellschaft, wenig, es ist viel zu wenig vom Frieden die Rede. Er wird nicht vom Himmel fallen, auch nicht an Weihnachten. Man kann ihn sich nicht erbomben.

Es ist zu wenig vom Frieden die Rede. Die Rede ist von Waffenlieferungen, von immer noch mehr Waffenlieferungen. Die Rede ist auch, in unterschiedlichen Betonungen, vom Gewinnen und vom Verlieren. Annette Kurschus, die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, hat dazu Wichtiges gesagt: "Das Einzige, was gewonnen werden kann und wiedergewonnen werden muss, ist der Friede."

Und dieser Friede ist mehr als ein Waffenstillstand. Es ist auch mehr als ein Ende der bewaffneten Auseinandersetzungen. Aber nicht einmal über einen Waffenstillstand wird verhandelt. Es wird gar nicht verhandelt. Es wird gebombt und erobert, es wird geschossen und zurückerobert, es wird getötet und gelitten. Es sei nicht die Zeit zum Reden, sondern zum Handeln, heißt es. Aber auch das Reden ist ein Handeln. Natürlich muss die Ukraine sich gegen Putins Aggression verteidigen. Natürlich soll der Ukraine dabei Nothilfe geleistet werden. Aber die Nothilfe darf nicht zum Nothilfeexzess werden, bei dem die letzten Dinge schlimmer sind als die ersten. Das wäre der Fall, wenn sie auf einen Kriegseintritt der NATO hinauslaufen. Das wäre auch der Fall, wenn in all der berechtigten Empörung über Putin eine Grunderkenntnis verloren geht. Diese Grunderkenntnis lautet: Ein vereinigtes Europa in Frieden ist nur mit Russland, nicht gegen Russland möglich. Warum ist das so? It’s geography, stupid! Das ist Erdkunde, Dummkopf!

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj besucht die Großstadt Cherson im Süden des Landes. © Uncredited/Ukrainian Presidential Press Office/dpa
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Die EU ist mehr als die Summe ihrer Fehler

Dieses vereinigte Europa, dieses Europa der EU, wurde gebaut aus überwundenen Erbfeindschafen, es ist die späte Verwirklichung so vieler Friedensschlüsse, die den Frieden dann doch nicht gebracht haben. Die Europäischen Verträge sind die Ehe- und Erbverträge ehemaliger Feinde. Das ist das Große, das man in den Querelen des Alltags der EU nicht vergessen darf. Die EU ist mehr, viel mehr als die Summe ihrer Fehler. Die Europäische Union hat, das ist ihr welthistorisches Verdienst, die alten Feinde, die Feinde von gestern und vorgestern versöhnt. Es muss nun die Feinde von heute entfeinden.

Moskau gehört zu Europa wie Mariupol, München, Mailand, Marseille und Madrid. Dieses Madrid gehörte auch zur Zeit der Franco-Diktatur zu Europa; und die Strahlkraft des demokratischen Europa hat dazu beigetragen, diese Diktatur zu überwinden. Das macht mir Hoffnung. Diese Hoffnung will ich mir nicht nehmen lassen - nicht von Putin und nicht von denen, die Russland demütigen wollen.

Vor gut 60 Jahren, in der Kuba-Krise, war die Welt am Rande eines Atomkriegs. Der russische Machthaber Nikita Chruschtschow war ein Realist, der seinem Politbüro den Raketenabzug auf Kuba wie folgt erläuterte: "Jeder Trottel kann einen Krieg anfangen, und wenn er ihn einmal gemacht hat, sind selbst die Klügsten hilflos, ihn zu beenden - besonders wenn es ein atomarer Krieg ist." Der Satz liest sich wie ein posthumer Kommentar Chruschtschows über seinen Nachfolger Putin. Und der US-Präsident John F. Kennedy wird mit einem Satz zitiert, der seine Lehre aus der Kuba-Krise darstellt: Die Führer von Nuklearmächten dürften sich nicht in eine Lage bringen, "dass es nur noch die Wahl zwischen Demütigung und Atomkrieg gibt".

Wege zum Frieden in atomaren Zeiten

Man wünscht sich heute so viel Realismus und Beherrschtheit, wie ihn die Protagonisten damals hatten. Man wünscht sich, dass anstelle der kommunikativen Brandbeschleunigung, die die Gegenwart kennzeichnet, eine kommunikative Beschleunigung von Friedensbemühungen tritt. Man wünscht sich, dass es heute Diplomaten gibt wie Alvise Contarini, der als "weltweiser Venezianer", wie ihn Golo Mann nannte, mit mühseligsten Verhandlungen den Dreißigjährigen Krieg beendete. Der Westfälische Friede von 1648 gilt als sein Werk. Im kommenden Jahr 2023 begehen wir dessen 375. Jubiläum.

Hugo Grotius, der Vater des Völkerrechts, hat vor bald 400 Jahren die berühmten drei Bücher vom Krieg und vom Frieden geschrieben: "De Jure Belli Ac Pacis Libri Tres", sie haben den Westfälischen Frieden vorbereitet. Wir brauchen heute einen neuen Hugo Grotius, wir brauchen heute ein viertes Buch; darin müssen die Wege zum Frieden in atomaren Zeiten beschrieben sein. Friede den Menschen auf Erden.

 

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 18.12.2022 | 09:25 Uhr