Eine Mund-Nasen-Maske hängt an einem Tishc im Klassenzimmer. © picture alliance/imageBROKER Foto: Michael Weber

Kommentar: Corona-Probleme an Schulen unbürokratisch lösen

Stand: 11.11.2020 13:05 Uhr

Die Schulen in Deutschland versuchen, den Unterricht während der Corona-Pandemie aufrechtzuerhalten. Allerdings wären dazu unbürokratische, zielgerichtete und kreative Hilfen notwendig.

Ein Kommentar von Korinna Hennig, NDR Info

Die Debatte um Schulen ist eins der größten Ärgernisse in der Corona-Krise - politisch und gesellschaftlich. Denn sie wird völlig überhitzt und verhärtet geführt und läuft deshalb folgenlos ins Leere. "Kinder sind nicht Treiber der Pandemie" wird seit Monaten mantramäßig wiederholt.

Porträtfoto der NDR Info Redakteurin Korinna Hennig.
Korinna Hennig setzt sich in ihrem Kommentar mit den Bedingungen in den Schulen auseinander.

Mal abgesehen davon, dass die ewige Reproduktion ein und derselben Formulierung, auch durch uns Journalisten, nur mäßig originell ist: Was genau soll das eigentlich heißen? Allenfalls, dass Kinder nicht, wie bei Erkältung und Grippe, besondere "Virenschleudern" sind, um ein weiteres Verbalklischee zu benutzen. Es heißt aber auch: Im Großen und Ganzen gesehen spielen Kinder, besonders die älteren, also ab zehn, zwölf Jahren, vermutlich die gleiche Rolle wie Erwachsene. Streng genommen haben wir also ständige potenzielle Superspreading-Ereignisse mitten unter uns.

Querlüften im Klassenzimmer - wie soll das gehen?

Und dass es längst nicht mehr nur um geschlossene Cluster geht, zeigt das Beispiel der Hamburger Ida-Ehre-Schule, an der Infektionen über 25 Klassen verteilt entdeckt wurden. Wie wohlfeil und träge die Debatte oft geführt wird, konnte man besonders gut an der Lüftungsanweisung ablesen: "Querlüften ist am besten", wurde da unhinterfragt verbreitet - aber welches Klassenzimmer hat denn bitte schön gegenüberliegende Fenster?

Außer Maskenpflicht und Kohortentrennung ist wenig passiert

Die Schulen müssen offenbleiben, denn Bildung hat Priorität - das klingt erstmal gut. Es klingt nämlich so, als hätten Schulen plötzlich eine Lobby. Ist aber offenbar leider nach wie vor gar nicht so. Denn jenseits dieser Maxime passiert streng genommen nichts, von Maskenpflicht und Kohortentrennung in den Pausen mal abgesehen. Wer anmahnt, dass man genauer hinsehen muss, weil Kinder oft wenig oder kaum Symptome zeigen und darum das Virus unentdeckt in den Familien verbreiten können, wird schnell als Feind der Bildung abgestempelt. Dabei ist es nicht anders als in der Diskussion um den wirtschaftlichen Schaden durch die Pandemie.

Die Frage nach dem Wie ist entscheidend

Seriöse Ökonomen sagen längst: Sinnvolle Maßnahmen zur Eindämmung des Virus können größeren Schaden abwenden - man muss beides zusammen denken, nicht gegeneinander. Die Frage ist also gar nicht, ob man Schulen offenhalten kann oder muss, sondern wie. Wieviel es bringt, Gruppen zu verkleinern, ist wissenschaftlich längst erwiesen. Kurssysteme in der Oberstufe mit ständig wechselnden Zusammensetzungen anpassen, Klassen teilen und Präsenzunterricht im Wechsel - ist es wirklich so schwer, den Schulen da endlich mal zur Hand zu gehen, damit am Ende nicht wieder Kinder aus bildungsfernen Familien die Verlierer sind?

Zielgerichtete Unterstützung für die Schulen

Es gibt großartige Beispiele für Wechselmodelle, bei denen die Hälfte der Klasse den Unterricht digital verfolgt. Doch das beruht - wie so oft - auf Eigeninitiative von SchulleiterInnen und Lehrkräften. Das Raumproblem jedenfalls ließe sich mit ein bisschen Kreativität vielerorts vielleicht lösen, gerade wenn man bedenkt, wie viel Leerstand es gerade in Kultur und Gastronomie gibt. Wo sind die Krisenstäbe, die das Problem systematisch angehen und die Schulen zielgerichtet, konkret und zügig unterstützen? Wo bleiben Mäzene, die den Schulen mal unkonventionell bei der Anschaffung von Lüftungssystemen unter die Arme greifen?

Wie oft haben wir das Beispiel Dänemark gehört, wie toll es ist, wie pragmatisch und unbürokratisch dort mit dem Problem umgegangen wird! Wann, bitte schön, wollen wir denn mal damit anfangen?

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 11.11.2020 | 13:05 Uhr