Weitere Konsequenzen nach Vorwürfen gegen den NDR in Kiel

Stand: 07.09.2022 15:08 Uhr

Seit gut einer Woche gibt es Veröffentlichungen in verschiedenen Medien, in denen Vorwürfe gegen die politische Berichterstattung des NDR Schleswig-Holstein erhoben werden. Im Norddeutschen Rundfunk gibt es im Rahmen des Aufklärungsprozesses nun weitere personelle Konsequenzen.

Am Donnerstagvormittag gab der NDR bekannt, dass Landesfunkhaus-Direktor Volker Thormählen für einen Monat unbezahlt in den Urlaub geht. Thormählen selbst hatte das demnach vorgeschlagen, "damit der Aufklärungsprozess von Personen verantwortet werden kann, die nicht persönlich betroffen sind". Intendant Joachim Knuth entsprach diesem Wunsch: "Ich danke ihm für dieses Angebot und habe es angenommen. In den vergangenen Tagen wurde für mich sehr deutlich, dass im Landesfunkhaus in Kiel nicht nur aufgeklärt werden muss, sondern auch Dinge geändert werden müssen." Vor Ort sollen "zielführende Prozesse und Strukturen" etabliert werden, die einen mutigen, unabhängigen Journalismus garantieren, so Knuth weiter.

Thormählen sagte, er wolle mit seinem Schritt dazu beitragen, dass der Aufklärungsprozess beginnen könne, "ohne dass der Eindruck entsteht, ich könnte darauf Einfluss nehmen". Seine Aufgaben übernimmt in den kommenden vier Wochen seine Stellvertreterin Bettina Freitag. Zuvor waren bereits zwei weitere Führungskräfte aus dem Landesfunkhaus in Kiel bis zur Aufklärung der Sachverhalte von ihren Aufgaben entbunden worden.

Mitarbeitende in Kiel belastet die aktuelle Situation

Wie sehr die Vorgänge die redaktionelle Arbeit belasten, wurde am Mittwochabend deutlich: Die beiden Moderatoren des "Schleswig-Holstein Magazins" im NDR Fernsehen, Gabi Lüeße und Henrik Hanses, standen zu Beginn der Sendung gemeinsam mit anderen Mitarbeitenden der Sendung vor dem Funkhaus in Kiel. Sie begrüßten die Zuschauerinnen und Zuschauer mit folgenden Worten:

"Das ist heute tatsächlich die 12.007. Folge unserer Sendung, die wir jeden Tag mit viel journalistischem Ehrgeiz und mit Stolz präsentieren. Und ich glaube, da spreche ich jetzt für alle Kolleginnen und Kollegen: Die hier heute, die 12.007., ist sicherlich eine der schwersten."

Wenige Stunden zuvor hatte der "Stern" neue Vorwürfe gegen Führungskräfte des NDR Landesfunkhauses Kiel veröffentlicht. "Es geht wieder darum, dass sie Berichterstattung manipuliert haben sollen. Das trifft uns als unabhängige Journalisten bis ins Mark, auch wenn es bisher nur Vorwürfe sind", sagte Lüeße an die Zuschauerinnen und Zuschauer der Sendung gewandt.

Einflussnahme auf Berichterstattung durch Redaktionsleitung?

Konkret geht es um eine Recherche aus dem Herbst 2020: Reporter des "Schleswig-Holstein Magazins" wollen darüber berichten, dass es nach dem Krieg in Erholungsheimen am Meer Übergriffe und Misshandlungen gegeben hat. Betroffen davon waren sogenannte Verschickungskinder - auch in einem Heim in Wittdün auf Amrum. Die Journalisten des NDR wollen mit Betroffenen sprechen, mögliche Verantwortliche mit den Vorwürfen konfrontieren.

Wie der "Stern" berichtet, soll eine leitende Redakteurin des NDR Landesfunkhauses Kiel in die Recherchen der eigenen Reporter eingegriffen haben: Julia Stein, die Leiterin der Redaktion "Politik und Recherche". Sie soll unter anderem darauf gedrungen haben, die Recherchen nicht zu veröffentlichen. Stattdessen, so berichtet es der "Stern", sollten die Journalisten die Unterlagen an das Deutsche Rote Kreuz (DRK), einen Betreiber der Heime, weitergeben.

Der "Stern" berichtet in dem Zusammenhang auch über persönliche Verbindungen zwischen dem DRK in Schleswig-Holstein und dem Rundfunkrat des NDR.

DRK weist Vorwürfe zurück

Das Deutsche Rote Kreuz Schleswig-Holstein bezog am Donnerstag mit einer Pressemitteilung Stellung zu den Vorgängen. Darin wird "jeglicher Vorwurf der Beeinflussung von journalistischer Berichterstattung" entschieden zurückgewiesen. Zu keiner Zeit habe es auch nur im Ansatz den Versuch gegeben, eine kritische Berichterstattung zu beeinflussen oder zu verhindern.

NDR: Interne Vorgänge werden sorgfältig bearbeitet

Der NDR hat zu den erhobenen Vorwürfen des "Stern" Stellung bezogen. Die Leiterin der Pressestelle, Barbara Jung, gab eine schriftliche Erklärung ab:

"Es sind bereits Gespräche über die Vorgänge vom Oktober 2020 geführt worden und es stehen weitere Gespräche mit den verantwortlichen Entscheidungsträgern innerhalb des Landesfunkhauses Schleswig-Holstein an, um alles im Detail nachvollziehen und bewerten zu können. Den Beteiligten in Kiel liegt viel daran, interne Vorgänge im Kreis der Beteiligten und mit der gebotenen Sorgfalt zu bearbeiten. Erst nach Abschluss kann eine Bewertung vorgenommen werden. Deswegen bitte ich um Verständnis, dass eine inhaltliche Äußerung derzeit nicht möglich ist."

Stein und Lorentzen vorerst von ihren Aufgaben entbunden

Der Landesrundfunkrat Schleswig-Holstein hat bereits vor Tagen eine Prüfung von Vorwürfen eingeleitet, die zuvor mehrere Medien öffentlich gemacht hatten. Demnach habe es in Kiel eine Art politischen "Filter" für die Berichterstattung gegeben. In einem offenen Brief an Landesfunkhausdirektor Thormählen forderten 72 NDR Mitarbeitende eine lückenlose Aufklärung.

Die Politikredaktion-Leiterin Stein sowie der Chefredakteur des Landesfunkhauses in Kiel, Norbert Lorentzen, haben darum gebeten, dass sie so lange von ihren bisherigen Aufgaben entbunden werden, bis die Vorwürfe geklärt sind. Funkhausdirektor Thormählen, der einen Tag später selbst in einen einmonatigen unbezahlten Urlaub ging, entsprach zuvor noch dem Wunsch der beiden NDR Journalisten: "Ich habe mich bei ihnen für diesen Schritt bedankt. Ich möchte der guten Ordnung halber daran erinnern, dass die Unschuldsvermutung gilt", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme.

VIDEO: Politische Nähe? Vorwürfe gegen den NDR | ZAPP spezial (29 Min)

Unterstützung durch NDR Journalisten im Bürgermeister-Wahlkampf?

Der "Stern" berichtet auch über einen weiteren Journalisten: Stefan Böhnke. Der stellvertretende Leiter des Politikressorts in Kiel soll seinen Ehemann im Wahlkampf unterstützt haben. Mehrfach ließ sich der NDR Journalist am Wahlkampfstand seines Mannes gemeinsam mit ihm fotografieren. Der FDP-Politiker Sven Partheil-Böhnke ist mittlerweile Bürgermeister von Timmendorfer Strand. NDR Pressesprecherin Jung äußerte sich auch dazu schriftlich und stellte fest: "Stefan Böhnke war an der Berichterstattung über die Bürgermeisterwahl in Timmendorfer Strand nicht beteiligt."

Neue Vorwürfe vom "Business Insider"

Am Donnerstag machte das Magazin "Business Insider" zudem neue Vorwürfe unzulässiger Einflussnahme gegen Thormählen publik. Hier geht es um einen Fall aus dem Jahr 2019. Laut dem Magazin sei ein Investigativ-Reporter "unter Druck gesetzt worden" und dessen Kritik am Führungsstil soll mit einer Abmahnung bestraft worden sein.

Der Streit landete offenbar vor dem Arbeitsgericht in Kiel. Laut "Business Insider" schlossen beide Parteien einen Vergleich - der Journalist nahm seine Vorwürfe zurück und der NDR widerrief seine Abmahnung, wie das Magazin schreibt.

Die Pressestelle des NDR erklärte dazu: Thormählen sei es in dem betreffenden Fall nur darum gegangen, das ganze Bild zu zeigen und ausgewogen zu berichten. Zudem habe der Redakteur seinen Vorwurf, Thormählen habe Recherchen ver- oder behindert im Ergebnis einer arbeitsrechtlichen Mediation zurückgezogen. Die Vorwürfe, mehrere Führungskräfte hätten Berichterstattung beeinflusst, werden aktuell sowohl vom Landesrundfunkrat als auch intern untersucht.


07.09.2022 15:08 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Fassung wurde der "Stern" mit einer Verdachtsberichterstattung über konkrete Personen im Zusammenhang mit der DRK-Berichterstattung zitiert. Aus juristischen Gründen haben wir unseren Beitrag an den entsprechenden Stellen geändert.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 01.09.2022 | 14:00 Uhr

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