Stand: 04.11.2013 09:33 Uhr  | Archiv

Schule: Aus Angst nicht zur Toilette

von Mareike Fuchs & Jörn Strähler-Pohl

Es ist schon vier Jahre her, doch Frederik erinnert sich immer noch eindrücklich an die Einschüchterungsmethoden seiner damaligen Grundschul-Klassenlehrerin: In der Ecke des Klassenraumes war eine Pappwand aufgestellt, dahinter stand ein Stuhl. Wenn ein Schüler gegen die sogenannten Ruheregeln verstieß, bekam er eine Verwarnung. Der nächste Schüler, der einen Mucks machte, musste dann in die Ecke. "Es war unangenehm, es war dunkel, es war sehr eng. Man saß auf einem Stuhl und hat nichts gesehen", sagt Frederik. "Man hat sich gefühlt wie ein Verbrecher", ergänzt Kjell, sein damaliger Mitschüler. Ihre ehemalige Schule liegt in einem gehobenen Stadtteil in der Lübecker Innenstadt. Eine große Kirche steht gegenüber der Grundschule, ein Mann auf einem Rasenmäher entsorgt gerade das Laub auf dem begrünten Vorplatz. Schicke Lübecker Altbauten mit Fachwerk säumen die Kopfsteinpflaster-Straßen. Probleme mit Gewalt habe es in der Klasse keine gegeben, betont Ulrike O., Mutter eines der Schüler.

VIDEO: Schulen: Umstrittene Gewaltprävention (8 Min)

Methoden des Programmes "Konflikt-KULTUR"

Dabei haben Disziplinierungsmethoden "Gewaltprävention" zum Ziel. Die damalige Klassenlehrerin der beiden Jungs hatte eine Fortbildung besucht und dort die Methoden des Programmes "Konflikt-KULTUR" erlernt. Zunächst ging es darum, den Unterricht zu strukturieren. Das Programm soll den Lehrern ruhige Klassen bescheren und einen störungsfreien Unterricht. Im Seminar lernen die Lehrkräfte dafür eine Reihe von Maßnahmen, die sie dann in ihre Klassen übertragen können. Zum Beispiel wird festgelegt, welches Arbeitsmaterial die Schüler mitbringen sollen - vom gespitzten Bleistift bis zum Radiergummi. In Lübeck kontrollierte die Lehrerin streng: Ist der Bleistift da? Ist er spitz? Hatte ein Kind seinen Stift vergessen, bekam es einen Eintrag in der sogenannten Feedback-Liste. "Wir durften nichts verleihen. Wenn ein Mitschüler seinen Stift vergessen hatte und man selbst hatte zufällig zwei, dann durfte man den nicht ausleihen", erinnert sich Frederik. Dann bekamen beide Schüler einen Eintrag. "Obwohl das soziales Verhalten ist. Das macht doch keinen Sinn." 

Der Diplompsychologe Thomas Grüner ist einer der Väter des Programmes "Konflikt-KULTUR". Er kann die Aufregung nicht verstehen. Im Gespräch mit dem NDR streitet er ab, dass Schüler einen Vermerk bekommen, wenn sie einem anderen Schüler einen Stift ausleihen: "Das wird von uns nicht vertreten", sagt er.

Handelt es sich also um den Alleingang einer einzelnen Lehrerin? Nach Recherchen des NDR bestätigen Eltern aus einer anderen Schule in Hannover, dass diese Methoden auch in der Grundschulklasse ihrer Kinder eingeführt wurden, nachdem die Lehrerin eine Schulung von "Konflikt-KULTUR" besucht hatte. "Ein Solidargedanke war nicht mehr möglich, die Kinder durften sich nichts leihen", berichtet ein Vater. Innerhalb weniger Wochen nach Einführung des Programmes hätten die Kinder sich drastisch verändert. "Es herrschte wirklich Angst bei den Kindern, auch bei denen, die sonst gar nicht ängstlich sind", sagt er. Kinder klagten über Bauchschmerzen und Druck, sie seien nur noch ungern in die Schule gegangen.

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Brief einer Schule an die Eltern

Dieses Beispiel zeigt, dass Eltern nicht gefragt werden, ob diese fragwürdige Methode eingeführt werden soll, sondern sie werden nur darüber informiert. Download (512 KB)

Wenn Thomas Grüner seine Methoden beschreibt, klingt das positiver. Es gehe um Demokratiebildung, Lernatmosphäre und um Gewaltprävention. Auch die Pappwand nennt er nicht Pappwand, sondern "Auszeit" und findet die Methode unproblematisch: "Wir vermitteln dem Schüler, dass die Auszeit eine Möglichkeit ist, wieder selbstkontrollfähig zu werden", erläutert er dem NDR, "wir haben es nicht als Strafe im Programm". Die Wand sei ein Schutz, um den Schüler "vor den Blicken der anderen zu schützen". Kjell und Frederik nahmen das anders wahr. Sie fühlten sich isoliert, sagen sie.

"Das ist emotionale Gewalt"

Für die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Birgit Herz von der Leibniz Universität Hannover hat das Programm mit Pädagogik nichts zu tun. Sie hat es sich genau angeschaut. Die Methoden arbeiteten "ganz intensiv mit Angst, Beschämung und Isolierung von Kindern. Das ist emotionale Gewalt", erklärt Herz. Die Kinder stünden enorm unter Druck. Gerade für Grundschulkinder kann das zur Folge haben, "dass sie einnässen, einkoten oder Schlafschwierigkeiten haben, aufgrund des permanenten Stresses."

Diese mögliche Kehrseite des Unterrichtsprogrammes kennen auch einige Eltern im niedersächsischen Uetze bei Hannover. Dort wurde ein Teil von "Konflikt-KULTUR" im Rahmen des Gewaltpräventionsprogrammes "PaC - Prävention als Chance" eingeführt. Träger sind das Landeskriminalamt Niedersachsen, der Gemeinde-Unfallversicherungsverband Hannover und die Landesunfallkasse Niedersachsen. Letztere müssen für die Schäden aufkommen, die durch Unfälle oder Gewalt an Schulen entstehen.

Ziel des Präventionsprogrammes ist es, die Kinder stark und selbstbewusst zu machen. Sie sollen lernen, Nein zu sagen zu Gewalt oder Drogen. In dem Maßnahmenbündel wird den Schulen auch das Programm "Konflikt-KULTUR" empfohlen, in Uetze wurde ein Teil davon bereits etabliert. Auch hier wurde die sogenannte Arbeitsmaterialregel eingeführt, die genau festlegt, was in die Federmappen der Kinder gehört. Wenn etwas fehlt, bekommen sie vor dem Rest der Klasse einen Eintrag in eine Feedbackliste und am Ende der Woche keine Belohnung. Was harmlos klingt, übt in seiner Umsetzung auf einige Kinder offenbar extremen Druck aus. Ihr Sohn habe einen bestimmten Stift mitbringen sollen, erzählt eine Mutter: "Als ich dann sagte, den besorge ich morgen, da bricht mein Kind in Tränen aus! Mein Kind war richtig in Not deswegen. Das hat mich sehr erschrocken", so die Mutter, die ihren Namen nicht nennen möchte, um ihren Sohn zu schützen.

Kein Toilettenbesuch während des Unterrichts

Ein Kind meldet sich © NDR
Einige Kinder trauen sich nicht zu fragen, ob sie auf die Toilette gehen dürfen.

Grundschulkinder sollen in Uetze während des Unterrichts auch nicht mehr auf die Toilette gehen. Tun sie es doch, bekommen sie ebenfalls einen Strich. Seither hätten die Kinder in der Schule oder auf dem Heimweg in die Hose gemacht, erzählen Eltern. Andere Kinder wollten in der Schule nichts mehr trinken, damit sie gar nicht erst auf die Toilette gehen müssen. "Das kann doch nicht sinnvoll sein", beklagt Susanne B., eine Mutter aus Uetze. Ihre sechsjährige Tochter sei seit Einführung der neuen Regeln sehr ernst geworden, erzählt sie. "Sie ist viel gestresster und achtet akribisch darauf, dass sie ja alle ihre Sachen zusammen hat."

Kann das im Sinne der Verantwortlichen sein? Bei den zuständigen Stellen wiegelt man ab: Das niedersächsische Kultusministerium sei an der Auswahl der Programme nicht beteiligt, heißt es auf NDR-Anfrage, das sei Sache der Landesschulbehörde. Dort teilt man mit, bisher seien keine Zweifel am Programm aufgekommen. Auch die Initiatoren von Landesunfallkasse und Landeskriminalamt in Niedersachsen bemühen sich um Schadensbegrenzung. Mario Jansen, Präventionsberater beim Gemeinde-Unfallversicherungsverband Hannover, spricht von Einzelfällen, "zu denen ich nicht viel sagen kann". Eltern und Lehrer müssten gemeinsam eine Lösung finden. Generell laufe das Programm gut, andere Eltern seien zufrieden. Von einem Klima der Angst möchte auch das LKA nichts wissen. Und auch Thomas Grüner betont, es gäbe "Dutzende von Schulen, die keinerlei Probleme mit 'Konflikt-KULTUR' haben."

Grundschulkinder trinken nichts mehr

Die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Birgit Herz hingegen bezweifelt, dass es sich nur um Einzelfälle handele. Allein bei ihr hätten sich in den letzten Jahren etwa 60 Personen Rat geholt, sowohl Lehrer als auch Eltern. Sie wollten wissen, wie problematisch das Programm sei und wie sie sich dagegen wehren könnten. Die Eltern in Niedersachsen fühlen sich mit ihrer Kritik bisher nicht ernst genommen. "Die Antwort auf unsere Bedenken war immer: Aber es funktioniert doch!", berichtet Tordis H. aus Uetze. Dass das System funktioniert, hat Susanne B. auch an ihrer Tochter festgestellt. "Klar, auf den ersten Blick ist das schön, wenn alles reibungslos läuft", sagt sie. Aber sie fragt sich, was das mit ihrer Tochter macht, wenn die lernt, widerspruchslos irgendwelche Regeln zu befolgen.

Kjell und Frederik, die dieses System in Lübeck erlebt haben, können das beantworten: "Man hat sich klein gefühlt", sagt Kjell. "Man hat sich gefühlt, als hätte man keine Stimme."

In Schleswig-Holstein wurde das Programm mittlerweile aus der Lehrerfortbildung gestrichen, da es sich nach Rückmeldungen der Schulen nicht bewährt habe, wie das Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen in Schleswig-Holstein dem NDR mitteilte.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 29.10.2013 | 21:15 Uhr

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