Stand: 05.05.2020 12:24 Uhr

Corona: Verkehr neu denken durch die Krise

von Astrid Corall, Sharon Welzel

Motiviert durch die Corona-Pandemie, denken viele Städte auf der ganzen Welt gerade ihre Verkehrsstrategie neu. Um den Mindestabstand zu gewährleisten, werden Autospuren zu Fahrradspuren und Fußwege werden verbreitert. In Wien wurden Wohnstraßen in sogenannte Begegnungszonen umgewandelt. In New York, Vancouver, Mexico City und Budapest wurden autofreie Nebenstraßen zugunsten des Fuß- und Radverkehrs eingerichtet. Auch unabhängig von Corona sind sich Stadtplaner aber einig, dass der Raum in der Stadt neu verteilt werden muss: mehr Fahrrad, weniger Auto. In Brüssel geht man dafür ganz neue Wege. Die "NDR Info Perspektiven" haben sich einen Überblick verschafft - von New York über Wien bis Berlin.

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Breit und zweispurig - so soll einer der neunen Radwege in Brüssel aussehen, von denen insgesamt 40 Kilometer geplant sind.

Es ist ungewohnt ruhig in der Brüsseler Innenstadt. Wegen der Corona-Einschränkungen haben Geschäfte geschlossen, sind deutlich weniger Menschen und Autos als sonst unterwegs. Eine junge Mutter steht vor ihrer Wohnung: "Wir können gerade die Straße ein bisschen mehr nutzen. Die Kinder können spielen und Rad fahren, ohne Autos, die zu schnell fahren, und ohne den Lärm, den wir hier sonst haben."

Velorution in Brüssel?

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Ein neues Hinweisschild soll in der Brüsseler Innenstadt auf das neue Konzept hinweisen: Mehr Platz für Menschen.

Die Straße mit dem Kopfsteinpflaster liegt im inneren Ring von Brüssel mit seiner historischen Altstadt. Genau dort also, wo sich eine Verkehrswende vollziehen soll, eine Velorution, wie manche sagen, eine Fahrrad-Revolution. Radler, aber auch Fußgänger sollen in der Innenstadt Vorrang und mehr Platz bekommen, die Straße komplett nutzen können, während Autos, Busse und Straßenbahnen nur noch höchstens 20 km/h fahren dürfen. Damit, erklärt Bürgermeister Philippe Close von der Sozialistischen Partei, soll es den Bürgern leichter gemacht werden, nach der Lockerung der Einschränkungen den gebotenen Abstand einhalten zu können. "Viele Straßen in Brüssel sind sehr schmal. Die Menschen haben Probleme, Abstand zu halten. Wir wollen es ermöglichen, dass Fußgänger auf der Straße gehen und zwei Fahrräder nebeneinanderfahren können. Und die Autos sollen langsamer fahren."

Gemischte Reaktionen auf die Pläne

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So sehen in Brüssel künftig die Straßen aus, auf denen Radfahrer Vorrang haben sollen.

Von einer Zone der Begegnung spricht der Bürgermeister und von einem neuen Lebensstil für die Einwohner. Die Reaktionen auf die Pläne sind allerdings gemischt. "C’est super," sagt die Anwohnerin. Ein Taxifahrer meint, man müsse dann eben etwas vorsichtiger fahren, aber das werde schon klappen. Kritiker dagegen halten es für gefährlich, dass Fußgänger auf der Straße gehen können. Manche warnen davor, dass die Innenstadt zu einem Treffpunkt wird, der die Massen anzieht. Und dass die Verkehrssituation in Brüssel insgesamt noch chaotischer wird. Jesse Pappers ist Verkehrsexperte an der Freien Universität Brüssel: "Die Autofahrer müssen vor allem gut informiert werden, dass es jetzt hier im Stadtzentrum eine 20-Zone ist. Und danach muss man dann eben konsequent sein, Bußgelder kassieren von denen, die sich nicht dran halten. Und im Straßenverkehr auch baulich ganz klar machen: Hier gilt Tempo 20 - Fußgänger und Radfahrer haben Vorrang."

Die Corona-Krise als Neustart nutzen

Die Corona-Krise führt auch an anderer Stelle zum Umdenken. Wenn wieder mehr Bürger ins Büro oder zum Einkaufen ins Zentrum fahren, könnten Busse und Bahnen zu voll werden und der Sicherheitsabstand kann eventuell nicht eingehalten werden Damit das nicht passiert und damit die Menschen ihr Auto häufiger stehen lassen, soll Brüssel auch insgesamt 40 Kilometer neue Radwege bekommen. Die grüne Verkehrsministerin der Region Brüssel, Elke van den Brandt, sagte im belgischen Fernsehen: "Wir dürfen nicht zurück zum 'business as usual'. Wir müssen diesen Moment nutzen, um einen guten Neustart zu gewährleisten, und wir müssen die Menschen ermutigen, mehr zu Fuß zu gehen und Fahrrad zu fahren. Um so den Verkehrsdruck in Brüssel etwas zu entlasten."

Viel Auto- und Fahrradverkehr auf einer Straße. © dpa picture alliance Foto: Markus Scholz

Mobilitäts- und Verkehrswende durch Corona?

NDR Info - NDR Info Perspektiven -

Die Corona-Krise hat die Mobilität eingeschränkt, alle Verkehrsmittel werden weniger genutzt. Was könnte davon bleiben? Experten sagen schon länger, der Raum in der Stadt müsse neu verteilt werden.

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Projektstatus: In Arbeit

Einige Kilometer neue Radwege gibt es schon, an anderen wird gearbeitet. Und die verkehrsberuhigte Zone in der Innenstadt lässt noch auf sich warten. Es müssten noch letzte Vorbereitungen getroffen, zum Beispiel Schilder aufgestellt werden, heißt es im Brüsseler Rathaus. Im Laufe dieser oder nächster Woche soll es aber losgehen. Drei Monate nach dem Start will man das Konzept bewerten. Und erst dann wird man sehen, wie nachhaltig die Verkehrswende tatsächlich ist.

Weltweit Bewegung in der Verkehrspolitik

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Viele Menschen in Bogotà nehmen den Appell der Regierung ernst und steigen auf's Rad um.

Mehr Raum für Radfahrer und Fußgänger zu schaffen wird derzeit nicht nur in der belgischen Hauptstadt Brüssel diskutiert. Der Raum in Städten ist auch in Deutschland begrenzt. Führt uns Corona verstärkt zu der Frage, wie der Platz in Städten neu verteilt wird? Tatsächlich wird vieles gerade neu verhandelt. Die kolumbianische Hauptstadt Bogotà war Vorreiter und hat auf 100 Kilometern temporäre Fahrradspuren entlang der großen Hauptverkehrsstraßen eingerichtet, auch um den ÖPNV zu entlasten. New York folgte dem Beispiel und Berlin richtete Ende März eine Serie von sogenannten Pop-up-Radwegen in den Bezirken Kreuzberg und Friedrichshain ein. Hier passiert das, was beispielsweise der ADFC schon lange fordert, nämlich eine Umverteilung des Raumes. Das heißt, auf einer vierspurigen Straße wird eine Autospur einfach abgesperrt und in eine Spur für Radfahrer umgewidmet. Schließlich hatte die WHO schon zu Beginn der Krise einen dringenden Apell an die Städte weltweit gerichtet: "Bitte gehen Sie zu Fuß oder nutzen Sie das Fahrrad, wann immer es geht!"

Neue Radwege im Eiltempo

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Entlang des Kottbusser Damms ist die endgültige Einrichtung eines Fahrradstreifens für September 2020 geplant. Bisher gab es hier gar keinen Radweg.

Wie überall stoßen die Maßnahmen auch in Berlin auf ein geteiltes Echo. Die Anwohner haben ihre neuen Radwege allerdings gefeiert und die Baurbeiter am Kottbusser Damm sogar mit Blumen beschenkt. Die sogenannten Corona-Radwege, wie die Berliner sie auch nennen, umfassen insgesamt schon zehn Kilometer und die meisten von ihnen sollen auch bleiben. Die Stadt hat also die Gunst der Stunde genutzt, sein ohnehin vorgesehenes Radwegeprogramm zu forcieren. So fallen langwierige Planungsprozesse oder auch Bürgerbeteiligungsverfahren erst einmal weg.

Hamburger Senat eher verhalten

Auch Hannover hat am vergangenen Mai-Wochenende zwei Straßen für den motorisierten Verkehr gesperrt. Diese Woche soll entschieden werden, ob diese Sperrmaßnahmen weiter ausgeweitet werden. In Hamburg reagiert man eher verhalten. Verkehrssenator Westhagemann erklärte kürzlich in einem Interview NDR 90,3 gegenüber, in Hamburg würde der notwendige Platz dazu fehlen.

Städtischen Raum umverteilen

Der Stadtplaner Wolfgang Aichinger sagt, er kenne diese Einwände. Er ist Projektleiter für Städtische Mobilität beim Thinktank "Agora-Verkehrswende" in Berlin: "Es gibt einfach genau den Platz, den wir haben, und es ist nur die Frage, wie wir ihn nutzen. Daran hakt es ja auch in Deutschland einfach. So die letzten zehn 15 Jahre war Radverkehr auch immer schon ein Thema, aber man wollte halt diesen Platz nicht umverteilen. Mehr Platz wird es nicht geben und das ist wirklich einfach ein Gerechtigkeitsproblem. In Hamburg oder Berlin hat fast die Hälfte der Menschen kein Auto. Wer draußen parkt, nimmt anderen den Platz weg. Der Raum steht eben nicht zur Verfügung für eine Radspur oder eine Busspur oder eine Lieferzone für den Paketboten. Wer dann keinen Platz sieht, der hat wahrscheinlich eher den fehlenden Willen, diesen Platz neu zu verteilen."

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Während der Aktion in Hamburg nutzten die Radfahrer begeistert ihre neue Spur.

Der Hamburger ADFC wollte sich auch nicht so leicht abspeisen lassen und hat mit einer Demonstration für Pop-up-Radwege auf der Straße An der Alster auf das Thema aufmerksam gemacht.

Ausblick in die Zeit nach Corona

Lassen sich diese Maßnahmen auch in die Zeit nach der Corona-Krise retten? Zumindest verlagert sich aktuell der Fokus von einer eher autogerechten Verkehrsplanung hin zur Frage: Wie können Fußgängerinnen und Fußgänger und Radfahrerinnen und Radfahrer den öffentlichen Raum nutzen und trotzdem genug Abstand zueinander halten? Frankreich zum Beispiel will das Radfahren nach der Krise durch eine Prämie attraktiver machen und Berlin will die meisten neuen Radwege auch behalten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR Info Perspektiven | 04.05.2020 | 07:48 Uhr

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