Stand: 12.02.2020 15:55 Uhr  - NDR 90,3

Cansu Özdemir: Lokal verwurzelt und weltoffen

von Jörn Straehler-Pohl

Sie war eine der jüngsten Fraktionschefinnen in einem deutschen Länderparlament, sie ist Lokalpatriotin, hat nie ihren Stadtteil verlassen und ist Kurdin mit deutschem Pass: Cansu Özdemir - die Spitzenkandidatin der Hamburger Linken bei der Bürgerschaftswahl. Ein Porträt.

Ein ehemaliges Kaufhaus im Hamburger Süden. Ein riesiger, weißer Festsaal auf einer ganzen Etage. Hier werden fast jedes Wochenende türkische und kurdische Hochzeiten gefeiert - gesellschaftliche Ereignisse für die gesamte Community. Und an diesem Abend ein wichtiger Wahlkampftermin für Cansu Özdemir. "An erster Stelle wünsche ich dem Brautpaar alles Gute zur Hochzeit. Ich möchte ganz offen dafür werben, am 23. Februar die Linke zu wählen", sagt Özdemir. Die Linke sei die einzige Partei in den Parlamenten, die sich gegen Waffenlieferungen an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan engagiere und dafür, "dass das Netzwerk Erdogans auch in Deutschland endlich zerschlagen wird".

Cansu Özdemir ist Stimme der Kurden

Cansu Özdemir ist die vielleicht wichtigste Stimme der Kurden in Hamburg. Die kurdische Arbeiterpartei PKK ist für sie keine Terrororganisation, sondern Teil eines bewaffneten Konflikts. Auch deshalb wird sie von türkischen Nationalisten bedroht. Auf der Hochzeit sprechen sie junge Frauen genauso an wie ältere Männer. Denn hier sind alle stolz auf Özdemir, weil sie es geschafft habe. "In erster Linie ist ihnen wichtig, vor allem der ersten und zweiten Generation, die ja als Gastarbeiter gekommen sind oder als Geflüchtete gekommen sind, dass es die dritte Generation geschafft hat, in ein Parlament zu ziehen", sagt Özdemir.

Heimat ist der Osdorfer Born

Seit neun Jahren ist sie in der Bürgerschaft, seit fünf Jahren eine der beiden Fraktionschefinnen der Linken und in Umfragen eine der beliebtesten Politikerinnen der Stadt. Ihre Heimat ist immer der Osdorfer Born geblieben, einer der ersten Großsiedlungen in Hamburg, die im Wesentlichen in den Jahren 1967 bis 1972 gebaut wurde - in den Zeiten großer Wohnungsnot. Heute leben dort etwa 12.000 Menschen.

Der Stadtteil hat einen eher schlechten Ruf, ein eher tristes Einkaufszentrum als Treffpunkt und die Menschen haben zwar wenig Geld, sind aber solidarisch. Das sagt jedenfalls Özdemir. "Das hat sich vor allem auch gezeigt 2015, als die Geflüchteten zu uns in den Osdorfer Born gekommen sind", so die Spitzenkandidatin der Linken. "Auch Rentnerinnen und Rentner, die zur Tafel gehen müssen, weil sie von ihrer Grundsicherung nicht leben können, wollten tatkräftig bei der Integration in unseren Stadtteil helfen."

Mit der AfD kam der Tabu-Bruch

Als genauso selbstverständlich habe sie ihre eigene Integration als Kind von Migranten erlebt. Sie habe es nie in Frage gestellt, ob sie ein Teil der Gesellschaft ist. Das sei auch nie eine Diskussion mit ihren deutschen Freundinnen und Freunden gewesen. Das habe sich erst durch den Einzug der AfD ins Parlament geändert. "Dadurch hat sich auch eine Hemmschwelle verringert, sodass ich auch mal auf der Straße zu hören bekomme habe: Sie muss man doch ins KZ stecken", sagt Özdemir. So etwas sei vor Jahren noch undenkbar gewesen, hier sei ein Tabu gebrochen worden.

Was die 31-Jährige in ihrem politischen Leben langfristig machen will, ob sie auch für den Bundestag kandidieren will, das lässt Cansu Özdemir noch offen. Ihr Traumjob, bevor die Politik dazwischen kam, sei eigentlich Lehrerin gewesen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 13.02.2020 | 10:00 Uhr

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