Stand: 29.12.2017 10:50 Uhr

Wolfgang Sielaff: "Es ist eine Genugtuung"

Zu den Opfern des jetzt überführten "Göhrde-Mörders" gehörte vor fast 30 Jahren auch Birgit M., die Schwester des ehemaligen Chefs des Hamburger Landeskriminalamts, Wolfgang Sielaff. Ihre Leiche war erst im September auf Eigeninitiative ihres Bruders, unterstützt von ehemaligen Hamburger Kollegen, gefunden worden. NDR 90,3 sprach mit Wolfgang Sielaff.

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Wolfgang Sielaff, früher Chef des Hamburger Landeskriminalamts (Archivbild)

Herr Sielaff, ist es für Sie eine Genugtuung, dass die "Göhrde-Morde" aufgeklärt sind?

Wolfgang Sielaff: Es ist auf jeden Fall eine Genugtuung. Es war meine Auffassung, dass der jetzt überführte Mann als "Göhrde-Mörder" in Betracht kommen müsste. Das ist ja jetzt bewiesen worden.

Sie waren an der Ermittlung maßgeblich beteiligt und haben die Polizei zu den Überresten Ihrer Schwester unter einer Garage in Adendorf (Landkreis Lüneburg) geführt. Was war das für ein Gefühl, als Sie dort standen?

Sielaff: Wie soll ich das beschreiben? Als ich bei den Grabungen den Ruf "Menschliche Knochen!" hörte, bin ich gleich an die Grube getreten und im Grunde haben zwei Gefühle meinen Körper geflutet: Das eine war natürlich 'Schock' und das andere war 'Erleichterung'. Denn wir wollten meine Schwester finden, und dieses Ziel hatten wir erreicht. Jetzt hatten wir die Gewissheit, eine Leiche zu haben. Denn die Staatsanwaltschaft hatte immer gesagt: 'Ja, wir haben noch keine Leiche - mit anderen Worten: Ein Tötungsdelikt können wir noch gar nicht bestätigen.'

Wie war das für Ihre Familie?

Sielaff: Die Familie hat darunter gelitten, dass wir nicht wussten, wo meine Schwester ist und wir konnten nicht damit abschließen. Wir konnten nicht trauern, wir hatten kein Grab. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, wo es möglich wurde zu trauern.

Sie haben ja sehr lange privat ermittelt. Was hat Sie dazu bewogen? Hatten Sie kein Vertrauen in die Polizeiarbeit oder ging es Ihnen um Rache?

Sielaff: Von Rache kann keine Rede sein. Ich habe 2003 erfahren, dass die Ermittlungen seit 1994 gar nicht mehr stattfanden. Und da habe ich gesagt, dass sich die Familie damit nicht zufrieden geben kann. Wir müssen schauen, dass wir das Schicksal meiner Schwester klären, und ich habe dann versucht, die Lüneburger Polizei davon zu überzeugen, dass sie doch noch mal Ermittlungen aufnimmt.

Und?

Sielaff: Man sagte: 'Nein, wir können nicht ermitteln, weil gegen Tote nicht ermittelt werden darf.' Der mutmaßliche Tatverdächtige hatte sich ja umgebracht. Das hat mich aber nicht überzeugt, denn wenn der Verdacht im Raum steht, dass da ein Mittäter im Spiel ist, muss man weiter ermitteln. Außerdem gab es noch einen weiteren Verdächtigen: meinen Schwager, den Mann meiner Schwester. Den hat man ja bis in die jüngste Zeit als Mörder seiner Ehefrau bezeichnet. Also war klar: Wenn die Polizei das nicht macht, muss ich Mittel und Wege finden, das aufzuklären.

Wie sind Sie vorgegangen?

Sielaff: Ich habe mich immer wieder mit Freunden und Experten getroffen. Wir haben sehr viele Gespräche gehabt - immer mit der Frage: Was können wir tun, um die Lüneburger zu überzeugen, doch noch mal Ermittlungen aufzunehmen? Wir haben uns auch mit dem Täterprofil auseinandergesetzt und versucht, seine Persönlichkeitsstruktur zu analysieren, damit wir ein Bild von ihm haben. Und wir haben versucht, den Modus operandi, also die Art und Weise, auf die er seine bisherigen Verbrechen begangen hat, das uns war ja bekannt, zu verstehen. Das war wichtig, um zu sehen, wo man weitere Ermittlungsansätze finden kann. 2007 wurde dann tatsächlich ermittelt. "Ermittlungen" muss ich hier aber in Anführungszeichen setzen, denn es war nur ein einziger Beamter tätig. Der konnte sich mehr oder weniger nur auf eine Aktenanalyse beschränken.

Also haben Sie selbst weitergemacht?

Sielaff: Ja, wir haben weiter Gas gegeben und haben gesagt: Wir müssen uns auch um die Taten kümmern, die möglicherweise in einer Beziehung zu dem Verdächtigen stehen können. Zum Beispiel die "Göhrde-Morde", oder es gab noch den Fall einer Frau, die im Jahr 1968 erschossen wurde. Alle Offerten Hamburgs an Lüneburg, gemeinsam zu ermitteln oder eine Sonderkommission zu gründen, haben aber nicht funktioniert, das wollte man nicht. So mussten wir bis 2015 warten, bis wir den Polizeipräsidenten überzeugen konnten, doch noch mal Ermittlungen im Fall meiner Schwester zu führen.

Wieso ermittelt denn eine Privatperson besser als die Polizei und löst den Fall nach fast 30 Jahren?

Sielaff: Ob wir besser ermitteln, sei mal dahingestellt. Es wurde ja gar nicht ermittelt und so habe ich im Grunde das gemacht, was bei einem Tötungsdelikt nahe liegt, denn das ja immerhin das schwerste Verbrechen, das unser Strafgesetzbuch kennt: Ich habe versucht, alle Register zu ziehen. Ich habe mich mit Freunden und Bekannten umgeben, die unterschiedliche Disziplinen repräsentierten: Rechtsmediziner, Kriminalpsychologen, Kriminalisten, ein ehemaliger Staatsanwalt und so weiter. Durch diesen interdisziplinären Ansatz sind wir letztlich zum Erfolg gekommen.

Der Täter hat sich ja bereits vor Jahren umgebracht, aber sollte der potenzielle Mittäter gefasst werden, was möchten Sie dem dann sagen?

Sielaff: Ich sehe das Ganze ziemlich rational und glaube nicht, dass ich ihm, wenn ich vor ihm stehen sollte, irgendetwas ins Gesicht schleudern würde. Natürlich würde ich versuchen, mit ihm ins Gespräch zu kommen, denn wir haben ja immer noch viel aufzuklären. Wir wissen ja auch immer noch nicht, was konkret passiert ist.

Das Interview führte Stephan Heller, NDR 90,3.

Die Geschichte einer brutalen Mordserie

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 28.12.2017 | 17:45 Uhr

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