Stand: 25.05.2017 00:00 Uhr

Vermisste Kinder kommen fast immer zurück

Heute, am 25. Mai, ist Internationaler Tag der vermissten Kinder. Glücklicherweise klären sich die meisten Fälle nach kurzer Zeit von selbst. NDR.de informiert über die Lage in Norddeutschland.

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Ausreißer folgen oft älteren Freunden oder flüchten vor Missbrauch oder Mobbing.

Sophie ist zehn Jahre alt, aber reif für ihr Alter. Als sie an einem Freitagabend nicht nach Hamburg-Poppenbüttel nach Hause kommt, sind ihre Eltern beunruhigt. Sie melden das Mädchen als vermisst. Zwei Tage später veröffentlicht die Polizei ein Foto der Vermissten - auch über das Fahrgastfernsehen der Hamburger U-Bahn wird nach ihr gefahndet. Die Polizei hat Hinweise darauf, dass Sophie in Hamburg unterwegs ist. Sie scheint wohlauf. Vier Tage später findet die Polizei das Mädchen in der Wohnung eines älteren Freundes. Offenbar war sie von zu Hause abgehauen.

Vermisste Kinder kommen fast immer zurück

Sophie ist ein typischer Vermisstenfall. "Die meisten Fälle klären sich so schnell auf, dass man gar keine Zeit hat, viele Maßnahmen zu treffen", sagt Lars Bruhns von der Initiative Vermisste Kinder, die Eltern Beratung bietet. Innerhalb eines Monats tauchen vier von fünf Kindern unter 14 Jahren wieder auf. Die Aufklärungsquote liegt deutschlandweit laut Bundeskriminalamt (BKA) bei 98 Prozent. Die Ausreißer suchen nach Freiräumen, fliehen vor Gewalt oder die Gesuchten haben einfach vergessen, den Eltern zu sagen, wo sie sind.

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Bundesweit bis zu 300 neue Vermisste pro Tag

Jeden Tag werden in Deutschland 200 bis 300 Menschen als vermisst gemeldet - und genauso viele Fälle aufgeklärt. In der Statistik enthalten sind daher immer auch neben den Altfällen die zahlreichen Fälle, die schnell geklärt werden. Am 1. April 2017 waren 1.886 Kinder (bis einschließlich 13 Jahre) und 7.688 Jugendliche vermisst gemeldet. Davon waren allein gut 1.000 von einem Elternteil entzogene Minderjährige. Dazu kamen etwa 7.000 minderjährige Flüchtlinge, die separat erfasst werden. Als ungeklärt gelten seit 1951 insgesamt 1.869 Fälle verschwundener Kinder. Auch sie können freiwillig abgehauen oder verunglückt sein - oder sie wurden Opfer eines Verbrechens. Bei jedem Zweiten handelt es sich um Kinder, die wegen eines Sorgerechtsstreits vermisst werden, öfter ausreißen oder unbegleitete Flüchtlingskinder.

Vermisste Kinder unter 14 Jahren
JahrVermisstenfällegeklärte Fälle (Stand)
20126.3196.300 (24.09.2015)
20136.2006.153 (24.09.2015)
20147.1777.018 (6.4.2016)
20156.3195.696 (23.05.2017)
20168.0717.618 (23.05.2017)

Wo sind die vermissten Flüchtlingskinder?

Erst im März dieses Jahres verschwand der zehnjährige Hayatullah Stanigzai aus Schwerin. Die Polizei vermutete, er sei aus Angst vor einer Abschiebung untergetaucht. Wie viele minderjährige Flüchtlinge wirklich vermisst werden, ist laut BKA allerdings schwer zu sagen. Viele nutzten Deutschland nur als Transitland; zudem gebe es sicher Mehrfachmeldungen desselben Kindes. Das könne aber kein Grund sein, nicht nach ihnen zu suchen, findet der Lübecker Bruhns. "Flüchtlingskinder sind Kinder wie alle anderen auch. Man muss nach allen Kindern gleich stark suchen. Wenn Tausende Deutsche Kinder verschwunden wären, würde man ganz anders Alarm schlagen." Unbegleitete Minderjährige sind besonders gefährdet, Opfer von Gewalt zu werden, da niemand sie schützt und versorgt.

Zuständig für die Suche sind die Polizeidienststellen. Das BKA gibt die Suchen an andere Nationen weiter. "Es ist in der Tat schwierig, die minderjährigen Flüchtlinge zu finden, weil man die Suche nicht eingrenzen kann", sagt eine Sprecherin des BKA. Man habe keine Bilder, Namen würden oft verschiedene Schreibweisen haben, sodass man nicht sicher sein kann, ob Mohamad aus Deutschland auch Mohammad aus Schweden ist. "Das Dunkelfeld wird immens sein. Viele der Kinder meldet einfach niemand."

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Fälle wie Hilal Ercan aus Hamburg oder Katrin Konert aus Bergen sind die große Ausnahme. Beide Mädchen wurden bis heute nicht gefunden. Werden Kinder Opfer eines Verbrechens, bleiben nur wenige Stunden, das Kind zu retten. Zeugen sind entscheidend. Seit Jahren fordert Bruhns deshalb ein zentrales Alarmsystem, eine spezialisierte Polizeieinheit, die sich schnell um die Akutfälle kümmert und auch die Öffentlichkeitsfahndung steuert. "Es kann nicht sein, dass die Fälle sich in der 'Bild' abspielen, anstatt dass die Polizei die Kommunikation in der Hand hat."

Von Polizei über Privatpersonen bis hin zu Medienseiten würden zahlreiche Vermisstenmeldungen über das Internet verteilt. Er glaubt, die User würden dadurch abstumpfen und dann den einen wirklich wichtigen Fall nicht erkennen. "Die Behörden sagen uns, es seien ja nur wenige Verbrechensfälle und die Polizei mache schon viel. Die wenigen Kinder verschwinden oder sterben aber trotzdem." Fotos der Kinder könnten von der Polizei auf Handys geschickt und in Timelines gepostet werden. Auch eine bundesweit einheitliche Nummer für Hinweise wünscht er sich.

Bei vermissten Minderjährigen gilt immer Gefahr für Leib und Leben

In Hamburg übernimmt die zuständige Kriminalpolizei des Bezirks die Suche nach vermissten Kindern. "Jeder weiß hier, was dann zu tun ist", sagt Jörg Schröder, Kripoleiter in Wandsbek. Hamburgs Nummer für Hinweise ist einheitlich: 040/42 86 -56 789. Aber auch die 110 oder jede Polizeiwache kann Zeugen helfen.

Weiß eine Familie nicht, wo sich ein Minderjähriger befindet, nimmt die Polizei grundsätzlich eine Gefahr an und leitet daher sofort Ermittlungen ein. Denn Minderjährige dürfen im Gegensatz zu Erwachsenen nicht selbst bestimmen, wo sie sich aufhalten. Die Suche verlaufe zwar in gewisser Weise standardisiert - gleichzeitig aber immer sehr individuell. Zunächst werde das Lebensumfeld befragt: Freunde, Mitschüler und Familie. Und es wird durchsucht: Wohnung, Keller, Schule, Verein. Regelmäßig werden Spürhunde oder Hundertschaften eingesetzt, Handys geortet und verschiedene Medien wie das Fahrgastfernsehen der U-Bahnen genutzt. Wann die Öffentlichkeit eingeschaltet wird, hänge immer von der Informationslage ab, sagt Schröder. Bei Kindern passiere dies oft sehr schnell. "Ist es ein Kleinkind oder ein Streuner, der alle paar Tage abhaut? Letzteren suchen wir zunächst an den Orten, an denen er sich üblicherweise aufgehalten hat. Trotzdem kann aber auch ihm etwas passiert sein. Das ist schwierig, zu beurteilen." Die meisten, wie Sophie, tauchen aber wohlbehalten wieder auf.

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Dieses Thema im Programm:

NDR//Aktuell | 26.05.2017 | 14:00 Uhr

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