Stand: 08.11.2017 13:55 Uhr

Sterbehilfe-Prozess: Arzt freigesprochen

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Der angeklagte Arzt wurde freigesprochen.

Im Prozess um die Sterbehilfe für zwei Frauen im Alter von 81 und 85 Jahren in Hamburg ist der angeklagte Arzt freigesprochen worden. Die Entscheidung der Frauen, aus dem Leben scheiden zu wollen, sei von ihnen bewusst getroffen worden, sagte der Vorsitzende Richter am Mittwoch. Die Frauen hätten nicht zu unüberlegten spontanen Entscheidungen geneigt. Der 75 Jahre alte Mediziner war vor dem Hamburger Landgericht angeklagt, weil er den Frauen im November 2012 tödliche Medikamente brachte. Ihm wurde versuchte Tötung auf Verlangen durch Unterlassen vorgeworfen.

Die Staatsanwaltschaft hatte dem Arzt Totschlag vorgeworfen und sieben Jahre Haft gefordert. Sie warf dem Neurologen und Psychiater vor, dass er die beiden Frauen falsch beraten und keine Alternativen zum Suizid angeboten habe. Die Verteidigung hatte Freispruch gefordert.

Die beiden Frauen hatten sich zwei Jahre vor ihrem Suizid an den Verein Sterbehilfe Deutschland des früheren Hamburger Justizsenators Roger Kusch gewandt. Der ehemalige CDU-Politiker hatte den Arzt für ein Gutachten vermittelt, war selbst aber nicht angeklagt.

"Wir müssen es auch nicht verstehen"

Die beiden Frauen hätten aktiv im Leben gestanden, führte der Richter aus. Sie seien viel gereist, hätten Bridge gespielt und ihre Verwandten besucht. Sie hätten altersbedingte Beschwerden, aber keine lebensbedrohenden Krankheiten gehabt. Am 10. November 2012 jedoch schluckten sie zusammen einen Giftcocktail. Warum bleibt unklar. "Wir müssen es auch nicht verstehen", sagte der Richter. Möglicherweise hätten sie Angst vor einer Pflegedürftigkeit gehabt und Sorge, dass ihre Finanzen nicht ausreichten. Die Entscheidung der beiden Frauen sei wohlüberlegt gewesen. Alleine darauf komme es an.

Gericht sieht keine unterlassene Hilfeleistung

Das Gericht geht davon aus, dass der Verein Sterbehilfe das tödliche Malaria-Medikament besorgt hat, das die Frauen mit einem Medikament gegen Übelkeit und einem Schlafmittel eingenommen hatten. Der Arzt war bei der Einnahme anwesend und rief eine halbe Stunde nach Atemstillstand die Polizei. Der Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung treffe ihn dennoch nicht, so das Gericht, weil die beiden Frauen lebensverlängernde Maßnahmen ausdrücklich abgelehnt hätten. Eine Rettung wäre ohnehin sehr unwahrscheinlich gewesen. Auch ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz komme angesichts der geringen Mengen nicht in Betracht.

Ende 2015 ist ein neues Bundesgesetz in Kraft getreten, das die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung unter Strafe stellt. Damit soll Sterbehilfe-Organisationen die rechtliche Grundlage entzogen werden. Da der Fall aber länger zurückliegt, kommt das Gesetz in diesem Fall nicht zur Anwendung.

Weitere Informationen

Sterbehilfe: Streit um Totschlag-Anklage

Vor dem Hamburger Landgericht wird gegen einen Arzt des Sterbehilfe-Vereins von Ex-Justizsenator Kusch verhandelt. Er hatte zwei Seniorinnen tödliche Medikamente gegeben. War es Totschlag? (31.08.2017) mehr

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 08.11.2017 | 14:00 Uhr

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