Stand: 16.10.2018 23:57 Uhr

Status Quo: Wohnen in Hamburg

von Reinhard Postelt

Hamburg mangelt es an Wohnraum. Doch wie viele Wohnungen tatsächlich fehlen, dazu gibt es kaum Schätzungen. Der Mieterverein zu Hamburg geht von einem Fehlbestand von 35.000 Wohnungen in der Stadt aus, denn allein 14.000 Hamburgerinnen und Hamburger haben einen Dringlichkeitsschein - aber keine entsprechende Wohnung. Zudem leben noch rund 30.000 Geflüchtete in Erst- und Folgeunterkünften - und anerkannte Asylbewerber haben Anspruch auf eine Wohnung.

Dabei ist das Potenzial für neuen Wohnraum gegeben: Nach Angaben der Stadtentwicklungsbehörde hat Hamburg hat ein Wohnbau-Flächenpotenzial für etwa 130.000 neue Wohnungen. Davon liegen 70.000 in der inneren Stadt, 40.000 in den sogenannten Fokusräumen und 20.000 in den äußeren Lagen Hamburgs.

Günstige Wohnungen sind Mangelware

Besonders knapp in der Stadt sind günstige Wohnungen. Hamburg verfügt derzeit über 77.500 Sozialwohnungen, auch genannt "öffentlich geförderte Wohnungen", Mitte der 1980er-Jahre waren es noch 350.000. Der Grund: Die meisten öffentlich geförderten Wohnungen fallen nach 15 Jahren aus der Mietpreisbindung. Danach können sie schrittweise teurer werden - bei einem Neubezug sogar deutlich teurer.

Senat schraubt die Zahlen nach oben

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Macht der Senat genug für bezahlbaren Wohnraum in Hamburg?

Ab dem kommenden Jahr stellt der Senat auf eine Mietpreisbindung von 20 Jahren um. Bei der SAGA bleiben Neubauten sogar 30 Jahre lang eine Sozialwohnung - mit einer Anfangskaltmiete von 6,50 Euro pro Quadratmeter. Zudem hat der Hamburger Senat die jährliche Förderung für den Bau von 2.000 auf 3.000 Sozialwohnungen hochgeschraubt und will die Zahl weiter flexibel erhöhen. Im Pro-Kopf-Vergleich aller Bundesländer liegt Hamburg damit weit vorn an der Spitze.

In den folgenden Jahren soll sich die Zahl der Sozialwohnungen auf 83.000 einpendeln. Ein Anspruch auf eine Sozialwohnung haben aber 368.000 Hamburgerinnen und Hamburger. Nach einer aktuellen Studie der Hans-Böckler-Studie fehlen in Hamburg 101.000 günstige Wohnungen für Kleinverdiener, die 60 Prozent unter dem Durchschnittseinkommen beziehen.

Die Mieten steigen weiter

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Das knappe Angebot und die hohe Nachfrage lassen die Mieten weiter steigen. In den vergangenen beiden Jahren ist Hamburg kräftig gewachsen: Laut Statistikamt kletterte die Einwohnerzahl jeweils um etwa 20.000 Menschen. Demgegenüber wurden aber nur knapp 8.000 Wohnungen pro Jahr fertiggestellt. Bei einer durchschnittlichen Belegung von weniger als zwei Personen pro Wohnung fehlen von Jahr zu Jahr also mehr Wohnungen - obwohl Senat und Bauwirtschaft den Wohnungs-Neubau so gesteigert haben, wie seit den 1980er-Jahren nicht mehr.

Doch der Anteil der Single-Wohnungen ist auf 46 Prozent angestiegen, und auch der Quadratmeter-Bedarf pro Bewohner ist gewachsen. Eine Trendwende ist nicht zu erkennen. Der Mieterverein zu Hamburg rechnet auch in den nächsten drei bis fünf Jahren mit steigenden Mieten. Denn: Hamburg wächst weiter.

Viele Genehmigungen werden nicht genutzt

Seit die SPD in Hamburg regiert, hat sie den Wohnungsbau in der Stadt massiv hochgefahren: Die Zahl der erteilten Baugenehmigungen hat sich seit 2011 mehr als verdreifacht: von zuvor 3.500 auf 6.000 und dann 10.000 Genehmigungen pro Jahr. Derzeit sind es sogar über 12.000, doch viele der Genehmigungen werden nicht genutzt, sondern beispielsweise nur zur spekulativen Wertsteigerung von Grundstücken beantragt.

Neubau-Zahlen lassen sich kaum steigern

Um den Wohnungsbau zu steigern, hat der Senat Bündnisse mit der Wohnungswirtschaft und den Bezirken geschlossen, die bundesweit Schule gemacht haben. Doch fast alle Experten in Politik und Wirtschaft sagen: In Hamburg lässt sich der Neubau kaum nennenswert steigern. Die Gründe hierfür sind vielfältig.

Einerseits fehlt es an Grundstücken, vor allem bezahlbaren. Einen Silberstreifen am Horizont bietet einzig die Ankündigung der Großen Koalition in Berlin, bundeseigene Grundstücke künftig billiger an Städte und Kommunen zu verkaufen. Andererseits mangelt es zunehmend an der Akzeptanz von Anwohnern für Nachverdichtungen, also für das Füllen von Baulücken. Sehr viele solcher Bauvorhaben landen vor Gericht. Und Bezirkspolitiker beugen sich schon mal einem Bürgerbegehren gegen Neubauten.

Ein unheilvoller Kreislauf

Zudem verhindern gewisse Baubestimmungen die teils günstigen Neubauten. Investoren sehen sich von Klimaschutz-Auflagen, wie dem Passivhausbau, oder Zusatzforderungen der Politik nach Gründächern, Barrierefreiheit, Elektrorad-Ladestationen und öffentlichen Grünflächen genötigt und legen die Projekte auf Eis. Und schließlich fehlen schlichtweg die Handwerker - die Baufirmen sind voll ausgelastet. Deswegen steigen auch die Baupreise, und damit dann auch wieder die Mieten - ein unheilvoller Kreislauf.

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